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Effizienzhaus Plus, o5 architekten

Doppeltes Experiment: Zwei Wohnhaussanierungen in Neu-Ulm

Das Bundesbauministerium hat in den vergangenen Jahren viel Fördergeld und Zeit investiert, um Pilotprojekte für Plusenergiegebäude zu initiieren. 2012 entstand in der Berliner Fasanenstraße der erste Neubau eines »Effizienzhauses Plus« mit Elektromobilität. Der Entwurf dazu stammte aus dem Büro von Werner Sobek. Ein Jahr später war das Büro dann auch – als Teil eines interdisziplinären Planungsteams – einer der beiden Sieger im Wettbewerb »Effizienzhaus Plus im Altbau«. Ziel des Wettbewerbs: zwei Häuserzeilen aus den 30er-Jahren so auf Vordermann zu bringen, dass diese mehr Energie erzeugen, als ihre Bewohner – einschließlich Haushaltsstrom – benötigen.
Beide Wettbewerbssieger – das Team um Werner Sobek und jenes um o5 architekten aus Darmstadt – erhielten den Auftrag, je eine Zeile aus drei Mehrfamilienhäusern zu bearbeiten. Die 1938 errichteten Häuser waren seither kaum saniert worden und eigentlich abbruchreif. Dennoch entschied sich die Neu-Ulmer Wohnungsgesellschaft NUWOG als Eigentümerin für das Wagnis der – reichlich mit Bundesgeldern unterstützten – Effizienzhaus-Plus-Sanierung.

Gleicher Ausgangspunkt, aber völlig unterschiedliche Gestaltungskonzepte
Die Grundlage für die verbesserte Energieeffizienz bildet in beiden Fällen eine Rundum-Dämmung der Dächer, Außenwände und Kellerdecken einschließlich neuer, dreifach verglaster (und nunmehr bodentiefer) Fenster. Die Südseiten der Dächer sind flächendeckend mit Photovoltaik belegt und mit Dachfenstern versehen, die Fassaden weiß verputzt.
Doch damit ist es auch schon genug der Gemeinsamkeiten: Die Häuser Pfuhler Straße 10-14 von o5 architekten grenzen sich zur Straße hin mit einem halbprivaten Zwischenbereich aus erhöhten Terrassen und Pflanzbeeten ab. In den Obergeschossen sind die Fassaden teilweise mit kubischen, holzeingefassten Balkonelementen versehen. Die übrigen Fenster nehmen das Balkonmotiv in Form von Holzrahmen und -schiebeläden wieder auf. Richtung Nordseite wurden die Häuser um zweigeschossige Anbauten in Holzrahmenbauweise erweitert, deren Fassaden ebenfalls eine Holzschalung erhielten.
In den Häusern Pfuhler Straße 4-8 von Werner Sobek fehlt dieser gestaffelte Übergang ins Haus. Die Gebäude docken lediglich mit schlanken Stahltreppen am Bürgersteig an. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf der Nordseite, wo Stahlbalkone über die ganze Gebäudelänge durchlaufen, aber keinen unmittelbaren Zugang zu dem Rasen vor dem Haus ermöglichen.
In beiden Häuserzeilen dienten die Dachböden zuvor nur als Lagerraum; jetzt sind hier zusätzliche Wohnflächen entstanden. o5 architekten fassten diese mit den darunter liegenden Wohnungen zu Maisonetten zusammen. Die bestehenden Dachstühle wurden lediglich verstärkt und weiß gestrichen, sodass der Altbaucharakter der Häuser klar zutage tritt. Das Team um Werner Sobek entschied sich hingegen für einen kompletten Austausch der Dachstühle gegen vorgefertigte, gedämmte Dachelemente, die auf neu aufgemauerten Kniestöcken ruhen. Die Dachgeschosswohnungen bilden hier separate Einheiten, Maisonetten gibt es nicht.

Fassadenintegriert versus dezentral: die Haustechnik
Auch hinter dem weißen Putz der Außenwände verbergen sich zwei grundlegend verschiedene Konstruktionen: hier geschosshohe, mit Mineralwolle gedämmte Holztafelelemente, in die auch die Lüftungsleitungen integriert sind (Werner Sobek), dort ein Wärmedämmverbundsystem mit Mineralschaumdämmung (o5 architekten).  
Bei der Wärmeversorgung sowie Be- und Entlüftung setzten Werner Sobek und Co. weitgehend auf zentrale Lösungen. Eine Sole-Wasser-Wärmepumpe in Verbindung mit einer Erdsonde im Garten liefert Heizwärme und Warmwasser. Elektrisch betriebene Frischwasserstationen in den einzelnen Wohnungen erwärmen das Warmwasser anschließend weiter, um  Legionellenbildung zu vermeiden. Eine Be- und Entlüftungsanlage mit 80% Wärmerückgewinnung versorgt die fünf Wohnungen jedes Hauses mit Frischluft. Die Außenluft wird auf der Nordseite im Garten angesaugt. Nachdem sie das Lüftungsgerät im Keller passiert hat, gelangt sie über Lüftungskanäle in der Dämmebene der Fassaden hinauf in die Wohnungen. Die Abluft wird in Bädern und Küchen abgesaugt und strömt durch weitere fassadenintegrierte Kanäle wieder hinunter ins Kellergeschoss. Dabei erhielt jede Wohnung einen eigenen Kanal für die Luftversorgung, um Brandschutz- und Schallschutzprobleme auszuschließen. Die Lüftungssteuerung übernehmen Sensoren in den einzelnen Wohnungen, die CO2-Gehalt, Raumtemperatur und Luftfeuchte messen und über integrierte Solarzellen mit Strom versorgt werden.
Auch die Häuser von o5 architekten werden über Erdwärmepumpen beheizt. Allerdings gibt es hier kein zentrales Lüftungsgerät. Stattdessen hat jede Wohnung ihre eigene Abluftanlage mit angeschlossener Abluft-Wärmepumpe. Die Geräte nutzen die Wärme aus der verbrauchten Luft, um Warmwasser zu erzeugen.

Eine deutliche Mietsteigerung war unvermeidlich
Obwohl die Heizkosten der Häuser nach der Sanierung nur noch minimal sein dürften, werden sie weiterhin erfasst. Die Kaltmieten liegen bei 8,50 Euro pro Quadratmeter. Das ist spürbar höher als vor der Sanierung und auch deutlich mehr als die NUWOG in ihren Bestandswohnungen im Durchschnitt berechnet (6 €/m2). Dennoch liegen die Mieten laut Bauherr unter dem in Neu-Ulm üblichen Niveau im frei finanzierten Wohnungsbau. Die Altmieter mussten trotzdem ausziehen, schon weil sich der Sanierungsprozess aufgrund diverser Handwerkerpleiten über rund zwei Jahre hinzog. Sie wurden in anderen Mietwohnungen der NUWOG in Neu-Ulm untergebracht.
Bei der Einweihung Anfang Mai 2016 waren sich Bauherr und Architekten weitgehend einig, dass das Experiment sich gelohnt hat, aber aus Kostengesichtspunkten kaum replizierbar sein wird. Man müsse sich nun gleichsam von oben herab dem normalen Kostenniveau nähern, so Werner Sobek. Gleichzeitig zeigen die beiden Sanierungen aber auch, dass gute Architektur nicht primär eine Budgetfrage ist. Trotz fast gleicher Ausgangslage und ähnlicher Baukosten weisen die beiden Häuserzeilen sehr unterschiedliche Wohn- und Freiraumqualitäten auf. Wenn sich aus dem Experiment von Neu-Ulm also etwas lernen lässt dann dies: Bei wirklich erfolgreichen energetischen Sanierungen darf die Raumgestaltung kein zufälliges Nebenprodukt technischer Ambitionen werden. Sie muss vielmehr das Hauptziel sein – denn sie entscheidet darüber, ob das Endergebnis von den Bewohnern geschätzt wird oder nicht.

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Weitere Informationen:

Pfuhler Straße 4-8:
Architekt und Technische Gebäudeausrüstung: Werner Sobek Stuttgart
Monitoring: RWTH Aachen, Lehrstuhl für Energieeffizientes Bauen E3D

Pfuhler Straße 10-14:
Architekten: o5 architekten bda – raab hafke lang, Frankfurt
Tragwerksplaner: B+G Ingenieure Bollinger und Grohmann, Frankfurt
Energieplanung: ina Planungsgesellschaft, Darmstadt
TGA-Planung: EGS-plan, Stuttgart
Bauleitung: G. Linder + Partner, Günzburg
Monitoring: RWTH Aachen, Lehrstuhl für Energieeffizientes Bauen E3D

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