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Algorithmen erlebbar machen

Der klassische Prozess, ein Haus zu bauen, sieht als Grundlage eine Planung, die Größe und Material des Gebäudes bestimmt. Doch wie kann Planen funktionieren, wenn man den Weg entgegengesetzt beschreitet und das zur Verfügung stehende Materialangebot zum Ausgangspunkt der Planung macht? Angesichts schwindender Ressourcen wird sich auch die Baubranche künftig umorientieren müssen.

Mine the Scrap
In dem Projekt »Mine the Scrap« präsentiert das Team von Certain Measures einen computergestützten Planungsprozess, der aus unsortiertem Bauschutt neue Strukturen generiert. Anstatt den aufwendigen Weg des Trennens, Zerkleinerns und Wiedereingliederns des Altmaterials zu beschreiten, sucht die Software für jedes Teil die beste Verwendungsmöglichkeit innerhalb einer neuen Struktur. »Wir suchen nach dem besten Gebäude, das sich aus den vorhandenen Teilen bauen lässt«, beschreibt Nolte die Aufgabe von »Mine the Scrap«. »Das ist, als stünde man vor einem halbleeren Kühlschrank und bekäme das beste Sandwich vorgeschlagen, das man aus den Resten machen kann«. Möglich macht dies Technologie zur Form- und Mustererkennung, wie sie beispielsweise in selbstfahrenden Autos Anwendung findet. Eine Software scannt im ersten Schritt das Material, generiert eine Inventarliste verschiedener Formen und errechnet anschließend, wie die Ressourcen ähnlich eines Flickenteppiches zu einer neuen Form gefügt werden können.

Einem breiten Publikum wurde die Idee von »Mine the Scrap« auf dem Forecast Festival im Haus der Kulturen der Welt und der Ars Electronica in Berlin präsentiert. Auf einer 15 m langen Leinwand wurde den Besuchern das Programm in einer begehbaren Sound- und Videoinstallation vorgeführt. »Wir wollten dadurch einen Algorithmus erlebbar machen«, erläutert Nolte die Intention. Dabei wurde dem Programm die Aufgabe gestellt, einen Kubus aus Altmaterial zu bauen. Wenn das Material zur Herstellung des Kubus nicht ausreicht, verformt sich die Struktur entlang der Kanten zu Minimalflächen. Dabei wird jedoch versucht, sich dem Kubus so gut es geht anzunähern. Die Ergebnisse in Form von Modellen entbehren nicht einer gewissen architekturhistorischen Ironie, wie Nolte zugibt: »Es ist der beste Kubus, den ich aus dem Prozess erlange. Es entstehen quasi Freiformen als der gescheiterte Versuch, einen Kubus zu bauen«.

Spatial Recognition
Während »Mine the Scrap« Formerkennungssoftware auf die Erkennung von Altmaterial anwendet, beschäftigt sich das Team von Certain Measures bei dem Projekt »Spatial Recognition« mit dem Erkennen und Maschinenlesen von Stadt- und Gebäudeplänen. Mit Hilfe der Software werden Grundstücks- und Gebäudeformen aus Flurkarten sortiert. Auch hier durchläuft das Programm am Beispiel von New York, Tokio, London oder Paris die Schritte Scannen, Organisieren, Analysieren und Kategorisieren. »Es geht darum, Formen zu erkennen und im Hinblick auf Morphologie zu analysieren«, erläutert Nolte. »Das ist wie eine Suchmaschine für Formen.« Damit können wichtige statistische Grundlagen geliefert werden, um Städte hinsichtlich ihrer Grundstücksformen zu vergleichen. Oder es können geeignete Grundstückszuschnitte für ein Bauprojekt im Stadtgefüge lokalisiert werden. Neben der Generierung sogenannter »Form Maps« entwickelt das Team von Certain Measures einen Softwareprototyp, mit dem Stadtpläne sowohl nach Grundstücksformen als auch nach soziodemografischen Daten durchsucht werden können.

Angesichts der Arbeits- und Forschungsergebnisse ist es wenig verwunderlich, dass sich Certain Measures nicht als klassisches Architekturbüro versteht, sondern vielmehr als hypothesegetriebenes Designlabor. Sie greifen auf Kompetenzen in Architektur, Mathematik, Robotik und Informatik zurück. Ziel ist es, die  menschliche Raumerfahrung zu verstehen, zu bereichern und zu verwandeln oder wie Nolte schmunzelnd beschreibt: »Wir verstehen uns als Inkubator für gute Ideen.«

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