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Rezension, Dichtelust. Formen des urbanen Zusammenlebens in der Schweiz Andreas Kofler (Hg.), Christoph Merian Verlag

Dichtelust: Wenn Menschen enger zusammenrücken

Kann Dichte Spaß machen, gar Lust bereiten? In der Schweiz stellt sich diese Frage derzeit mit erhöhter Dringlichkeit. 2013 schob eine Revision des Schweizer Raumplanungsgesetzes der weiteren Ausdehnung der Siedlungsgebiete weitgehend einen Riegel vor. Gleichzeitig gehen ernst zu nehmende Szenarien davon aus, dass in der Alpenrepublik schon bald 10 Millionen Einwohner leben könnten. Die Schweizer werden also näher zusammenrücken müssen. Mit dem Buch »Dichtelust« und der gleichnamigen Ausstellung versucht das Schweizerische Architekturmuseum (S AM), dieser Entwicklung positive Aspekte abzugewinnen. Der Titel ist als Gegen-Framing zur Wortschöpfung »Dichtestress« zu verstehen, mit der vorwiegend das rechte politische Spektrum in der Alpenrepublik gegen weitere Zuwanderung Stimmung macht.

Auf die Art der Dichte kommt es an
Allerdings ist Dichte ist nicht gleich Dichte – diese Erkenntnis wird in dem Buch des S AM wieder und wieder betont. Bauliche, quantitative Dichte lässt sich mit Geschossflächenzahlen und Überbauungsziffern erfassen. Qualitative Dichte ist eher ein gefühltes Konstrukt, sie hängt von Nutzungsmischung, Angebotsvielfalt und sozialer Interaktionsdichte ab. Neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht – ebenso wie die Tatsache, dass die gleiche Dichte sehr unterschiedliche bauliche Ausprägungen erfahren kann, der das Buch ebenfalls ein ganzes Kapitel widmet. Zu allgemein, zu sehr an der Oberfläche bleiben diese allgemeinen Betrachtungen. Es fehlt eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Frage, welche Aspekte von Dichte auch bei politisch unvoreingenommenen Menschen Stress auslösen können. Etwas befremdlich ist auch die suggestiv vorgebrachte Behauptung, Dichteaversion sei ein rein Schweizer Phänomen. Zahllose Großstadtbewohner aus anderen Ländern können ein Lied vom Gegenteil singen. Weshalb sonst wäre wohl in Deutschland das Einfamilienhaus im Grünen bei jungen Familien so beliebt wie eh und je?

Gelungene Beispiele und viel Zukunftsmusik
Spannender sind da schon die Abschnitte des Buchs, die sich konkret der Schweizer Situation widmen: etwa Thomas Haemmerlis pointiert geschriebene »15 Stationen zur Dichteaversion des Helveters« oder der Projektteil mit 25 Beispielen baulicher Nachverdichtung vom Einzelhaus bis zum Wohnquartier. Und das Schlusskapitel, in dem ein fünfköpfiges Autorenteam die wichtigsten Nachverdichtungsgebiete in Basel näher unter die Lupe nimmt. Vieles davon ist noch Zukunftsmusik – und hierin liegt für das Buch ein Dilemma. Denn die geplante bauliche Dichte lässt sich aus  den gezeigten Renderings und Fotomontagen leicht ablesen. Für den Nachweis, dass in den Quartieren auch qualitative Dichte entsteht, ist bedrucktes Papier indes ein denkbar ungeeignetes Medium.

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