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Im Reich der Schlapphüte: Fotodokumentation zum BND in Pullach

Transparenzoffensive beim Bundesnachrichtendienst: Schon bevor Edward Snowden mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit trat, hatte der BND dem Fotografen Martin Schlüter erstmals umfassende Blicke hinter die Kulissen seines Pullacher Stammsitzes gestattet. Die Aufnahmen zeigen Historisches, Unerwartetes und Alltäglich-Banales – und sind in der Versicherungskammer München zu sehen.

Ort: Kunstfoyer VKB, Maximilianstraße 53, 80538 München
Dauer: bis 5. Oktober 2014

Big Elvis is watching you? Martin Schlüters Aufnahmen zeigen auch die allzu menschlichen Seiten einer Organisation, bei der Geheimniskrämerei gleichsam zur DNA gehört.

War es wirklich der Wille zur Transparenz – oder eher die Nostalgie, die die Verantwortlichen beim Bundesnachrichtendienst dazu trieb, erstmals eine umfassende Fotodokumentation ihres angestammten Sitzes in Pullach südlich von München in Auftrag zu geben? Der größte Teil der BND-Mitarbeiter soll demnächst bekanntlich umziehen – in Deutschlands voraussichtlich teuersten Bürokomplex an der Berliner Chausseestraße. Damit werden große Teile des 68 Hektar großen Pullacher BND-Stammsitzes aufgegeben; nur eine verkleinerte Außenstelle soll hier verbleiben.

Die Aufnahmen, die noch bis zum 5. Oktober 2014 im Kunstfoyer der Versicherungskammer München zu sehen sind, stammen von dem Hannoveraner Fotografen Martin Schlüter. Schlüter ist von Haus aus Fotojournalist, war vor einigen Jahren Träger des „CNN Journalist Award of the Year“ und machte angeblich genau damit die Pressestelle des BND auf sich aufmerksam. Mit seinen Pullacher Aufnahmen erweist er sich darüber hinaus als passabler Architekturfotograf. Die Fotos entstanden in 14 Nächten auf dem Areal des BND und in einigen seiner Außenstellen, wurden ausnahmslos bei Kunstlicht aufgenommen und sind menschenleer. Dies war eine der Vorgaben des BND; die zweite lautete, dass keinerlei Fahrzeuge auf den Fotos zu sehen sein durften.

Geheimer Standort außerhalb Pullachs. Ein »Signal Intelligence (SIGINT)«-Kontrollraum. Licht an. © Martin Schlüter / Kunstfoyer
Neuer Geländeteil. Einer der älteren Besprechungsräume im Haus 110, der nur noch selten belegt ist. Die Spuren auf Mobiliar und Teppichboden lassen auf eine rege Nutzung in der Vergangenheit schließen. © Martin Schlüter / Kunstfoyer

Der Blick hinter die BND-Kulissen mutet an wie eine etwas bizarre Zeitreise zwischen Zukunft und Vergangenheit: Hier das ultramoderne, erst vor wenigen Jahren eröffnete Rechenzentrum mit seinen Hochleistungscomputern – und dort die Präsidentenvilla mit ihren unterirdischen Bunkern, deren Ursprünge noch in die Nazizeit zurückreichen. Die Keimzelle des späteren Pullacher BND-Dienstsitzes rund um die „Präsidentenvilla“ wurde in den 30er-Jahren als eines der Ausweich-Hauptquartiere für Adolf Hitler errichtet, freilich als solches nie genutzt. Ab 1947 residierte hier die „Organisation Gehlen“, jene erste Geheimdienstorganisation im Nachkriegsdeutschland, die die US-Besatzungsmacht gemeinsam mit den ehemaligen NS-Generalmajor (und versierten Geheimagenten) Reinhard Gehlen aus der Taufe gehoben hatte.

Neuer Geländeteil, Eingang Fußgängertunnel. Als das Gelände bebaut wurde, waren die Bäume noch nicht vorhanden. Heute scheint es, als verlaufe eine mit NATO-Draht gesicherte und beleuchtete Stahlwand quer durch den Wald. Der Eingang zum Fußgängertunnel ist beleuchtet, eine künstlich angelegte Höhle inmitten der Idylle. © Martin Schlüter / Kunstfoyer

1956 firmierte Gehlens Organisation dann zum Bundesnachrichtendienst um, dessen Hauptsitz für die nächsten knapp 60 Jahre das ruhige, von Bäumen bestandene und von Wohngebieten umgebene Areal in Pullach sein sollte. Schlüters Fotografien zeigen denn auch reichlich Relikte aus der BND-Vergangenheit: einen seit Jahren ungenutzten Tennisplatz, 80 Jahre alte Reihenhäuser, die im Laufe der Zeit zu Bürogebäuden mutierten, ein Heizkraftwerk zur Verbrennung alter Akten oder den Partyraum einer BND-Schule mit seinem bizarren Mix aus Eichenvertäfelung, Resopaltischen, Tiffany-Leuchten und einer Discokugel unter der Decke.

Vor allem aber in den Räumen der Präsidentenvilla wird die Kontinuität mit der nicht immer rühmlichen Vergangenheit spürbar. In einem Konferenzraum hängen bis heute Malereien aus der NS-Zeit an den Wänden, in anderen die Porträts Bismarcks und Friedrichs des Großen in Öl. Davon, dass auch der BND im Zeitalter der Demokratie angekommen ist, zeugt am ehesten noch das Porträtfoto von Bundespräsident Joachim Gauck in der Eingangshalle.

Neuer Geländeteil, Übungshalle der BND-Soshin-Do-Gruppe. © Martin Schlüter / Kunstfoyer
Neuer Geländeteil, Dienstplan Wachhunde. © Martin Schlüter / Kunstfoyer

Andere Räume hingegen wirken wie eben gerade verlassen: das über und über mit Elvis-Devotionalien tapezierte Büro, in dem noch die Schreibtischleuchte brennt, oder der Arbeitsraum eines Chemikers, in dem auf einem Aktenstapel noch das belegte Brötchen von Vortag thront. Immer wieder ist auf den Fotografien auch der wehrhafte Charakter des BND zu erkennen – seien es die hohen Beton- und Stahlmauern, mit denen sich das Areal bis heute gegen seine Umwelt abschottet (erst 1997 fand erstmals ein „Tag der offenen Tür“ statt, und auch dieser nur für Familienangehörige der Mitarbeiter), der Hundezwinger oder die Abstellkammer für nicht mehr gebrauchte Zielscheiben von Schussübungen.

In seiner Rede zur Ausstellungseröffnung bezeichnete Schlüter die BND-Zentrale als „haptische, analoge Welt“, und seine Fotografien machen diesen Charakter auch überdeutlich spürbar. Begleitend zu den Fotos zeigt die Ausstellung in Vitrinen Objekte aus der prädigitalen Ära des Dienstes wie z.B. Chiffrierrollen zum Verschlüsseln von Nachrichten, mit Geheimtinte geschriebene Postkarten und Briefe sowie in Heizkörper und Regalböden eingebaute Mikrofone für Lauschangriffe.

Neuer Geländeteil, Chemielabore. Büro eines Naturwissenschaftlers. Links sieht man ein belegtes Brötchen – hier wurde soeben noch gearbeitet. © Martin Schlüter / Kunstfoyer
Neuer Geländeteil, Sanitätsbereich. Silikonmasken für Erste-Hilfe-Übungen. © Martin Schlüter / Kunstfoyer

Auch denn dem BND in der Münchner Ausstellung reichlich Raum zur Selbstdarstellung eingeräumt wurde (so werden in einem Videoraum die Eröffnungsansprachen von BND-Präsident Gerhard Schindler und dem Geheimdienstbeauftragten des Bundes, Klaus-Dieter Fritsche, als Endlos-Loop gezeigt), ist diese unbedingt sehenswert. Gleiches gilt für den Ausstellungskatalog mit dem bezeichnenden Titel „Nachts schlafen die Spione“. Denn gerade in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit werfen Ausstellung wie  Katalog Fragen auf. Einige davon greift die Kulturstiftung der Versicherungskammer in ihrem Begleittext zur Ausstellung selbst auf: „Realität oder Fake? – bei einigen Aufnahmen kommen Zweifel auf, ob am ‚Image’ dessen, was der Fotograf sehen durfte oder sollte, gefeilt wurde.“  Über welche dunklen Flecken auf der BND-Weste soll uns das betuliche Elvis-Zimmer hinwegtäuschen? Aber auch: Wie will eine Organisation, deren Ausstattungsstandard – wenn man den Fotos Glauben schenken darf – weitgehend in den 70er-Jahren stehen geblieben ist, je ernsthaft die Lauschangriffe der amerikanischen NSA und des russischen SWR abwehren?

Neuer Geländeteil, IT-Zentrum. Mit modernster Technik ausgestattet ist das neue IT-Zentrum. © Martin Schlüter / Kunstfoyer
Neuer Geländeteil, IT-Zentrum. © Martin Schlüter / Kunstfoyer

Antworten hierauf durfte man von einer Fotodokumentation – noch dazu von einer bezahlten – vermutlich kaum erwarten. Ein Kommentar im Gästebuch der Ausstellung bezeichnete Schlüters Aufnahmen denn auch treffend als „tolle Bilder über einen gruseligen Job“. Doch immerhin auf die eingangs dieses Beitrags gestellte Frage gibt die Ausstellung implizit eine Antwort: Es dürfte wohl vor allem die Nostalgie vor dem Umzug gewesen sein. Schlüters Fotografien sind das Zeitdokument einer Ära, die im Verschwinden begriffen ist. Der Hannoveraner Fotograf resümiert seine eigene Arbeit folgendermaßen: „Das BND-Hauptquartier entsprach so gar nicht meinen Erwartungen und ließ mich nach dem ersten Besuch ratlos zurück. Langsam wurde mir klar: Die BND-Zentrale in Pullach steht für die haptische, analoge Welt, ein klares Feindbild und den Wunsch, sich zu verstecken. Der BND mit Sitz in Berlin wird die virtuelle, digitale Welt der Gegenwart verkörpern, mit diffusen Feindbildern und einem selbstbewussteren Auftritt der Behörde.“

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