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Eingenetzt: Ferienhaus auf Texel

Als Wirtschaftsfaktor sind Schafzucht und Fischfang auch auf der niederländischen Watteninsel Texel längst vom Tourismus abgehängt. Wie überall, wo Urlauber den Profit in die Kassen spülen, fristen die ehemals wichtigen Erwerbszweige heute ein Dasein zwischen pittoresker Ausbeutung und subventioniertem Erhalt. Es darf als positive Ausnahme zur Regel verbucht werden, wenn just ein touristisch motiviertes Projekt gegen diese Pseudo-Idylle opponiert. Das großzügig verglaste Ferienhaus mit Walmdach von Benthem Crouwel Architects zitiert lokale Motive ohne sich anzubiedern. Es spielt mit den Ausblicken in die Landschaft und überzeugt mit einer Fassade, die den "Genius Loci" atmet und lakonisch überhöht.

Architekten: Benthem Crouwel Architects, Amsterdam
Standort: Texel, Niederlande

Auf Texel findet man noch viele der typischen Schafscheunen. Die sogenannten "Bute" sind meistens kleine, nahezu fensterlose solitäre Bauten, die sich entfernt von ihren zugehörigen Bauernhöfen in der freien Landschaft befinden und durch ein «halbes Walmdach» zu erkennen geben. Dabei richtet sich die schräge Seite nach der vorherrschenden Windrichtung im Südwesten, der Eingang hingegen befindet sich windgeschützt an der Leeseite im Nordosten.

In Holzskelettbauweise konstruiert und mit ebenfalls einseitig abgeschnittenem Walmdach, bildet das Ferienhaus eine Reminiszenz an lokale Bautraditionen, jedoch mit zeitgemäßen Standards. Raumhohe Verglasungen im Erdgeschoss und Öffnungen im Dach geben malerische Blicke in die unverbaute Natur frei und lassen anders als seine Vorbilder einen Austausch von Natur und Innenraum zu. Während die Wohnküche Aussicht auf die offene Landschaft bietet, kann man von der Empore aus die Sicht auf Dünen und Meer und vom Schlafzimmer aus den Blick in den freien Himmel genießen.

Eine klare Grundrissgliederung schafft Wohn- und Schlafbereiche mit WC und Bad im Erdgeschoss und weitere Arbeits- und Schlafbereiche auf der Empore. Ein Kellergeschoss dient als reine Stauraumfläche. Der Ausbau präsentiert sich zurückhaltend und schlicht und scheint damit noch stärker den Blick in die Außenräume zu lenken.

Fassade und Dach gehen nahtlos ineinander über und bilden eine monolithische Einheit über der mit Dachpappe beschichteten Holzkonstruktion. Rote, grüne und blaue Fischernetze überspannen alle Flächen des Hauses und bilden im Südosten und Nordwesten die innere Raumstruktur des Gebäudes auf der Fassade ab. Ein weiteres schwarzes Netz bildet jeweils eine zweite Ebene über dem farbigen Geflecht und schafft in Korrespondenz zur Dachpappe wieder eine Art Vereinheitlichung der einzelnen Fassadenflächen.


Trotz einfacher Bauweise gelingt den Architekten ein präzises und funktionales Bauwerk mit behaglichen Innenräumen. Details wie die ebenfalls mit Fischernetzen bespannten Brüstungen auf der Empore und die Fliesen im Innenraum verstärken konsequent die Entwurfskonzeption. Das Netzmotiv präsentiert sich als gestalterisches Leitthema, das dem Gebäude einerseits Bodenständigkeit und Bescheidenheit verleiht und es andererseits sowohl farblich, als auch thematisch in die Landschaft integriert.


Gerade weil sich die Idee des kleinen Ferienhauses aus der Typologie der alten Schafscheunen ableitet, überrascht die Souveränität, mit der sich die ortstypischen Motive materialisieren – als freie Interpretation und dezenter Seitenhieb auf eine romantisierende Kulissenarchitektur.

Geschossfläche: 135 m²
Fertigstellung: 2014
Projektleiter: Mels Crouwel
Projektteam: Mels Crouwel, Pia Hanhijärvi, Jos Wesselman, Volker Krenz

Stichworte:
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