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Abschied vom Zwei-Prozent-Ziel? Neue Sanierungsstudie vorgelegt

Eine Steigerung der Sanierungsrate in Deutschland ist unrealistisch, der vermeintliche „Sanierungsstau“ im Gebäudebestand eine Schimäre und bestehende Wohngebäude meist besser als ihr Ruf. Zu diesen – für viele erstaunlichen - Ergebnissen gelangt eine neue Studie, die das Berliner empirica-Institut erstellt hat.

empirica-Institut

Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit energetischer Sanierungen gibt es beinahe wie den sprichwörtlichen „Sand am Meer“ Meist stellen sie theoretische Modellrechnungen an ebenso theoretischen Modellgebäuden an. Die Studie „Energetische Sanierung von Ein- und Zweifamilienhäusern - Energetischer Zustand, Sanierungsfortschritte und politische Instrumente“ des Berliner empirica-Instituts geht hier andere Wege: Sie wirft einen Blick auf den realen Zustand des Wohngebäudebestandes in Deutschland. Auftraggeber der Untersuchung war der Verband der Privaten Bausparkassen e.V.

Die Studie will vor allem herausfinden, ob eine Erhöhung der energetischen Sanierungsquote von derzeit einem auf zwei Prozent jährlich – wie von der Politik immer wieder gefordert – in Deutschland realistisch, sinnvoll und wirtschaftlich wäre. Untersucht wurden in diesem Fall Ein- und Zweifamlienhäuser, die 48% aller Wohnungen und 61% der bewohnten Wohnfläche in Deutschland ausmachen.

„Beeindruckend guter“ Zustand des Gebäudebestands

Eine Schlussfolgerung des Papiers lautet: „Der aktuelle energetische Zustand des älteren Ein- und Zweifamilienhausbestandes ist – gerade vor dem Hintergrund der diskutierten Einsparpotenziale – beeindruckend gut.“ Über 80 Prozent aller älteren Häuser (Baujahr vor 1978) haben mindestens einen Niedertemperaturkessel, 96% aller Fenster sind mindestens zweifach verglast und in 69% der Häuser wurde das Dach oder die obersten Geschossdecke gedämmt. Einzig bei der Außenwanddämmung (die in 35% aller älteren Häuser vorhanden ist) und der Kellerdeckendämmung (24%) gebe es noch Nachholpotenzial.

Entsprechend geringer als vielfach angenommen fallen oft die Einsparpotenziale  bei einer Sanierung aus. Laut Energieausweis beträgt der durchschnittliche Energiebedarf eines unsanierten Einfamilienhauses 400 kWh/m²a und der eines sanierten Hauses 160 kWh/m²a. Breit angelegte Erhebungen, bei denen der Energiebedarf mehrerer Zehntausend Häuser anhand der Heizungsablesung ermittelt wurde, kommen hier auf ganz andere Zahlen: Nicht nennenswert modernisierten Häuser haben einen Energieverbrauch von durchschnittlich 167 kWh/m²a und sanierte verbrauchen 111 kWh/m²a Energie (alle Energiezahlen beziehen sich auf den Endenergieverbrauch).

Die Diskrepanz hat mehrere Gründe, die die empirica-Forscher wie folgt benennen: „Gerade

in nur wenig modernisierten Häusern werden Nebenräume nicht geheizt, das Schlafzimmer nur wenig, die Raumtemperatur abgesenkt, die Zimmer seltener gelüftet. Insbesondere bei den 60 % (!) der Einfamilienhäuser, die nur noch von einer oder zwei Personen bewohnt werden, werden die Kinderzimmer nur noch selten geheizt.“

empirica-Institut
Vergleich zwischen durchschnittlichem theoretischem Energiebedarf (blau) und real gemessenem Energieverbrauch (grün) bei unterschiedlichen Gebäudetypen

Geringere Einsparquoten als berechnet

Interessant ist nun die Differenz zwischen „unsaniert“ und „saniert“ in Theorie und Praxis: Ergibt sich beim theoretischen Bedarf ein Unterschied (und damit eine mögliche Einsparung) von 240 kWh/m²a, schrumpft diese beim realen Verbrauch auf nur noch 56 kWh.

Auch wenn sich aus diesen Durchschnittswerten kaum auf den Einzelfall schließen lässt, gilt es mittlerweile als offenes Geheimnis, dass energetische Sanierungen oft weit weniger bringen und weniger wirtschaftlich sind als vorher berechnet.

Was bedeutet dies nun für das Ziel der Politik, bis 2050 einen „klimaneutralen Gebäudebestand“ zu erreichen und hierfür die Sanierungsrate auf zwei Prozent zu verdoppeln? Zitat der Studie: „Die politisch erwünschte Verdoppelung der energetischen Sanierungsrate ist unrealistisch. Ein Sanierungsstau, den es aufzulösen gilt, existiert im deutschen Einfamilienhausbestand nicht. Die aktuelle energetische Sanierungsrate von rd. 1 % der Aussenhülle (Decke, Wände, Fußboden) ist vielleicht niedrig im Vergleich zu den politischen Zielen, nicht aber im Hinblick auf den baulichen Zustand der Ein- und Zweifamilienhäuser.“ 

Bisher galt bei Sanierungen das sogenannte Kopplungsprinzip: Energetische Verbesserungen müssen nur dann vorgenommen werden (und sind auch nur dann wirtschaftlich sinnvoll), wenn ohnehin eine Erneuerung des betreffenden Bauteils (Heizung, Fassade oder Dach) ansteht. Vor einem Abrücken von diesem Prinzip warnt die Studie: Würden die Sanierungsraten – etwa durch „Abwrackprämien“ für alte Heizungen – künstlich über das bisherige Maß hinaus gesteigert, würde dies lediglich zur Vorzieheffekten führen. Die 2008 beschlossene Abwrackprämie für Autos lässt grüßen: Nach ihrem Ende sackten die Verkaufszahlen umso stärker in den Keller.

Kaum „vergebene Chancen“

Letztlich bleibt damit nur eine Möglichkeit: Weiterhin nach dem Kopplungsprinzip die sich gebenden Möglichkeiten nutzen – diese aber umso entschlossener. Zwar beziffert die Studie die Anzahl „vergebener Chancen“ (reine Bauteilsanierung ohne energetische Aufwertung) als eher gering, zumal die EnEV hier enge Grenzen setzt. Dennoch empfehlen die empirica-Forscher, hier Hilfestellung zu leisten – etwa durch spezielle Bausparprogramme, mit denen Gebäudebesitzer die notwendigen Investitionssummen für größere energetische Sanierungen langfristig ansparen könnten. Der Vorschlag überrascht zwar angesichts des Auftraggebers der Studie kaum, doch ähnliche Vorschläge haben in der jüngeren Vergangenheit auch andere Experten gemacht.

Zu guter Letzt weist die empirica-Studie noch auf eine weitere, bislang unbeachtete Besonderheit energetischer Sanierungen hin. Sie sind auch deshalb oft so unwirtschaftlich, weil die Preise energierelevanter Baustoffe in den letzten Jahren viel stärker gestiegen sind als die durchschnittlichen Verbraucherpreise.  Wärmepumpen etwa wurden seit 2000 um 41% teurer, Brennwertkessel um 40% und Dämmstoffe um 35%. Der durchschnittliche Warenkorb des Verbrauchers hingegen sei in der gleichen Zeit nur um 17% teurer geworden, so die Untersuchung.

Zum Download der Studie:

„Energetische Sanierung von Ein- und Zweifamilienhäusern - Energetischer Zustand, Sanierungsfortschritte und politische Instrumente“

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