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DETAIL Stipendium 2017/2018, Benno Schmitz

Benno Schmitz – WOHNTYPOLOGIEN

Die Geschichte des städtischen Wohnungsbaus verweist auf eine narrative Erzählstruktur – vom Kleinbauernhaus bis zur Wohnung in der Großwohnsiedlung – und kann anhand standardisierter Typologien beschrieben werden. Die Entwicklung verläuft nicht gradlinig, sondern wird durch verschiedenste Strömungen und Haltungen beeinflusst. Da der Massenwohnungsbau für Wohnraum in den Städten sorgt, haben die städtischen Häuser großen Einfluss auf die Architekturgeschichte, die Architekturtheorie sowie auf die Architektursoziologie.

Vor der Industrialisierung lebten die meisten Menschen im ländlichen Raum in ihren Küchen, Stuben, Ställen und Scheunen. Die Industrialisierung hat den Umzug der Menschen in die Städte gefördert – getrieben durch die Hoffnung auf ein besseres Leben. Durch den starken Menschenzustrom bildeten sich die Städte explosionsartig aus, um rein quantitativ den Wohnungsbedarf zu fassen. Viele Großfamilien lebten und arbeiteten aufgrund ihrer finanziellen Situation in kleinen Räumen von Familienhäusern. Alle Bewohner dieser Häuser waren der gleichen unteren gesellschaftlichen Schicht angehörig, ein Aufstieg schien nicht möglich. Die Kleinbauernhäuser entwickelten sich im Laufe der Zeit zu Arbeiterwohnungen, die später übereinander gestapelt zum Mehrparteienhaus wurden.

James Hobrecht akzentuierte Ende 1862 seine Vision, eine soziale und gemischte Stadt herzustellen und entwickelte für Berlin einen Typus für ein gesundes Stadtgefüge, den sogenannten „Block“. Die Mischung gliederte sich von unten nach oben und von vorne nach hinten im städtischen Block. Das vordere Haus an der Straße war im Erdgeschoss mit der Bel Etage für die großbürgerliche Schicht vorgesehen, oberhalb der die mittelbürgerlichen Schichten lebten. Eine weitere Abstufung war die Verschiebung ins Innere des Häuserblocks. Unterschiede gab es auch bei der Fassadengestaltung – im Gegensatz zu den überladenen Fassaden der Vorderhäuser waren die Hinterhäuser meist sehr karg – sowie bei der sanitären Ausstattung, die in den Hinterhäusern oft nicht vorhanden waren. Die Wohnungen wurden nicht ausschließlich zum Wohnen, sondern auch als Laden, Büro und Gewerbebetrieb genutzt. Eine Weiterentwicklung des städtischen Blocks ist der Reformblock. Hier wurde die unhygienische Lebenssituation der Bewohner verbessert, indem die Hinterhöfe eine kleinmaßstäblichere Bebauung aufwiesen oder gar frei blieben.

Die Gartenstadtbewegung, Typus »Gruppe«, reagierte auf den Auswuchs der wachsenden Großstadt und transformierte das Mietshaus zum reinen Wohndoppelhaus mit Trennung der Räume für Eltern und Kinder, inklusive Kleinstall und Garten. Durch spekulative Grundstücksgeschäfte in den Innenstadtlagen wurden diese kleinen Städte vor den Toren der Stadt emporgezogen. Die Fortentwicklung von Siedlungen dieser Art beinhalten Reihenhäusern – mit der Typologie der »Reihe« anstelle von Doppelhäusern, um die Dichte zu steigern.

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Die Typologie der »Zeile« hat in den 1920er Jahren Einzug in das deutsche Siedlungswesen gehalten. Diese Wohnanlagen waren nahe von Fabriken gelegen und trennten Wohnen und Arbeiten systematisch voneinander ab. Diese Siedlungsanlagen fanden wie die Gartenstadtbewegung am Stadtrand Platz, wiesen durch eine höhere Bebauung aber eine weitaus höhere Dichte auf. Mit dieser Architektur garantierten die Planer Licht, Luft und Sonne für alle Bewohner dieser Häuser. Die große Monotonie der standardisierten, sich wiederholenden Architektur galt als Nachteil. Mit dem Voranschreiten der Industrialisierung gewann der Massenwohnungsbau an Relevanz und somit das Neue Bauen an Bedeutung. Die Vision des Neuen Bauens sollte den modernen Menschen formen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Errungenschaft der Moderne in Zweifel gezogen und versucht, sie auszulöschen.

Die Architekten-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg sah in den stark zerstörten Städten auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs die Chance, die Innenstädte wieder aufzubauen, zeitgemäß zu gestalten und ausreichend Licht und Grünzonen in die Stadtlandschaft zu integrieren. Die Wohntypologie der »Scheibe« und des »Punkts« wurde geboren. Im Osten Deutschlands wurde versucht, die Wohnungsnot mit der »Platte« zu lösen. Obwohl die Bombardierungen in der Bundesrepublik stärker waren, konnte vor allem die DDR nicht alle ihre Bürger mit zeitgemäßem Wohnraum versorgen. Über Jahrzehnte war die Großtafelbauweise mit den standardisierten Zwei- bis Vierzimmerwohnungen das Mittel der Wahl.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Großwohnsiedlungen, ein Konglomerat aus Wohnscheiben und Punkthäusern auf einem Fleck, in beiden Teilen Deutschlands in der Peripherie geboren – hiermit wollte man unter anderem den Babyboom der Nachkriegsjahre platzmäßig auffangen. Diese Siedlungen veränderten sich fortlaufend zu Problemzonen der Städte und visualisierten das Scheitern dieses Konzepts. Der soziale Abstieg förderte die Ghettoisierung und das Bilden von sozialen Brennpunkten. Von Rappern werden diese Orte oft thematisiert – so machte zum Beispiel Sido das Märkische Viertel über die Grenzen Berlins bekannt. In den 1990er Jahren wohnte jeder neunte Bürger der alten Bundesländer in einer Großwohnsiedlung – in den neuen Bundesländer hingegen nur jeder Vierte.

Ab dem späten 20. Jahrhundert wurden zunehmend die Bestände in den Innenstadtlagen saniert und verdichtet. Dadurch gibt es wieder Bestrebungen, im Sinne einer Blockrandstruktur zu bauen. In den Innenstadtlagen können zunehmend Wohnhochhäuser des Typus »Stiel« beobachtet werden. Dieser Typ ist und wird durch die höheren Baukosten ab einer bestimmten Gebäudehöhe zumindest vorerst nicht als reiner sozialer Wohnungsbau massentauglich sein.

Wohnungsbauten strahlen den politischen Willen, die Wirtschaftskraft und die sozialen Werte einer Zeit wieder. In den letzten hundert Jahren bezog sich der Massenwohnungsbau unmittelbar auf die Arbeitswelt der Industriegesellschaft. Wie wird sich wohl in Zukunft das Wohnen in der Wissensgesellschaft verändern?

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