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Scharounschule in Marl, Schule, Hans Scharoun

Lernen unter Nachbarn: Scharounschule in Marl

Schüler lernen am besten und ungestörtesten, wenn man ihnen differenzierte Raumangebote mit einer feinen Abstufung zwischen Intimität und Offenheit macht. Der Kontakt zu Altersgenossen ist wichtig, doch gerade die Jüngeren sollten vor Übergriffigkeiten älterer Schüler geschützt werden.

So lauten die Grundgedanken, die den Trend zu Clustern und »Lernhäusern« im gegenwärtigen Schulbau begründen. Neu sind sie jedoch keineswegs, wie ein Besuch in der Scharounschule in Marl belegt. Hans Scharoun entwarf den Schulbau Anfang der 60er-Jahre in etwa zeitgleich mit der Berliner Philharmonie. Endgültig fertiggestellt wurde der Gebäudekomplex erst kurz vor seinem Tod 1971.

Marl liegt im vergleichsweise spät industrialisierten Norden des Ruhrgebiets und zählt zu den klassischen Planstädten der Nachkriegszeit in Deutschland. Vor allem der sozialdemokratische Bürgermeister Rudolf Heiland setzte seinerzeit auf Spitzenarchitektur als Mittel der Identitätsstiftung seiner Stadt. Die Volksschule für die Klassenstufen 1 bis 9 war zweizügig geplant und hat demnach 18 Klassenzimmer, die sich in vier Flügeln um die zentrale Eingangshalle und die Aula gruppieren. Haupteingang und Fachklassenzimmer liegen an der Zufahrtsstraße im Nordwesten, die Klassenzimmer sind hingegen nach Osten und Süden zur offenen Landschaft orientiert, wo an der Grundstücksgrenze ein Bach vorbeifließt.

Nach der Indoktrinierung des Nationalsozialismus propagierte Scharoun eine Erziehung der Kinder und Jugendlichen zur Mündigkeit und Demokratie. »Bauen vom Kinde aus« war in den 60er-Jahren auch offizielle Maxime der nordrhein-westfälischen Schulbaupolitik. Diese Forderung ließ sich perfekt mit den klassisch-modernen Idealen von Licht, Luft und Sonne sowie aufgelockerter Gliederung der Baukörper vereinen. Scharoun ging jedoch nicht streng rationalistisch an das Vorhaben heran: Als Anhänger Hugo Härings vertrat er das organhafte Bauen, das für jede Bauaufgabe eine ihr individuell angemessene »Leistungsform« zu finden suchte. »Scharoun hat seine Entwürfe stufenweise entdeckt. Er hat das gesucht. Er nannte das ‚Formfindung’«, beschrieb Scharouns früherer Mitarbeiter Michael Hellgardt diese Arbeitsweise später.

Die innere Gliederung des Schulbaus, der seit 2008 auch offiziell Scharouns Namen trägt, erinnert an eine Kleinstadt: Jeder Klasse steht eine »Klassenwohnung« mit polygonalem Klassenraum, Gemeinschaftsraum, Garderobe, Toiletten und einem Lernbereich unter offenem Himmel zur Verfügung. Je vier dieser Wohnungen gruppieren sich um eine Pausenhalle für etwa 120 Schüler und bilden gemeinsam eine »Nachbarschaft«. Fünf dieser Nachbarschaften umfasst die Schule insgesamt, wobei die beiden neunten Klassen einen Sonderstatus besitzen: Hier wurde statt der Pausenhalle ein kleines Auditorium, das sogenannte »Parlament«, realisiert. Es zählt heute zu den meistgenutzten Räumen im Schulhaus.

Auch sonst bietet die Schule reichlich Platz für Sondernutzungen: Es gibt große Werkstätten, Fachklassenzimmer und eine Aula, die mit ihren terrassierten Sitzreihen gelegentlich als »kleiner Bruder« des Berliner Philharmoniesaals bezeichnet wird.

Für die Realisierung der Schule griff Scharoun auf fortschrittliche, aber noch nicht ausgereifte Methoden zurück. Insbesondere die Flachdachabdichtungen der Nachkriegsjahre waren notorisch kurzlebig. 30 Jahre war die Gebäudehülle daher allerorten undicht und sämtliche Deckenverkleidungen und Fußböden im Inneren rettungslos verloren. 2003 beauftragte die Stadt Marl das Münsteraner Architekturbüro Pfeiffer Ellermann Preckel mit einem Sanierungsgutachten und 2008 mit der Umsetzung einer denkmalgerechten energetischen Sanierung. Die Dächer und die verglasten Pfosten-Riegel-Fassaden wurden dabei nahezu komplett ersetzt. Eine Maxime lautete, wo immer möglich auf originalgetreue Materialien zurückzugreifen. Das führte auch zu ungewöhnlichen Lösungen: So liegt heute in den Räumen wieder ein PVC-Fußboden und die Klassenzimmer verfügen über dezentrale Lüftungsanlagen. Solche Geräte hatte seinerzeit schon Scharoun einbauen lassen; allerdings funktionierten sie nie wirklich und wurden später durch eine Fensterlüftung ersetzt. Vier Jahrzehnte später gilt die Technologie hingegen als ausgereift.

Heute teilen sich die Musikschule Marl und eine Ganztages-Grundschule die Räume der Scharounschule. Die wegweisende Bedeutung der hier realisierten Architektur haben auch die Initiative StadtBauKultur NRW und die TU Dortmund erkannt: Im Rahmen ihrer Initiative »Big Beautiful Buildings« verliehen sie der Scharounschule 2018 eine Auszeichnung.

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