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Die unsichtbare Stadt: Forschungsprojekt zum kollektiven Entwerfen in Lugano

Wie ein unsichtbares Gewebe liegt die Erinnerung an vergangene Situationen oder die Hoffnung auf mögliche Qualitäten über der gebauten Stadt. Diese mentalen Bilder sind bei jedem Bewohner anders – je nach Alter und Biografie. Doch das macht sie nicht weniger real, denn auf Grund dieser Bilder werden täglich Entscheidungen beim Durchqueren der Stadt getroffen, und häufig finden sich Gemeinsamkeiten bei den „inneren Bildern“ der Bewohner. Wie kann man diese „kollektive Intelligenz", diese verborgenen – manchmal verlorenen, manchmal möglichen – Qualitäten eines Ortes sichtbar machen? Wie kann man sie vermitteln? Und wie kann man das daraus Gewonnene am Ende gestalterisch umsetzen? Diese Fragen stellten sich die Architektinnen und Wissenschaftlerinnen Claudia Scholz und Louise Brandberg Realini im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts an der Univesität Lugano. „Ethnografische Architektur“ nennen sie ihre Methode, die bisher unsichtbare Aspekte von Stadt und Architektur zum Vorschein bringen will. Jenseits von repräsentativen Funktionen werden so alltägliche und emotionale Bedürfnisse zu Parametern für architektonische und freiraumplanerische Entwürfe. Ein kollektiver Prozess des Entwerfens wird möglich.

Lugano heute
Lugano früher

Herkömmliche städtebauliche Werkzeuge beschreiben einen Ort über Pläne: Lage, Topografie, Bestand oder Vegetation lassen sich darin abbilden. Jedoch suchten die Architektinnen mit ihren Teams an der Universität Lugano eine Methode zur Erforschung des Stadtraums, die auch diejenigen Eigenschaften urbaner Situationen und Orte berücksichtigt, die nicht (mehr) sichtbar, dafür aber im kollektiven und individuellen Bewusstsein seiner Bewohner gespeichert sind. Anders als in den psychogeografischen Konzepten des “Dérive”, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, wurden die Bewohner während ihres Wegs durch die Stadt allerdings von den Architektinnen begleitet, was in gewisser Weise die Wahl ihres Wegs beeinflusste.

Luftbild von Lugano
Untersuchte Gebiete in Lugano
Einflüsse auf ein Gebiet durch neue Setzungen
 

Vor diesem Hintergrund befragten sie eine genau definierte Gruppe in Lugano zu drei von ihnen ausgewählten Gebieten: Als erstes war das die Umgebung des im Bau befindlichen LAC Lugano Art Center (Architekt: Ivano Gianola), hier entsteht ein neues Kulturzentrum mit einer Konzerthalle, einem Theater und Wohnungen, das 2015 fertig gestellt sein soll. Zweitens die Gegend um das bestehende Kongresszentrum – Area Palacongressi –, das 1975 eröffnete Gebäude beherbergt bereits eine große Konzerthalle, ein Restaurant und Tagungsräume. Hier finden zahlreiche kulturelle Events statt, 2006 wurden die Außenanlagen umgebaut, seit 2012 ist es als Abrissprojekt in der Diskussion. Als drittes das Gelände um das Radiostudio – Area Studio Foce –, das als alternatives Kulturzentrum genutzt wird, hier gibt es ein Theater, eine Bar, eine DVD-Bibliothek und eine Bücherei sowie eine Musikschule. 2002 wurde das Gebäude renoviert und 2012 um eine Musikhalle erweitert.

Um ein möglichst breites Spektrum an Eindrücken zu erhalten, wurden insgesamt 29 Bewohner ausgewählt, die sich in Alter und Biografie stark von einander unterschieden. Dabei ging es zunächst um persönliche Fragen: Was sehen und beobachten die Bewohner? Was schätzen sie? Woran gehen sie täglich vorbei? Welche Orte tun ihnen gut? Was sind gefühlsbezogene Orte? Danach sollten die drei oben genannten Gebiete in Lugano beschrieben werden: Was wissen die Bewohner über sie? Was interessiert sie daran? Was wünschen sie sich für diese Gegend? Wie verhalten sie sich zu ihrer Umgebung? Welche Veränderungen können sie bewirken? Anschließend wurden kleine explorative Spaziergänge durchgeführt und die Befragten sollten denjenigen Ort benennen, dem sie sich am meisten verbunden fühlten.

Geplantes LAC Lugano Art Center

Aus der Art, wie die Bewohner die Orte beschrieben, welche Erinnerungen und Erwartungen sie an sie hatten, konnten fünf Grade von „Bewusstseinsebenen“ für unterschiedliche Mikro-Orte innerhalb der Gebiete definiert werden: Tote Orte („Dead Places“), Schwebende Orte („Floating Places“), Dauerhafte Orte („Lasting Places“), Plastische Orte („Malleable Places“) und Bewegende Orte („Moving Places“). Diese Orte sind durch ganz bestimmte Qualitäten charakterisiert und bieten unterschiedliche Potenziale der Veränderung.

Piazza Manzoni

„Toter Ort“: Ein „toter Ort“ existiert nur noch in der Erinnerung („Es gab dort einen schönen Garten.“). Für die heutige Realität hat er keine Bedeutung mehr. Dennoch kann er als Inspirationsquelle für eine neue Form, ein neues Setting oder Raumprogramm dienen. 

Casino

„Schwebender Ort“: Ein „schwebender Ort“ existiert in der Erinnerung oder als leere Hülle („Es gab dort einen schönen Garten, den wir oft besucht haben. Ich vermisse seine Atmosphäre. Stattdessen ist dort heute...“). Er ruft Nostalgie hervor und das Bedürfnis, ihn zu reanimieren. Auch „schwebende Orte“ dienen als Inspirationsquelle für neue Szenarien, Programme oder Formen.

Bar Pedrini

„Dauerhafter Ort“: Ein dauerhafter Ort existiert genau so in der Realität wie in der Erinnerung („Es gibt hier diesen schönen Platz. Ich war hier schon als Kind gerne.“). Es gibt daher keine Nostalgie. Einige Veränderungen werden akzeptiert. Eine Verbesserung ist nicht notwendig.

Parco Ciani

„Plastischer Ort“: Ein „plastischer Ort“ existiert wie der „dauerhafte“ in der gleichen Weise real wie in der Erinnerung, wird aber anders erlebt („Es gibt diesen schönen Ort, aber früher war er besser.“). Er ruft nostalgische Gefühle hervor, Veränderungen werden nicht immer akzeptiert. Verbesserungen sind möglich.

Piazza Luini

„Bewegende Orte“: Bewegende Orte existieren und stimulieren Handlungen („Es gibt hier dieses wunderbare Gebäude. Ich verstehe nicht, warum sie daraus nichts Vernünftiges machen.“). Es gibt keine Nostalgie, vielmehr entstehen neue Bilder. Der Ort dient als Inspirationsquelle für neue Projekte.

Bewusstseinsebenen
Plan zur Area Foce
Plan zur Area LAC
Plan zur Area Palacongressi

Jeder der „Bewusstseinsebenen“ gaben die Wissenschaftlerinnen eine bestimmte Farbe und trugen diese in die Karten der Gebiete ein. Hier wurde also eine Technik entwickelt, die zunächst individuell und ephemer scheinende Eigenschaften eines Ortes materialisiert und zu sichtbaren „Identitätspunkten“ werden lässt. Diese Identitätspunkte reichen von repräsentativen bis zu weniger auffälligen Gebäuden und Plätzen. Interessant daran ist, dass über diese Methode die Bedürfnisse der Bewohner an ihre Stadt und deren öffentliche Räume tatsächlich „gemappt“ werden können.

Architektenskizzen Workshop

In einem weiteren Schritt entwickelten sechs Architekten in einem Workshop erste gestalterische Ideen auf der Grundlage der Forschungsergebnisse beziehungsweise der Anforderungsprofile an die Orte, die sich daraus ergaben. So entwarf zum Beispiel der britische Architekt Jonathan Sergison (Sergison Bates Architects) skizzenhaft erste Projektideen für drei ausgewählte Orte und nahm dabei auf die "Bewusstseinsebenen" Bezug. Das Forschungsteam der Wirtschaftswissenschaftler überprüfte in einem weiteren Evaluierungsverfahren an Hand von 500 Befragungen die Attraktivität dieser Entwürfe. Im Ergebnis wurden diese insgesamt als attraktiver bewertet als die aktuelle Situation sowie bestehende Planungen.

(Cordula Vielhauer)

Projektskizze von Jonathan Sergison
Projektskizze von Jonathan Sergison
Projektskizze von Jonathan Sergison
Projektskizze von Jonathan Sergison
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