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Gewerbe & Stadt – Gemeinsam Zukunft gestalten

Rückkehr der produktiven Stadt?
Digitalisierung, Pluralisierung oder Individualisierung: unsere Gesellschaft verändert sich. Die Vielfalt der Lebensweisen, Forderungen an Flexibilität oder Mobilität und nicht zuletzt die Vereinbarkeit all dessen prägen derzeit Wohnen und Arbeiten in unseren Städten. Gerade Ballungszentren unterliegen dabei einem hohen Nachfragedruck. In Wachstumsregionen wie München spielen nicht nur der Ausbau und die Weiterentwicklung von Wohnraum, sozialer und verkehrlicher Infrastruktur eine Rolle, sondern auch das Verhältnis von Gewerbe und Stadt ist ein wichtiger Indikator für den urbanen Erfolg. Insbesondere die Entwicklung des Gewerbes und damit der Schaffung von Arbeitsplätzen ist ein wichtiger Antrieb für die Stadt- und Regionalentwicklung und letztendlich der Lebensqualität der Bewohner. Dabei reicht das Spektrum des Gewerbes vom lokalen Handwerk über die Nahversorgung bis hin zu wissensintensiven Dienstleistern und High-Tech Unternehmen.

Bereits die Charta von Athen verlangt, angepasst an die Struktur der Gesamtgesellschaft von einer Stadt, die Erfüllung der vier Funktionen Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr. Wie diese Funktionsbereiche zueinander zugeordnet werden sollen, wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert. Während Le Corbusier für eine Trennung plädierte, wird heute der Auffassung der kanadischen Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs mit einer kleinteiligen Mischung entsprochen. Dem folgt auch die derzeitige Diskussion um die produktive Stadt, welche die Rückkehr von Arbeitsplätzen jenseits der reinen Büronutzung ins urbane Zentrum propagiert. Befördert wird die Abkehr von der funktional getrennten Stadt von einer Vielzahl heutiger Entwicklungstrends wie den unterschiedlichen Lebensmodellen oder der beruflich geforderten Flexibilität. So zeigt sich bei der Standortwahl von Unternehmen und privaten Haushalten zunehmend der Wunsch einer neuen räumlichen Nähe von Wohnen und Arbeiten.

Gewerbe + X: Projekte mit Mehrwert
Nicht nur die fachlichen Diskussion, sondern konkrete Projekte sind notwendig, um daraus lernen zu können: Dazu wurden innovative Praxisbeispiele ganz unterschiedlicher Bandbreite aus ausgewählten internationalen Stadtregionen recherchiert und in einem Portfolio zusammengetragen. »Gesucht wurde Gewerbe + X, also Projekte, die mehr sind als der Alltag gewerblicher 'Kisten' an autoaffinen Standorten«, lautete die Prämisse für die Projektauswahl. Auch »Projekte, die bestehende Standorte transformieren oder von komplexen Bestandssituationen umgeben sind«, wurden als Better-Practice-Beispiele erfasst. Dazu zählten sowohl prominente Projekte wie die Genossenschaftssiedlung Kalkbreite in Zürich mit ihrer flächeneffizienten Nutzungsstapelung als auch kleinere Vorhaben wie die als akustische Schutzmauer dienende Tischlerei Artis in Berlin Tempelhof. Anhand von sechs Kriterien (Nutzungen und Nutzer, Flächen und Ressourcen, Einbindung und Anbindung, Akteure und Organisatoren, Prozess und zeitlicher Entwicklungspfad sowie rechtlicher Rahmen) wurden planerische, organisatorische und rechtliche Aspekte erfasst, während in einem weiteren Schritt die Perspektiven unterschiedlicher Akteursgruppen (Investor, Eigentümer, Unternehmen, Betreiber, Kommunen, Bürger) eingenommen wurden, um deren Bedürfnisse zu erfassen. Es zeigte sich in der Analyse schnell, dass sich keine Einteilung der gewerblichen Projekte in wenige Idealtypen treffen lässt. »Die Projekte weisen eine große Spanne unterschiedlicher Größen auf. Es finden sich einzelne Gebäude, die besondere Erschließungen und Raumzuschnitte zeigen oder mit Aufstockungen und Anbauten für gewerbliche Nutzungen ertüchtigt und erweitert wurden. Städtebaulich und funktional wirksam sind Gebäudetypologien, die gewerbliche Nutzungen in dem Gewebe der Stadt dauerhaft verankern, beispielsweise in der Erdgeschosszone, in Hofstrukturen oder in besonders tiefen Überbauungen. In der Recherche wurden auch Infrastrukturprojekte identifiziert, die Standorte neu vernetzen und damit neue Perspektiven für die städtische und gewerbliche Entwicklung eröffnen« wird in der Studie erörtert. Und: »Die Analyse der Bestandsprojekte zeigt, welch langer Atem in vielen Projekten notwendig ist. Projekte mit einer Planungs- und Realisierungszeit von drei, vier und fünf Jahrzehnten machen deutlich, dass neben dem (Master-)Plan, der (Entwicklungs-)Prozess eine wesentliche Gestaltungsgröße für Gewerbe & Stadt darstellt.«

Bespielen, schaffen, zulassen, entwickeln, ermöglichen, nutzen und managen
Aus den recherierten Projektimpulsen mit der größten Strahlkraft entwickelte sich eine Toolbox mit insgesamt 11 Werkzeugen für Kommunen, Stadtplaner und Architekten, Entwickler und andere Akteure, welche die Besonderheiten in der Verknüpfung von Gewerbe mit und in der Stadt hervorheben. Aufgeteilt in vier übergeordneten Themen werden die Werkzeuge anschaulich anhand von Beispielen erläutert.

Wertschöpfung: Anhand des Dreispitz Areals in Basel wird erläutert, was es bedeutet den richtigen »Ökonomischen Nährboden (zu) schaffen«, das Projekt Kalkbreite in Zürich zeigt, welche Vorteile es bringt, »Kontraste (zu)zulassen«, am Gelände Zeche Zollverein wird demonstriert, wie »Die kleine Welt in der großen bespielen« funktioniert und anhand einer Vielzahl von Projekten wird »der Takt vorgeben«, denn nicht selten geht eine gewerbliche Angebotsplanung seitens der Kommunen ohne zeitliche Dimension oder Strategie von statten.

Fläche & Raum: Das Werkzeug »Reserven sichern, Unplanbares ermöglichen« befasst sich mit städtebaulichen und baulichen Strukturen, die entsprechend der Anforderungen der Gewerbetreibenden anpassbar und flexibel sein sollten. Die Flächenanforderungen von Gewerbe steigen, bei gleichzeitiger Verknappung von urbanen Räumen. Das Potenzial der vorhandenen Flächen und Räume muss deshalb optimal ausgenutzt werden, die »Spielräume nach innen entwickeln« und kompakt zu strukturieren ist eine sinnvolle Herangehensweise. Mit der Nutzung von Außenflächen befasst sich das Werkzeug »Freiräume nutzen!« und gibt Denkansätze zur verbesserten Gestaltung von Erschließungsflächen, Wegen oder auch Parkplätzen mit Mehrwert.

Anbindung & Einbindung: Die Werkzeuge »Positive Externalitäten schaffen« und »Multimodalität als Spielmacher nutzen« geben Handlungsimpulse zur Verknüpfung und Anbindung über Infrastruktur und Mobilitätsangebote, aber auch über eine Mehrfachnutzung der Gewerbestandorte als Freizeit-, Kultur- oder Versorgungsorte. Gewerbeeinrichtungen können so zum Motor ganzer Regionen werden.

Steuerung: Kooperationen und koordiniertes Handeln schafft Mehrwert für Gewerbestandorte. Das Werkzeug »Portfolio managen« – verdeutlich beispielsweise am Alten Schlachthof Karlsruhe – ist eine »aktive Tätigkeit von Kommunen, Bestandshaltern und Standortmanagern, mit dem Ziel, Gewerbeflächen jenseits alleiniger Marktlogik fortzuentwickeln. Das Werkzeug »Eigentum miteinander gestalten« zeigt auf, wie Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen, Organisationen und Trägerschaften die Entwicklung von Standorten mit einem übergeordneten Ziel ermöglichen», demonstriert am Beispiel Hamburg City Süd.

Das Besondere des Werkzeugkastens Stadt & Gewerbe liegt nicht nur am Wissenstransfer innovativer Praxisprojekte oder einer besseren Strategieentwicklung für konkrete Areale, sondern dass dadurch die fachliche Diskussion angeregt und zugleich zu einer Vernetzung der Akteure in der Metropolregion München beigetragen wurde – als positives Ende der Wertschöpfungskette.

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