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Architekturforschung – vom Prototyp zum Produkt

Welche Relevanz hat Forschung für die Architektur? Was können Architekten von anderen Disziplinen lernen? Wie direkt sollte Architekturforschung in den praktischen Planungsalltag integriert werden? Im Rahmen des Architektenforums LivingInteriors powered by DETAILresearch diskutierten die Materialexpertin Prof. Christiane Sauer, der Architekt und Zukunftsforscher Alexander Rieck und Markus Reisinger, Wissenschaftler im Bereich Raum- und Innenarchitekturforschung, das Thema Architekturforschung aus verschiedenen Perspektiven.

Wie direkt lassen sich Forschungsergebnisse in die Architekturproduktion integrieren?

Rieck: In der Baubranche haben wir in vielen Forschungsbereichen auf verschiedenen Ebenen – Materialen, Fertigungssysteme, Planung und Stadt – bereits sehr viel Wissen, aber die logischen Abwicklungen zur Realisierung stimmen noch nicht, deshalb lassen sich viele neue Technologien nicht so reibungslos umsetzten wie beispielsweise in der Automobilindustrie. Eine große Rolle spielt der Fertigungsprozess. Der lineare Prozess wird auch beim Bauen eines Tages verlassen werden. Die NASA beispielsweise fertigt demnächst ihre Raketentriebwerke mittel Rapid-Prototyping im 3D-Drucker. Das Problem der Bauwirtschaft ist nicht, dass wir das nicht auch könnten, das Problem ist, dass wir eine Abnahme haben. Dies bedeutet, dass man dass zwar hochwertig und hochfest drucken könnte, im Normalfall aber eine Abnahme durchführen müsste und jedes Element als Einzelfall von der Baugenehmigungsbehörde prüfen lassen müsste. Das führt natürlich den gesamten Prozess ad absurdum!

Sauer: Im Interiorbereich ist es im Gegensatz zum Hochbau etwas einfacher Innovationen anzuwenden. Hier muss man sich nicht in diesem komplexen Ausmaß mit der Bandbreite an Zulassungen auseinandersetzten. Die Anwendung von Innovationen in der Innenraumgestaltung ist spannend, weil man hier relativ schnell viele Dinge ausprobieren kann. Die Lebenszyklen sind nicht so lang. Ein Gebäude sollte mindestens 20-30 Jahre Bestand haben, im Innenraum finden viel schnellere Wechsel und kürzere Zyklen statt.

Wie erklären Sie sich, dass die Automobilindustrie als Innovationstreiber, auch für die Baubranche, fungiert. Weshalb scheinen hier die Prozesse schneller oder einfacher zu laufen?

Rieck: Die Prozesse laufen nicht einfacher ab, sie laufen konzentrierter ab. Tausende Ingenieure arbeiten an einem Produkt. Sie sind alle davon abhängig, dass dieses eine Produkt – das Automobil – exzellent auf dem globalen Markt angenommen wird. In der Architektur ist es meist nicht so, dass das Gebäude als ein Gesamtleistungsprodukt betrachtet wird. Das macht allenfalls der Architekt. Der Maurer betrachtet sein Mauerwerk als Produkt, der Fensterbauer seine Fenster, jeder Fachplaner sein eigenes Aufgabengebiet... Diese Betrachtungsweise ist geschichtlich bedingt, sie ist aber auch gesetzlich so geregelt. Wir haben zwischen den Akteuren und an den Schnittstellen gesetzliche Maßnahmen oder Regulierungen. Diese Tatsache hemmt natürlich. Das ist mit technischem Fortschritt allein nicht zu überwinden.

Reisinger: Die Automobilindustrie, wie übrigens auch alle anderen Industrien mit Massenprodukten, holt sich bei allen Prozessen immer wieder ein Feedback von den Usern ein. Sind die Nutzer mit einem Entwurf oder einem Produkt nicht zufrieden, wird dieses überarbeitet und optimiert. Produkte werden evolviert, sie durchlaufen einen stetigen Kreislauf. Alles, was der Endkonsument zur Verfügung gestellt bekommt, wurde bis ins kleinste Element evaluiert. Dieser Prozess findet selbstverständlich auch seinen Widerhall in der Gestaltung.

Sauer: In der Automobilindustrie ist der Innovationsdruck grundsätzlich viel höher als in der Bauindustrie. Die Bauindustrie hat sich ziemlich gemütlich eingerichtet. Das liegt auch daran, dass das Verhältnis von produzierender Industrie zum Endkunden in der Automobilindustrie sehr viel direkter ist. Der Endkunde kauft das Fahrzeug von der Industrie. Das ist in der Baubranche anders. Als Architekten stehen wir als Vermittler zwischen dem Kunden und der Bauindustrie. Der Architekt kämpft sozusagen nach allen Seiten. Wir vermitteln der Bauindustrie den Wunsch nach mehr Innovation und müssen dies gleichzeitig auch dem Klienten verkaufen.

Architekturen sind fast immer Prototypen. Ist es bei Prototypen nicht einfacher Innovationen einfließen zu lassen als bei einem Massenprodukt?

Rieck: Ja und Nein. Das hängt immer von den Akteuren ab. Wir bei LAVA sind ein kleines Büro. Wenn wir etwas ausprobieren möchten, dann sind in den Entscheidungsprozess ungefähr fünf Personen involviert. Wenn wir uns einig sind, können wir ein Experiment starten. So kann man in der Industrie natürlich nicht vorgehen, wenn Entscheidungen von 5.000 Personen getragen werden muss. Das ist nicht zu vergleichen. Allerdings sind der Mut und die Motivation der Baubranche neue Wege zu gehen nicht besonders hoch. Ein Beispiel: Ein institutioneller Investor bringt sich in ein standardisiertes Projekt ein. Vermietet sich das Objekt schlecht, schiebt der Investor die Schuld auf die Entwicklung des Markts, schließlich hat er alles so gemacht wie alle anderen auch. Wenn er aber ein innovatives Projekt finanziert, das sich nicht vermietet, hat er ein Erklärungsproblem. Die meisten tendieren dann eher zu der vorsichtigen Variante.

Übergeordnete Trends wie Nachhaltigkeit oder Ökologie haben sich aber auch in der Architektur vom experimentellen Bauen zum Standard entwickelt. Wie wichtig ist es, mit der Natur zu planen?

Sauer: Ein ganzheitliches Denken ist wichtig. Mit der Natur zu planen kann auf vielen verschiedenen Ebenen geschehen. Es kann bedeuten, nicht in Einzelkomponenten zu denken, sondern Gebäude als Systeme zu begreifen, so wie die Natur immer ein System von unterschiedlichen Komponenten ist. Um alle energetischen aktivierbaren Oberflächen perfekt zu nutzen, könnte man Gebäude beispielsweise nicht anhand der inneren Funktionen, sondern anhand der Hülle planen. Die für die Stromerzeugung perfekte Form würde die Gestaltung vorgeben. Auch Materialien spielen eine wichtige Rolle. Ich muss kein Hightech-Material um die halbe Welt transportieren. Mit der Natur zu planen, bedeutet Materialien zu nutzen, die man vor Ort findet. Hier setzt gerade ein Umdenkprozess ein hin zu lokalen Netzwerken und zu lokalen Ressourcen. Welche Rolle spielt das Kreislaufdenken für die Architekturforschung?

Rieck: Gebäude- und Materiallebenszyklus sowie graue Energie sind natürlich in der Architektur ein großes Thema. Planung und Umsetzung werden im Lifecycle-Prozess um das totale Recycling und die Neuverwertung von Gebäuden erweitert. Diese werden nach Gebrauch komplett in ihre Bestandteile zerlegt und die Rohstoffe wieder dem Rohstoffkreislauf zugeführt. Hier wird es zukünftig noch viele Methoden und Entwicklungen geben, die wir im Moment noch gar nicht auf dem Schirm haben. In der Architektur versuchen wir immer statische Zustände zu erreichen. Dabei ist die Dynamik der Natur sehr viel schöner und spannender. Übertragen auf die Architektur könnte dies bedeuten, dass sich Gebäude anpassen können, sich weiterentwickeln oder schrumpfen, wenn sie nicht gebraucht werden. Solche ganzheitlichen Systeme auf die Stadt zu übertragen und biologische Prozesse zu integrieren, halte ich für hochinteressant.

Die heutigen Studenten sind die Planer von morgen. Lassen sich in ihrem Denken bereits Tendenzen für die Gestaltung unserer zukünftigen Umwelt ablesen?

Reisinger: Ein wichtiger Punkt ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Meine Studierenden versuchen zu erkennen, wie sie von anderen Disziplinen profitieren können. Sie geben sind nicht mit dem Ist-Stand zufrieden, sondern wollen diesen optimieren. Diese Grundhaltung muss durch die Lehre stimuliert werden. Die Studierenden sollen diesen Geist später weiterführen und die Methoden im Arbeitsleben einbringen und auch einfordern. Für innovative Ideen ist es wichtig, im Netzwerk mit anderen zusammenzuarbeiten.

Wie können wir Architekten lernen im Netzwerk zu arbeiten und aus unserer "Gestaltungsbox" herauszukommen?

Reisinger: Sobald Planer erkennen, dass Forschungsprojekte eine direkte Relevanz für ihre Arbeit haben, ergeben sich daraus wieder neue Chancen. Wenn die Forschungsergebnisse praktisch in die eigene Arbeit einfließen und genutzt werden, ändert sich die Perspektive. Es ist wichtig, dass über interdisziplinäre Forschungstätigkeiten gesprochen wird und dass Foren und Plattformen entstehen, die die verschiedenen Disziplinen zusammenkommen lassen. Der Austausch ist wichtig, um gemeinsame neue Projekte zu starten.

Sauer: Es geht auch darum, zu vermitteln, wie wertvoll Schnittstellen zu anderen Disziplinen sein können, die Hemmschwelle zu senken und miteinander zu sprechen. Wir müssen uns ein neues Vokabular aneignen. Ein Beispiel: In der Architektur sprechen wir von "biegesteif" und "schubfest", Textiler hingegen sprechen von "biegeweich" und "schubschlaff". Man muss sich auf das Gegenüber einlassen und seine Sprache erweitern.

Rieck: Nicht nur reden, sondern tun!

Die Gespräch wurde von Roland Pawlitschko, freier Autor und Architekturjournalist, moderiert.

Materialforschung, Foto: formade – Studio für Material und Architektur
Christiane Sauer, Foto: formade

Prof. Christiane Sauer

Christiane Sauer, Architektin und Materialspezialistin, ist Gründerin von "formade – Studio für Material und Architektur" und Partnerin im Büro LülingSauer Architekten. Zuvor war sie für internationale Büros wie OMA in Rotterdam oder FACE Design in New York tätig. Ihr Fokus liegt auf innovativen Einsatzmöglichkeiten von Material für Architektur und Design. Zu diesem Thema lehrte sie u.a. an der Universität der Künste Berlin, und als Gastprofessorin an der Burg Giebichenstein Halle und Cornell University, New York. Seit 2013 ist sie Professorin für Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Sie ist Mitgründerin der Internetplattform Architonic und veröffentlicht regelmäßig Neues zu Materialien in Fachzeitschriften und Fachbüchern, wie z.B. seit 2006 die Serie "Raum und Material" in md magazine. Ihr jüngstes Buch "Made Of ... – Neue Materialien für Architektur und Design", erschien 2010 im Gestalten Verlag, Berlin.

Alexander Rieck, Foto: Fraunhofer IAO

Dr.-Ing. Alexander Rieck

Alexander Rieck forscht seit über fünfzehn Jahren als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und ist ausgewiesener und promovierter Experte für Arbeits- und Büroorganisation, virtuelle Realität und Zukunftsszenarien. Er studierte Architektur in Stuttgart und in Arizona, USA, und arbeitete als Architekt in verschiedenen Büros in Deutschland. Im Jahr 2007 gründete Rieck gemeinsam mit seinen Partnern Chris Bosse und Tobias Wallisser das Architekturbüro LAVA (Laboratory for Visionary Architecture). LAVA realisiert visionäre Projekte in Abu Dhabi, China und Saudi-Arabien. Zu den bekanntesten Projekten zählen der Snowflake Tower, der Corniche Tower und Masdar Plaza. Im Moment arbeiten rund 45 Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart, Berlin und Sydney.

Markus Reisinger, Foto: HSLU

Markus Reisinger konnte seine Vorliebe für die Gestaltung mit Licht schon früh im Theater erproben. Nach dem Architekturstudium an der TU Graz betreute er als Szenograph und Lichtplaner verschiedenste internationale Projekte unter anderem für Philips Lighting in Eindhoven. Die Gestaltung von Licht-Erlebnisräumen war seine vornehmliche Aufgabe, beinhaltete aber auch die Entwicklung von Produktkonzepten für LED-Leuchten und langfristige Anwendungsvisionen für die Gestaltung von Innenräumen. Seit rund 10 Jahren widmet sich Markus Reisinger intensiv der Forschung im Bereich der visuellen Wahrnehmung von Innenräumen. Er arbeitete an der TU Delft und lehrte an der TU Graz. Seit 2012 ist er an der Hochschule Luzern - Technik & Architektur für die Forschung im Bereich Innenarchitektur verantwortlich. Die Forschungsaktivität stellt das sinnliche, emotionale Erleben von Innenräumen in den Mittelpunkt und positioniert sich damit am Schnittpunkt von Innenarchitektur und Psychologie. Thematische Schwerpunkte der aktuellen Forschung bilden die Erfassung und Kommunikation innenräumlicher Qualitäten.

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