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Das Nachtcafé als Gesamtkunstwerk:
 Ausstellung "Into The Night" in Wien

Was wäre Dada ohne das Cabaret Voltaire in Zürich? Was wäre De Stijl ohne das Café de l’Aubette von Theo van Doesburg, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp in Straßburg? Und was wäre die Wiener  Kunst- und Architekturszene des frühen 20. Jahrhunderts ohne das Kabarett Fledermaus, das die Protagonisten der Wiener Werkstätten 1907 gestalteten? Schon vor über 100 Jahren haben sich Kunst und Klubkultur gegenseitig befruchtet. Der Londoner Barbican und das Belvedere in Wien widmen diesem Phänomen nun die Ausstellung "Into the Night", die noch bis zum 1. Juni in Wien gezeigt wird. 

In zwölf Stationen führt die Schau im Unteren Belvedere die Besucher einmal rund um den Globus, wobei der weder geographisch noch chronologisch geordnete Rundgang einer Achterbahnfahrt durch die Kontinente und Kunstepochen gleichkommt. Von Paris geht es über London und Zürich nach Rom, dann plötzlich ins Nigeria der postkolonialen Ära und wieder zurück ins Berlin der 20er-Jahre. Als Urzelle des modernen Künstlerkabaretts hat Kuratorin Florence Ostende vom Barbican das "Chat Noir" am Pariser Boulevard de Clichy ausgemacht, das in den 1890er-Jahren für sein Schattentheater berühmt war und bereits die frühe Kinokultur vorwegnahm.

Eine Beziehung auf Gegenseitigkeit
Auch andere Bars und Clubs gaben der Kunst wichtige Impulse: Die Bar "Bal Tik Tak" von Giacomo Balla und Fortunato Deperos "Cabaret del Diavolo" in Rom waren Kristallisationspunkte des italienischen Futurismus und die Berliner Malerszene der 20er-Jahre um Otto Dix, George Grosz und Elfriede Lohse-Wächtler ließ sich vom zeitgenössischen Nachtleben der  Spreemetropole inspirieren. Andererseits waren viele Clubs auch Gesamtkunstwerke, denen Künstler und Architekten ihren Stempel aufprägen konnten – allen voran das "Aubette" in Straßburg und das Cabaret Fledermaus in Wien, die in der Ausstellung beide mit Teilnachbauten in Originalgröße vertreten sind. Der Fliesenschmuck aus den Wiener Werkstätten wurde für die Ausstellung eigens in einem Forschungsprojekt der Universität für Angewandte Kunst in Wien rekonstruiert.

Und nicht nur in Europa dienten Bars und Cafés der Künstleravantgarde als Treffpunkt, wie der Mbari Mbayo Club und der Mbari Artists and Writers Club in Nigeria sowie das Café "Rasht 29" in Teheran belegen. Gemeinsam ist allen in Wien gezeigten Orten, dass sie Oasen des freien Denkens waren – und dass sie oft nur kurz existierten. So überdauerte das Cabaret Voltaire in Zürich in den Wirren des Ersten Weltkriegs nicht einmal ein halbes Jahr lang.
Das Kuratorenteam war sichtlich bestrebt, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Exponate ein lebendiges Bild der vergangenen Klubkultur zu zeichnen. Zu sehen sind Gemälde, Plakate, Originalmobiliar sowie Entwurfszeichnungen für Innenausstattung und Leuchtreklamen, aber auch Masken, Menükarten und die eine oder andere Filmaufnahme. Eins jedoch vermag "Into the Night" nicht zurück ins Leben zu holen: die Musik und den Tanz, die Begeisterung und das Lampenfieber, kurz: das Leben, das in den Kabaretts und Clubs geherrscht haben muss. So mutet die Ausstellung ein wenig so an wie die Fotodokumentation eines Fußballspiels: faszinierend anzusehen, aber eben nicht das wahre Leben.

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