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Null-Emissions-Quartier

Kasernengelände wird zur Versuchsfläche

Auf dem Gelände eines verlassenen amerikanischen Militärstützpunkts bei Bad Aibling entsteht ein innovatives Mischquartier, das das ehrgeizige Ziel anstrebt, zur Nullenergiestadt zu werden. Das Versuchsquartier nutzt die vorhandenen Strukturen des Militärgeländes aus den 1930er bis 1960er-Jahren und führt diese neuen Nutzungen zu. Das geplante Mischgebiet mit einer Gesamtfläche von 70 Hektar und rund 70.000 m² Wohn- und Nutzfläche wird von vier Leitideen getragen. Es entsteht ein lebendiges Viertel, das Wohnen und Arbeiten an einem Ort ermöglicht. Neubauten nutzen bautechnische Innovationen; besonders innovativer Holzbau in Niedrigenergiebauweise wird angestrebt. Das Quartier soll über eine dezentrale und autarke Energieversorgung verfügen, verschiedene ineinandergreifende Maßnahmen werden für eine nachhaltige und CO2-freie Energieversorgung sorgen. Bestandsgebäude werden nach unterschiedlichen Modernisierungsstandards saniert, die beispielhaft die Anforderungen der Wohnungswirtschaft aufzeigen.

 

Die Geschichte des militärischen Stützpunkts in Mietraching, einem Ortsteil des oberbayerischen Bad Aibling, beginnt im Jahr 1936, als dort ein Fliegerhorst errichtet wird. Der Flugplatz war aufgrund einer sehr kurzen Landebahn von keiner großen Bedeutung und wurde 1945 von den amerikanischen Truppen zum Gefangenenlager umgenutzt. Bis zu 60.000 deutsche Soldaten wurden dort nach den 2. Weltkrieg festgehalten. Kurz darauf wurde der Stützpunkt zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge, die von dort aus ihre Übersiedlung nach Amerika starteten. Das charakteristische Bild der Militärstation entstand in den 1950er-Jahren, als die Amerikaner das Gelände zum Stützpunkt des amerikanischen Geheimdienstes machten. Riesige Abhöranlagen, die in überdimensionalen weißen Kunststoffkugeln untergebracht waren, dienten dazu, während der Zeit des Kalten Krieges den Feind auszuspionieren. Den 18.000 Bad Aiblinger Bürgern war es im Regelfall nicht gestattet das Gelände zu betreten. In den 1970er Jahren kamen viele zivile amerikanische Mitarbeiter der National Security Agency und der Stützpunkt wurde zur autarken Stadt mit Schulen, Sporthallen, Supermärkten, Kinos und Klinik ausgebaut. Nach dem Kalten Krieg wurde die Abhöranlage nur noch zum Teil weitergenutzt und das übrige Gelände mehr und mehr sich selbst überlassen. 2005 wurde die verlassene Geisterstadt zum großen Teil (70 ha) von der B&O-Gruppe gekauft. Das neue Konzept einer "Garten-Stadt", die Wohnen, Arbeiten und Leben miteinander verbindet, sieht die Umnutzung von Bestandsgebäudes sowie Neubauten vor.

Die ehemaligen Wohngebäude, Kirche, Sporthallen, Kino, Hotel, Bowling-Bahn, Kindergarten, Schul- und Klinikkomplex, Werkstätten, Lagerhallen und Bürogebäude werden zum Teil neuen Nutzungen zugeführt. Vor der Sanierung belief sich die gesamte Wohnfläche auf 23.500 m², Büro- und Gewerbefläche waren 34.500 m² vorhanden. Hinzu kamen 9.000 m² im sozialen Bereich (Kindergarten, Schulen, medizinische Versorgung) sowie 5.000 m² Gastronomie. Insgesamt summierte sich die Wohn- und Nutzfläche damit nun auf rund 72.000 m², verteilt auf 52 Gebäudekomplexe bzw. Wohnanlagen. Mit der Bauaufgabe "energieeffiziente Konversion" soll eine multiplikationsfähige Entwicklung angestoßen werden. Das Ziel "Nullenergiestadt" soll durch die Umsetzung hoher energetischer Standards und den Einsatz innovativer Technologien erreicht werden und durch die Nutzung moderner Methoden für das Projektmanagement sowie den Einsatz moderner Planungsinstrumente unterstützt werden.

Eine Analyse aller zum Fördergebiet gehörenden Gebäude und deren energetischer Standards zeigte stark unterschiedliche Bedarfsniveaus und -profile im nördlichen und südlichen Bereich. Für den nördlichen Teilbereich des Geländes mit 15 größeren Wohn- und Nichtwohngebäuden soll eine Netto-Nullenergiebilanz erreicht werden. Das Konzept sieht vor, unterschiedliche Sanierungsstandards umzusetzen, vom EnEV-Neubaustandard bis annähernd zum Passivhausstandard. Eine besondere Herausforderung stellt die Modernisierung des Nahwärmenetzes dar, denn hier sollen im Teilbereich "Nullenergiestadt" neue Wege beschritten werden: Neben einer Holzhackschnitzelheizung werden ca. 2.000 m² Solarkollektoren regenerative Wärme bereitstellen, um den sommerlichen Wärmebedarf komplett solar zu decken. In den Übergangszeiten und im Winter soll die Netzvorlauftemperatur heizungsgeführt eingeregelt werden. Höhere Temperaturen für die Warmwasserbereitung werden über Wärmepumpen erreicht, die das Wärmenetz als Wärmequelle nutzen. Dies ermöglicht hohe Solargewinne, eine energetische Optimierung und beste Energiekennwerte. Der spezifische Primärenergieverbrauch, einschließlich Nutzerstrom, liegt bei nur 75% des Passivhausgrenzwertes. Werden die Photovoltaik-Anlagen auf dem Gelände mit bilanziert, ergibt sich eine Plusenergiebilanz. Abgerundet wird das Konzept durch diverse innovative Bausteine im Bereich Vorfertigung aus Holz, fortschrittliche TGA-Komponenten, Wasserkraftnutzung und Photovoltaik-Anlagen. Mit der Umsetzung wurde bereits begonnen; ein über 3,5 Jahre laufendes Monitoring begleitet die Maßnahmen.

Holzhäuser mit hohem Vorfertigungsgrad

Im mittleren Teil des Projektgebiets wurden nördlich des Moosbachs vier- und achtgeschossige Gebäude mit gemischter Nutzung errichtet. Innovatives Merkmal der Gebäude ist die tragende Struktur in Holzbauweise. Als besonders fortschrittlich gilt der hohe Vorfertigungsgrad, der für die Zukunft geringe Baukosten und kurze Bauzeiten verspricht. Ein viergeschossiges Gebäude ist im Frühjahr 2010 in nur vier Tagen errichtet worden, das höchste Holzhaus Deutschlands wurde mit acht Geschossen und mit einer Höhe von knapp 25 Metern im Sommer 2011 fertiggestellt. Energetisch liegen die Holzhäuser auf dem Niveau des "KfW-Effizienzhauses 70" und können mit wenigen Änderungen auch im Passivhausstandard ausgeführt werden.

Innovative Außensanierungen

Nicht nur bei Neubauten, sondern auch bei Außensanierungen der Bestandsbauten kommen innovative vorgefertigte Holzbauelemente zum Einsatz. Durch die Verwendung dieser außen aufgebrachter Fassadenelemente aus Holz mit integrierter Wärmedämmung und bereits eingebauten neuen Fenstern werden auch die Eingriffe bei Sanierungen auf ein Minimum reduziert. Dabei können die außenliegenden Holzsanierungselemente auch haustechnische Komponenten aufnehmen, die sonst innerhalb der Wohnung montiert werden müssten.

Realisierung

Erste Umsetzungen wurden noch in der Konzept- und Planungsphase gestartet. Im Hotelkomplex wurde die Sanierung bereits 2009 abgeschlossen. In 2010 konnte ein Teil des ehemaligen Hospitalkomplexes in ein Niedrigenergie-Bürogebäude umgewandelt werden und dient nun als Zentrale von B&O. Ebenso wurden 16.000 m² Photovoltaikflächen errichtet, größtenteils als Freiflächenanlage, teilweise aber auch auf den Hallendächern der ehemaligen Hangars.

In 2011 bezogen sich die Maßnahmen größtenteils auf Nachverdichtungen und Versorgungstechnik. Das Solar Decathlon-Haus der Hochschule Rosenheim wurde für die dauerhafte Nutzung auf dem Gelände platziert und der achtgeschossige Holzhochhaus-Neubau fand seinen Platz im neuen Stadtteilzentrum. Die Holzhackschnitzel-Heizung ist zur Zeit (Sommer 2011) im Bau und wird zur Heizperiode 2011/2012 in Betrieb gehen. Möglicherweise kommt es 2011 noch zu einer weiteren Vergrößerung der Kollektorfläche (bisher ca. 800 m²) und zur Installation eines oder mehrerer großer Solarspeicher.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen der Forschungsinitiative EnEff:Stadt gefördert. (BS)

Weitere Informationen finden Sie hier 

Bildrechte:
Abb.1+2: B & O Wohnungswirtschaft
Abb 3: Schankula Architekten, München

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