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DETAIL Stipendium 2017/2018, Maximila Ott

Maximila Ott – WENN ARCHITEKTUR SINGT...

Selbst wenn wir uns unserer Umgebung nicht bewusst durch Sprache mitteilen, so kommunizieren wir dennoch unbewusst – ob durch Gestik oder Mimik. Kommunikation ist ein Gesamtprozess, bestehend aus der Mitteilung, der Information und dem Verstehen. Wir Menschen sind keine Einzelgänger, wir teilen uns eine Welt und leben doch in unserer eigenen.

Die Sprache ist die Brücke zwischen diesen einzelnen Welten. Was für den Mensch gilt, gilt auch für die Architektur. Sie ist gebaute Kommunikation. Diese Kommunikation geschieht auf zwei Ebenen, die erste Ebene beinhaltet das Architektur-Sehen, welches Wissen voraussetzt. Wir sehen, was wir schon aus unserer Erinnerung kennen. Die zweite Ebene befindet sich auf rein emotionaler Basis: Ein Gebäude kann für uns singen oder mit uns schweigen. Das Verstehen von Architektur ist für den Betrachter in diesem Moment nicht relevant. Die Architektur kommuniziert aus sich selbst heraus, sie ist der Solist. Im Kontext des Stadtbildes kommt eine weitere Ebene der Kommunikation hinzu, die Architektur verhält sich wie ein Instrument im Orchester. Ihr Klang kann durch die anderen verstärkt werden, oder wir nehmen es gar nicht spezifisch wahr, da es in dem großen Ganzen des Musikstücks nur eine untergeordnete Rolle spielt.

»Diese ganze Beweglichkeit bildet also so etwas wie ein Festes. Sie scheint für sich zu bestehen wie ein Tempel, der um deine Seele gebaut ist; du kannst heraustreten und dich entfernen; du kannst zurückkehren durch eine andere Tür.« Paul Valery

Dieses Zitat beschreibt den Zustand, in den man beim Betrachten von Architektur verfallen kann. Es geht um den Moment des »Betretens«. Als würde man ein und denselben Raum immer wieder betreten, nur durch eine andere Tür. Dieser Zustand ist aber kein Zustand des Stillstandes, er ist ein fortlaufender. Man kann ihn sich bildlich wie eine drei-dimensionale Spirale vorstellen, wobei die Erkenntnis, die man im Laufe der Zeit gewinnt, die Mittelachse ausbildet. Es ist wie ein Frage- und Antwort -Spiel mit dem Gebäude.

Wie schafft es Architektur, uns in diesen Zustand zu versetzen? In der Annäherung an die Fragestellung sollen Metaphern als Verbildlichung einer sonst nur schwer fassbaren Wirkung dienen. Da der Architektur Kommunikation inne liegt und sie dennoch nicht sprichwörtlich kommuniziert, werden die beiden Sinnbezirke Kommunikation und Architektur in den Metaphern verbunden. Um die unterschiedlichen Wirkweisen von Gebäuden zu erklären, werden die Kommunikationsbegriffe singen, schweigen, kreischen, reden, stumm sein und stummes Schreien eingeführt. Jeder dieser Kommunikationsbegriffe als Metapher wird exemplarisch an einem Gebäude erklärt. Natürlich singt oder schweigt keines der Gebäude im sprichwörtlichen Sinn, jedoch machen die Begriffe ihre Wirkung deutlich. Die Metapher ist das verbindende Element zwischen Begriff und Werk. Diese Wirkweisen werden zunächst exemplarisch an einem gebauten Beispiel diskutiert, im Finale folgt dann die Zusammenführung der verschiedenen Wirkweisen zum Orchester der Stadt.

»[...]diese Häuser mit ihrer Diener-Natur sind wahr, nicht weil sie etwas zu sagen haben, sondern weil sie nichts sagen – sie sind verschwiegen und diskret.« Bart Verschaffel

Der Begriff des Schweigens: Villa Drottningholm, Ralph Erskine, Stockholm, 1956-63

»Diejenigen von den Bauwerken, die weder sprechen noch singen, verdienen nichts als Verachtung; [...]« Paul Valery

Dieses Zitat bildet die Antithese zu dem vorangestellten Zitat von Bart Verschaffel. Allerdings bedeutet schweigen keinesfalls dasselbe wie stumm sein. Stumm sein ist das Unvermögen zu kommunizieren. Die Fähigkeit des Schweigens setzt die sprachliche Kommunikation voraus. Es ist ein bewusster Akt der nonverbalen Kommunikation. Im Schweigen findet Kommunikation statt, es ist eine wortlose Geste. Um die Villa Drottningholm zu beschreiben, braucht man nicht viele Worte. Ralph Erskine erfindet keine neue Formsprache, er verwendet, was wir bereits kennen, wenn auch auf seine eigene Weise. Genau durch diese Verwendung von vertrauten Geometrien und seine archetypische Formsprache, fühlt man sich sofort mit dem Haus vertraut.

Bei der Frage nach wahrer Architektur spielt Authentizität eine wichtige Rolle. Was ist Authentizität in der Architektur? In der klaren und ruhigen Präsenz der Villa finden wir diese Authentizität. Es ist die ehrliche und diskrete Art, wie sie sich einfügt. Das Gebäude investiert in die Erfüllung seiner Aufgaben, in sein wahres Wesen. Es drängt sich Betrachtern und Bewohnern nicht auf.

Das Orchester
Eine Utopie, in der alle Gebäude singen würden, würde sich nach nur kurzer Zeit als Phantasma einer scheinbar makellosen Stadt entpuppen und wäre nur noch vermeintlich »schön«. Ein Verachten alles Imperfekten ist wider jeglicher Natur. Fehler oder Eigenheiten machen authentisch. Doch der Markt verlangt nach einem Facelifting. Aber gehören nicht Staub zu der Geschichte einer Stadt, genauso wie Modesünden in jede Jugend? Eine perfekte Stadt wird niemals echt sein. Ist man tagtäglich von Schönheit oder singenden Gebäuden umgeben, wird die Schönheit banal und das Empfinden wird mit der Zeit immer weniger angesprochen. Der Geist langweilt sich und wird träge.

Die Utopie der Idealstadt entpuppt sich als eine Dystopie. So wie in einem Orchester jedes Instrument seine Berechtigung hat, so hat auch jede architektonische Wirkweise im Stadtbild seine. Durch den Dialog zwischen den Gebäuden kommt noch eine weitere Kommunikationsebene hinzu. In ihrer Unterschiedlichkeit stärken sich die einzelnen Klangarten gegenseitig und ergeben ein großes Ganzes. In der Varianz liegt der Reiz. Ein Wechselspiel aus lauten und leisen Tönen führt erst zu dem Klangerlebnis.

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