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Architekturbiennale 2021, Venedig

Die Weltbefragung: Architekturbiennale 2021 in Venedig

Das Motto der diesjährigen Architekturbiennale hätte aktueller kaum sein können. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie, nach Monaten kollektiver Selbstisolation ist die Frage “How will we live together?” brisanter denn je. Doch Kurator Hashim Sarkis und sein Team haben ihre Architektur-Weltausstellung vor Corona konzipiert und zeigen darin keine sozialen Post-Corona-Genesungsvisionen. Ihr Ansatz ist breiter, grundsätzlicher, weltumspannender: Mit „Wir“ meinen sie nicht nur uns Menschen, sondern alles Leben auf der Erde. Der Begriff „Leben“ wiederum impliziert viel mehr als nur das Bauen. Die Phänomene, mit denen sich die Biennale befasst, reichen vom Stuhlgang bis zum Klimawandel und die Vorrichtungen des Menschen, um sie in den Griff zu bekommen, von der Körperprothese bis zu weltumspannenden Handelsnetzwerken.
Wie passt nun all dies in eine einzige Ausstellung? Sarkis hat es versucht, indem er eine Themenfolge vom Maßstab S – dem menschlichen Körper – bis XXL – dem gesamten Globus – orchestriert hat, immer wieder Schwerpunkte setzt und Dialoge zwischen den einzelnen Arbeiten entstehen lässt. Ein Raum zum Beispiel versammelt mehrere Beiträge, die sich mit dem Lebensraum am Amazonas befassen, ein anderer zwei Arbeiten zur Arktis und Antarktis und ein dritter mehrere Werke, die sich mit der künstlichen Erwärmung und Kühlung von Naturräumen befassen.

Die Beschreibung deutet es an: Konventionelle Behausungen für den Menschen, die wir Architektur nennen, spielen in vielen Beiträgen nur eine Nebenrolle. Die ganze Welt, so die Botschaft, ist unser Lebensraum, den es zu bewahren gilt. Die Fragen, die die Biennale an uns stellt, sind die richtigen für unsere Zeit – aber sie sind eben auch allseits bekannt. Wirklich neue, unerwartete Perspektiven auf unser Leben öffnen sich in den Beiträgen kaum. Das liegt sicher auch daran, dass die Corona-Pandemie als Katalysator des gesellschaftlichen Wandels in der Ausstellung außen vor blieb.

Auch die angebotenen Problemlösungen muten eher konventionell an und sind dünn gesät. Die diesjährige Architekturbiennale ist analytischer, auch akademischer als viele ihrer Vorgängerinnen - ein Resultat sicher auch der vielen Forscher- und Wissenschaftlerinnenteams, die Sarkis zur Teilnahme eingeladen hat. Teilweise krankt daran auch die Präsentation, speziell im zentralen Giardini-Pavillon, wo zur Lektüre all der Beiträge im Poster- und Wandzeitungsformat schlicht die Zeit fehlt.

Lohnt sich der Biennale-Besuch also in diesem Jahr? Er lohnt sich, trotz aller Schwächen und wie immer. Denn wie keine andere Architekturausstellung bietet die Biennale in Venedig ein weltumspannendes Panorama des Architekturschaffens und Lebensräume-Denkens. Faszinierende Raumerlebnisse inbegriffen - sei es in der filigranen, zweigeschossigen „Maison Fibre“ von Achim Menges und Jan Knippers aus Glas- und Kohlefasern oder in Alejandro Aravenas Installation „Kojaüwe“ aus geschälten Rundhölzern auf dem Arsenale-Freigelände. Das Stuttgarter Hightech-Filamentgebäude und die Baumstamm-Arena, die den Verhandlungsplätzen der chilenischen Mapuche-Ureinwohner nachempfunden ist, zeigen: Auf Hashim Sarkis‘ Frage nach dem Zusammenleben gibt es mehr und diversere Antworten, als auf einer Architekturbiennale je Platz fänden. Die Suche danach wird auch nach der Corona-Pandemie weitergehen, Tag für Tag in vielen Tausend Architekturbüros weltweit.

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