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Modulbau, Containerbau, serielles Bauen, Systembau, Kongress, Veranstaltung, Stuttgart

Modulbau – Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis // Rückblende

Digitale Veranstaltungen sind mittlerweile zum Alltag geworden. So sehr sie die persönliche Atmosphäre vermissen lassen, bringt der ortsunabhängige Fachaustausch auch einige Vorteile mit. Ablesen ließ sich ein Pluspunkt sofort: die große Reichweite. Rund 650 Zuschauer aus dem In- und weit gestreuten Ausland verfolgten am Nachmittag des 18. März 2021 den ersten „hybriden“ Kongress von Detail. Hybrid war diesmal nicht (nur) die thematisierte Bauweise, sondern auch das Veranstaltungsformat.

Die meisten Fachreferenten – darunter Ernst Ulrich Tillmanns von 4a Architekten, Johannes Kaufmann aus Dornbirn sowie Vertreter der Unternehmen Kleusberg, Blumer-Lehmann, Brüninghoff und SchwörerHaus trafen sich vor Ort im Panoramasaal der Filderhalle bei Stuttgart, das kurzerhand zum Digitalstudio mit Hygienekonzept umfunktioniert worden war. Drei Vortragsgäste, Christian Hellmund von gmp Architekten, Roman Hausammann, Dozent für Holzbau an der Berner Hochschule und Michael Lauer von Alho Systembau, beteiligten sich an den Vorträgen und Diskussionen virtuell über ihren Bildschirm, während das Publikum das Geschehen an den heimischen Schreibtischen interaktiv begleiten konnte. 

Fragestellung an den Modulbau
Die große Neugier unterstreicht die Aktualität und Relevanz des Kongresses „Modulbau – Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis“. Der Detail Verlag widmete dem Thema bereits 2019 eine gleichnamige Publikation und greift modulare und vorgefertigte Bauweisen im Fachmagazin in regelmäßigen Abständen auf. So begann der Nachmittag auch nicht mit einer Vortragsparade, sondern mit einem Round-Table – besser gesagt mit vielen kleinen runden Stehtischen, die im Sinne des Infektionsschutzes die Bühne weit gestreut ausfüllten. Die brennendsten Fragen galt es vorweg zu klären: Was unterscheidet Modulbau vom vorgefertigten Bauen? Wie äußert sich Modulbau gestalterisch? Wieviel graue Energie fließt in die vorgefertigten Raumelemente ein und was macht die Bauweise rentabler, oder ist sie sogar kostengünstiger im Vergleich zum konventionellen Bauen? An diesem Punkt waren sich die Akteure einig: Die Kostenersparnis monetär zu beziffern, geht an der Realität vorbei. Vielmehr kommen die expliziten Vorteile der Bauweise, nämlich schneller und kostenkontrolliert bauen zu können, einer Einsparung und höheren Rentabilität der fertiggestellten Objekte nahe. 

Der Dialog zwischen den Gästen zog sich durch den Nachmittag hindurch und wurde von Frank Kaltenbach bei jeder Gelegenheit fundiert vorangetrieben. Eine der brennendsten Fragen im Zusammenhang mit Modulbauweisen beschloss den Livetalk zu Beginn der Veranstaltung: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Planern und Industrie – und braucht es den Architekten überhaupt noch? Ein einstimmiges Ja ließ sich auch in den nachfolgenden Einzelvorträgen aller beteiligten Akteure deutlich vernehmen.

Bausystem aus Stahlskelett und Holzkuben
Den Auftakt der Vortragsreihe machte Roman Hausamann, Dozent für Holzbau und stellvertretender Leiter des Kompetenzbereichs Holzbau an der Berner Fachhochschule. Diese beteiligte sich an der Neuentwicklung eines Bausystems mit einem tragenden Stahlskelett, in das vorgefertigte Holzmodule eingebaut werden. Der modellhafte Hybrid mündete im Mehrfamilienhaus „Hello Lenzburg“ in der gleichnamigen Schweizer Stadt, dessen Planung sich stark an den Bedürfnissen der Mieter orientierte. Das Projekt konnte aufgrund des hohen Vorfertigungsgrades von Struktur, Raumzellen und einzelnen Elementen in nur fünf Monaten fertiggestellt werden. Drei standardisierte Wohnungstypen zwischen 2,5 bis 3,5 Zimmern ergaben sich aus dem Modulraster. Ein Schallentkopplungssystem zwischen den Holz- und Stahlelementen stellte Hausamann unter anderem als Beweis dafür vor, dass Modulbau bis ins Detail klug ausgearbeitet sein kann und gleichermaßen der Wohnqualität dient. „Wenn bezahlbarer Wohnraum gewollt wird, muss man in Modulen denken“, konkludierte Roman Hausamann das landesweit beachtete Projektbeispiel.

Schwimmbadarchitektur in Modulbauweise
„Der Pool als Modul“ betitelte Ernst Ulrich Tillmanns von 4a Architekten aus Stuttgart seinen Vortrag. Ursprünglich ist sein Büro im konventionellen Bauen verortet, doch ein Pavillon in Systembauweise gab den Startschuss zum partiellen Umdenken. Letztendlich entstand etwa das Stutenseebad im gleichnamigen Ort in der Nähe von Karlsruhe teilweise als Modulbau. Dass die Bauweise am Ende nicht sichtbar ist, zog sich als Merkmal durch alle Erfahrungsberichte der Kongressgäste durch. Auch Tillmanns hob die enge Zusammenarbeit mit den Modulbauunternehmen hervor. Gemeinsam mit Zeller Bäderbau und ADK Modulraum entstand so auch das Projekt PooloutoftheBox, das sich als präfabrizierte Schwimmbad- und Wellnessarchitektur an diverse Projekte und Ansprüche adaptieren lässt.

Beispiele ausführender Industrieunternehmen
Im wahrsten Sinne elementar sind im Modulbau die ausführenden Unternehmen, die im Lauf des Kongresses einen sehr lebendigen Einblick in ihre Spezialisierungsfelder, Produktionsweisen, komplexen Abläufe und gebauten Referenzen liefern konnten. André Triphaus-Woltermann, Geschäftsführer des Unternehmens Kleusberg betonte seinerseits die enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Architekten und den hohen gestalterischen Anspruch, den auch Modulbauweise erfüllen kann. Anhand von gebauten Objekten aus den Bereichen Verwaltung, Bildung, Gesundheit und Kultur in Dresden, Lübeck, Greifswald oder Hamburg zeigte Triphaus-Woltermann die Bandbreite der Planung und Ausführung mit Raummodulen. Neben dem technischen Schwerpunkt Stahlmodulbau befasst sich das Unternehmen derzeit mit dem Bau einer Berliner Schule aus vorgefertigten Brettschichtholzelementen. 

Traditionell im Holzbau verankert ist das Unternehmen Blumer-Lehmann, das in der Filderhalle durch Alexander Holl vertreten war. Das Familienunternehmen verwertet das Naturmaterial in verschiedenen Maßstäben, von der Raumzelle über das einzelne Bauelement bis hin zum Holzbrikett. Holl betonte die Aspekte Flexibilität, Nachhaltigkeit und Hochwertigkeit als Grundlage der gebauten Produkte und Objekte. Nicht das Raster, sondern der serielle Prozess für individuelle Produkte sind Kennzeichen der Holzbauer aus der Schweiz. Aufstockungen, Baulückenkonzepte, oder Bausysteme für Küchen und Bäder gehören zum Portfolio. Des Weiteren belegen Kreativräume für Start-Ups in St.-Gallen, der Bau einer temporären Schule in Zürich oder ein Vier-Sterne-Hotel die Potenziale des Holzmodulbaus und dessen hohe Akzeptanz durch die Nutzer. 

Architekt Michael Lauer vom Kompetenzcenter Geschosswohnungsbau der Alho Unternehmensgruppe lieferte ausreichend Beweise dafür, dass Modulbau längst nicht mehr mit Containerarchitektur verwechselt werden sollte. Gerade die Stahlmodulbauweise, die auf einer Stahlrahmenkonstruktion mit vier Eckstützen basiert, erlaubt große Flexibilität in der Ausgestaltung der Gebäude. Dies ließ sich anhand des eigenen Portfolios bestehend aus Büroimmobilien, Bildungsbauten, Gesundheitsbauten und dem jüngsten Bereich Wohnungsbau eindringlich belegen. Zudem brachte Michael Lauer Eindrücke aus der hauseigenen Raumfabrik in Morsbach im Bergischen Land mit. Dabei wurde die komplexe Entstehung fertiger Module deutlich, die auf einem Schienensystem die einzelnen Fertigungsschritte bis zum finalen Ausbau passieren. 

Frank Steffens, Geschäftsführer der Brüninghoff Gruppe stellte ein aufsehenerregendes Holzbauprojekt aus Amsterdam vor. Unter dem Namen Haut entsteht dort mit 73 m das höchste Holzwohngebäude der Niederlande. Den von Team V Architectuur unter Beteiligung von Arup geplanten Hybridbau kennzeichnen Brettschichtholz- und Betonstützen, Innenwände aus Brettsperrholz und eine Fassade in Holzrahmenbauweise. Die Decken sind Fertigteile aus einem Holz-Beton-Verbund. Herausforderungen für die Entstehung des Bauwerks ergaben sich aus dem Standort, an dem hoher Wasserdruck und Erschütterungen durch U-Bahnverkehr vorherrschen. Die zweigeschossige Tiefgarage, das Erdgeschoss und der Aufzugschacht sind daher massiv ausgeführt. Die Holz- und Holz-Betonelemente führte Brüninghoff mit präziser Planung, engem Zeitrahmen, hohem Vorfertigungsgrad und genauer Logistik aus. So konnte die materialimmanente Präzision auch schon mal mit den Ungenauigkeiten des Rohbaus kollidieren, wie Frank Steffens berichtete. Doch auch im Fall der hochpreisigen Wohnimmobilie scheint die Herausforderung zu aller Zufriedenheit abgeschlossen worden zu sein.

Ein Modul im Modul (oder im konventionellen Bau) bilden die Fertigbäder des Herstellers SchwörerHaus, der in der Filderhalle durch Stefan Pieck vertreten wurde. Ein Vorteil der Präfabrikation ganzer Raumelemente macht sich nicht zuletzt anhand der Nasszelle bemerkbar: Anstatt verschiedene Fachplaner und Handwerker ein Bad planen und fertigstellen zu lassen, liefern die Systembauer die Gewährleistung aus einer Hand. Einzige Voraussetzung für das implementierte Raumprodukt ist ein Zugang zur Schachtsituation von außen. Die koordinierte Planung im 3D-Modell übernehmen Architekten, HLS- und TGA-Fachplaner mit großem Vorlauf und in abgestimmter Präzision. Anhand eines Musterbads im Maßstab 1:1 ließen sich jegliche Wünsche anpassen und realisieren. Ein schönes Beispiel hierfür lieferten nicht zuletzt Badmodule für die Elbphilharmonie in Hamburg.

Münchner Interimsphilharmonie von gmp Architekten
„Der Unterschied zwischen permanenter und temporärer Architektur muss nicht sichtbar sein“, betonte Christian Hellmund von gmp Architekten schon in der Anfangsdiskussion. Dem Büro läge der Modulbau ein wenig in den Genen, gab er in seinem Vortrag wenig später preis. So zeichnen etwa das Initialprojekt des Büros für den Berliner Flughafen Tegel vorgefertigte Elemente aus. Die Crystal Hall in Baku, die anlässlich des Eurovision Song Contest vor einigen Jahren als Hallenbau für 25.000 Zuschauer unter enormem Zeitdruck entstehen musste, wäre ohne Vorfertigung nicht realisierbar gewesen. Weitere Projekte aus dem Portfolio der Planer aus Hamburg belegen die Affinität zu hochwertiger, teils präfabrizierter Architektur. Den Fokus im Vortrag Hellmunds nahm ein Münchner Projekt ein, das derzeit von sich reden macht. Für den Zeitraum von – voraussichtlich – fünf Jahren, in denen das Kulturzentrum Gasteig saniert wird, sollen die Münchner Philharmoniker in ein Interimsquartier in den Stadtteil Sendling ziehen. Als Erweiterung der Halle E, dem denkmalgeschützten Bestand einer alten Transformatorenhalle, in die Empfang und Foyer unterkommen werden, steht der neue Konzertsaal von gmp kurz vor der Fertigstellung. Eine später wiederverwendbare Tragstruktur aus Stahl, wie sie für Hallenkonstruktionen verwendet wird, bildet die äußere Hülle des Annexbaus. Darin befindet sich der eigentliche Konzertsaal, der in einer rückbaubaren Holz-Steck-Modulbauweise ausgeführt ist. In die Eckelemente wurde die einschalige Wand eingehängt, die vom Werk aus alle akustischen Ansprüche und Brandschutzanforderungen erfüllt. Wer die Münchner Konzerthausproblematik mit derzeit gleich drei Großprojekten kennt, weiß, dass sich nicht zuletzt an der Akustik der Erfolg des Interimsbau bemessen wird. Hoffentlich ab Herbst 2021 beseitigt der neue Kulturbau alle Bedenken und bewährt sich vielleicht sogar über die avisierte Laufzeit hinaus.

Holzmodulbau in handwerklicher Perfektion
Mit Johannes Kaufmann trat gegen Ende der Veranstaltung ein erfrischender Vollblut-Holzbauer an das Rednerpult. Der Architekt aus Dornbirn stellte zunächst Begriffe und praktizierte Typen der elementierten Holzbauweise klar, bevor er anhand der eigenen Projekte die Vorzüge dessen aufzeigte. So entstand etwa im heimatlichen Dornbirn ein Hotelneubau, der in Einzelmodulen bis zum letzten Ausbaustand samt möblierter Innenräume fertig an die Baustelle geliefert werden konnte. Die Begeisterung eines Hotelgastes, selbst ein Hotelier, führte zum Bau eines Neuexemplars, mit lediglich variierender Fassade im süddeutschen Nördlingen. Den Unterschied zur konventionellen Bauweise betitelt Kaufmann so: „Wir müssen das Modul zuerst denken, dann den Keller“. Wenn man den Planungsprozess umdreht, ändere sich ansonsten nicht viel. Unschlagbar sei aber der Vorteil, dass alle handwerklichen Ausführungen im Werk und unter bewährter Qualität des hauseigenen Netzwerks entstehen können. Wiederkehrende Tätigkeiten könnten gut weitergegeben und erklärt werden. Nicht für alle, aber für bestimmte Projekte sei der Systemgedanke sehr passend, wie Kaufmann anhand der eigens entwickelten Bausysteme und zahlreicher gebauter Beispiele aus der Vorarlberger Region darlegte. „Einen Teil des Bauens wird man in Zukunft so machen“. Das umfangreiche familiäre Netzwerk von Kaufmann dürfte indes die weiteren Holzbaupläne besonders interessieren. Denn der Architekt verteilt gerne mal seine fertiggebauten Module in die Verwandtschaft, wie etwa die prototypische Wohnbox Su-Si, die an die Cousine abgetreten wurde. Ob sie wollte, oder nicht.  

Ein erkenntnisreicher, intensiver Fachaustausch mit vielen Chat-Fragen von Seiten des Publikums ging am Abend des 18. März zu Ende. Die Resonanz blieb groß. Noch 450 Zuschauer verfolgten den Kongress bis zum Schluss. Und das erweiterte Konzept einer digitalen Veranstaltung, die auch über den Veranstaltungstag hinausgeht und den fachlichen Austausch in den Vordergrund stellt, dürfte noch weiter aufgehen. Die digitale Plattform bleibt für das interessierte Publikum geöffnet und erlaubt auch im Nachgang für zwei Wochen den direkten Kontakt mit der Industrie.
 

 

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