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Die Stadt in der Turnhalle

Täglich versorgen die Medien uns mit Nachrichten über die Situation von Flüchtlingen weltweit. Die Themen hierzulande: Menschen willkommen heißen, aufnehmen und menschenwürdig unterbringen. Wohnraum ist dabei häufig nicht vorhanden, knapp oder teuer; Städte und Gemeinden sind überfordert; die Politik machtlos. Diese Problematik kennt man in Ballungszentren und Boomregionen schon lange. Der Zuzug von Flüchtlingen ist nicht der Auslöser, verschärft aber die Lage zusätzlich. Sich Gedanken zu machen über die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ist schon immer auch Aufgabe von Bauleuten, Architekten, Planern. Dass aus dieser Richtung bisher wenige Beiträge zu verbuchen sind, verwundert. Mit der immer größer werdenden Herausforderung scheint aber Bewegung in die Sache zu kommen. Namhafte Architekten und Professoren melden sich zu Wort. Studenten machen sich Gedanken und entwickeln unkonventionelle Ideen. Städte lassen Module konzipieren. Der Knackpunkt bei allen Vorschlägen ist jedoch die Finanzierung.

Aufenthaltsqualität durch Differenzierung
Hier setzt der Beitrag des Büros FAR frohn&rojas an. Er nimmt sich allein die Struktur von Erstaufnahmeeinrichtungen vor, mit der Frage: »Wie kann man mit den gegebenen Materiellen und finanziellen Ressourcen ein besseres Wohnumfeld schaffen, das gleichzeitig Privatheit garantiert und soziale Interaktion ermöglicht?« Als gegeben werden bereits vorhandene und genutzte Räume wie Turnhallen und Zelte sowie deren Bestückung mit Betten und Abgrenzungselementen angenommen. So genutzte Hallen erinnern bislang in der Tat eher an Lager als an Wohnstätten, die Betten wie Regale zu endlosen Reihen aneinander gereiht, die Abstände mit dem Maßstab bemessen. Es gibt weder geschützte Räume noch die Möglichkeit sich als Familie oder Gruppe zusammenzufinden und abzugrenzen. Hier werden alle Bewohner, die doch mit den unterschiedlichsten Schicksalen aus den unterschiedlichsten Gegenden kommen gleich gemacht. Individualität ist nicht vorgesehen.

Im größeren Maßstab kennt man diese Art der gewollt effektiven aber im Ergebnis hilflosen Aneinanderreihung auch durchaus aus der Architektur. Stadtviertel, in denen Monotonie das vorherrschende Gestaltungskriterium ist, bergen eine erhöhte Gefahr gleichzeitig zu sozialen Problemvierteln zu verkommen. Ein funktionierendes räumliches Gebilde braucht unterschiedliche Räume und Orte, die Menschen sich aneignen und nutzen können. Eine verdichtete gewachsene Stadt verfügt über eine Vielzahl unterschiedlich ausgeprägter Orte und Abstufungen von Privatheit. Es gibt öffentliche Straßen und Plätze, Wohn- und Spielstraßen, Hinterhöfe, Treppenhäuser, Flure, Schlafzimmer...

Diese Differenzierung von Nutzungen überträgt FAR auf einen großen möblierten Raum und zeigt, wie sich aus den vorhandenen Elementen, den Betten und Raumteilern, nur durch eine andere Anordnung Zimmer »bauen« lassen, Gemeinschaftsräume und Flure. Öffentliche Plätze mit Tischen und Stühlen können für Treffen und Zusammenkünfte genutzt werden, für Unterrichtszwecke oder zum Spielen. In unterschiedlichen Clustern wird auf diese Art die gleiche Belegungsdichte nachgewiesen wie in der »Lagerhalle«. Mit einfachsten Mitteln und ohne großen finanziellen Aufwand kann so die bestehende Situation zumindest verbessert werden.

Überlegungen wie diese können nur ein Anfang sein. Richtiger Wohnraum – temporär und dauerhaft – muss in ausreichendem Umfang geschaffen werden. Unzählige Fragen warten in diesem Zusammenhang auf Antwort. Bezüglich des Wohnraums und der Unterkünfte wird es Zeit, dass sich Architekten in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen zu Wort melden. Das ist ihr Metier.

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