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Passivhaustagung in Hannover

Am 4. und 5. Mai 2012 fand in Hannover die 16. Passivhaustagung statt. Mehr als 1000 Besucher aus aller Welt kamen zu der nach eigenen Angaben größten Veranstaltung zum energieeffizientem Bauen in Deutschland.

Torhaus Gilde-Carré in Hannover Architekt: Olaf Schröder/Lindener Baukontor, Hannover; Fotos: Frank Aussieker

Ungewöhnliche Orte beflügeln bisweilen die Phantasie. Und ungewöhnlich für eine Architekturveranstaltung war der Veranstaltungsort der diesjährigen Passivhaustagung allemal: Die Plenarsitzungen der Tagung fanden im Kuppelsaal des Hannover Congress Centrum statt, einem spätwilhelminischen Bau aus dem Jahr 1914. Mit seinem Art-Deco-Interieur ist er eigentlich Äonen entfernt von der auf Energie- und Ressourceneffizienz fokussierten Welt, über die auf der Tagung gesprochen wurde. Dennoch hatte der Veranstaltungsort gleichsam Symbolcharakter: Kaum eine Bau- und Sanierungsaufgabe existiert noch, an die sich Passivhaus-Architekten und -Planer nicht herantrauen würde.

Nicht immer geschieht das mit der notwendigen gestalterischen Umsicht. Doch die zunehmende Zahl auch namhafter Architekten, die sich – oft getrieben durch die Anforderungen der Bauherren oder lokaler Vorschriften - dem Entwerfen von Passivhäusern widmet, lässt hoffen. Außerdem entstehen durch die Entwicklung immer besserer Fenster, Fassadensysteme und Dämmstoffe neue Gestaltungsspielräume, so dass Passivhäuser heute kaum mehr etwas mit vergangenen Klischees à la „kompakte Kisten mit Schießschartenfenstern“ gemein haben.

Fast 40.000 Passivhäuser existieren inzwischen in aller Welt, so Wolfgang Feist, Gründer des Passivhaus Instituts. 2500 Architekten und Fachplaner haben sich zum zertifizierten Passivhaus-Planer weiterbilden lassen; 50 Anbieter in 20 Ländern bieten entsprechende Kurse an. Ständig kommen neue Typologien hinzu, die erstmals als Passivhaus realisiert werden. In den vergangenen Jahren waren dies unter anderem Hallenbäder und Hotels; mittlerweile sind das erste Passiv-Krankenhaus (in Frankfurt) und die erste Tennishalle (in Växjö/Schweden) in Bau.

Passivhaus "Am Soltekampe" in Hannover (Sanierung eines Reihenhauses); Architekten: Akzente Architektur & Landschaft, Hannover; Foto: Frank Aussieker

Passivhäuser in aller Welt
Wie keine andere Passivhaustagung zuvor stand die diesjährige Veranstaltung im Zeichen der weltweiten Ausbreitung des Passivhausstandards. In Europa wird diese dadurch begünstigt, dass immer mehr Kommunen oder ganze Regionen den Standard für bestimmte Bauaufgaben vorschreiben. Üblich ist dabei seine Anwendung auf öffentliche oder öffentlich geförderte Gebäude. Einige gehen weiter: Brüssel etwa will bis 2015 alle neuen (also auch privaten) Wohnhäuser, Bürobauten und Schulen nur noch genehmigen, wenn diese die Passivhauskriterien erfüllen.

In solchen Regionen müssen selbst Pritzker-Preisträger noch dazulernen: Jean Nouvel etwa plant gemeinsam mit dem Brüsseler Büro MDW Architectes derzeit einen Passiv-Büroturm für das Polizeihauptquartier im belgischen Charleroi. Auch die EU fördert seit April 2012 ein Netzwerk von Passivhaus-Regionen namens PassREG (Passive House Regions with Renewable Energy). Damit will sie nicht zuletzt die Umsetzung des für 2021 beschlossenen Niedrigstenergiestandards in allen Neubauten vorantreiben.

Außerhalb Europas bedeutet ein Passivhaus zu planen oft noch immer, als Einzelkämpfer gegen den Strom zu schwimmen. Passivhausplaner aus den USA antworten auf die Frage, welche Unterstützung sie von der nationalen oder lokalen Politik erhielten, mit „zero“ - Null. Und berichten über erhebliche Widerstände älterer, arrivierter Professoren, wenn es darum geht energieeffizientes Bauen in den Hochschul-Curricula zu etablieren.

Passivhaus in Yangpeong/Südkorea; Architekten: Engine Force Architects; Foto: Kim-Yeong-Kwan

Was ein Passivhaus ist, kommt auf das Klima an
Rund um den Globus ist ein fruchtbarer Wettlauf zwischen Theorie und Praxis entstanden. Passivhäuser stehen  inzwischen in Südkorea, Chile, Kanada und Spanien, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig hat das Passivhaus Institut in einer groß angelegten Studie untersucht, wie sich der Begriff „Passivhaus“ für unterschiedliche Klimazonen definiert, welche Bauteilanforderungen dort erfüllt werden müssen und wo Strategien der Heizung, Kühlung und/oder Luftentfeuchtung angewandt werden sollten.

Ein Ergebnis der Untersuchung: Ein Passivhaus ist nicht überall gleichbedeutend mit Dreifach-Wärmeschutzverglasung und U-Werten unter 0,15 W/m2K. Noch nicht einmal der eherne Grenzwert von 15 kWh/m2a  für den Heizwärmebedarf gilt überall. Zumindest dann nicht, wenn man als Hauptkriterium für ein Passivhaus zugrunde legt, dass dieses ohne Heizung (und allein mit einer Nachheizung der Zuluft) auskommen sollte.

Auch die Anforderungen an Bauteile variieren stark: An tropischen Standorten etwa kann sogar eine Einfachverglasung für ein Passivhaus ausreichend sein, während man in kalten Extremklimata sogar auf eine Vakuumverglasung zurückgreifen muss. In Spanien mögen 10 Zentimeter Wärmedämmung vollkommen ausreichen, während Passivhausdächer in Kanada (konventionelle Dämmstoffe vorausgesetzt) deren 80 enthalten müssen. An solchen Standorten stößt der Passivhausstandard bislang an seine Grenzen.
 
Eine weitere, nicht eben überraschende Erkenntnis der Studie: An den meisten Standorten ist nicht die Heizung, sondern die Kühlung bzw. das Vermeiden von Überhitzung der kritische Faktor. Und drittens: An vielen Orten der Welt muss die Zuluft aktiv entfeuchtet werden, um Kondensatbildung in der Konstruktion zu vermeiden. Doch es gibt auch einige sogenannte „lucky climates“ - etwa Portugal oder das Hochland Mexikos – wo sich Häuser ohne Heizung, Kühlung und Entfeuchtung mit allein passiven Maßnahmen realisieren lassen. Voraussetzung ist natürlich: Der Entwurf muss stimmen.

Allzweckwaffe PHPP?
Die vielleicht wichtigste Errungenschaft aus 20 Jahren Passivhaus-Geschichte ist neben unzähligen hoch energieefizienten Baukomponenten (mehr als 250 davon sind inzwischen vom Passivhaus Institut zertifiziert) vor allem das Passivhaus-Projektierungs-Paket (PHPP).Selbst das Büro von Werner Sobek, früher einer der größten Passivhauskritiker in Deutschland, plant seine Plusenergie-Wohnhäuser inzwischen ganz selbstverständlich mit dieser Software. Das vom Passivhaus Institut entwickelte Berechnungstool ist inzwischen weltweit als vermutlich exakteste Methode anerkannt, den Heiz- und Kühlenergiebedarf von Gebäuden vorauszusagen. In der Regel ergibt sie deutlich höhere Bedarfswerte als die gesetzlich vorgeschriebenen Berechnungsmethoden der einzelnen Länder – und liegt damit in der Regel deutlich näher an der Realität.

Immer mehr Architekten wenden das PHPP daher inzwischen für alle ihre Projekte an – auch wenn bei diesen gar kein Passivhausstandard gefordert ist. Oder sie entwickeln immer neue Zusatzapplikationen, mit denen sich das PHPP in andere Planungswerkzeuge und -prozesse (zum Beispiel das parametrische Entwerfen) einbinden lässt. Eine eigene Arbeitsgruppe der Passivhaustagung befasste sich diesmal mit der Anwendung der Software in der Energieberatung, ihrer Integration in Building Information Modelling (BIM)-Systeme oder in die Ermittlung von Lebenszykluskosten.

Deutschlands erste Passivkrankenhaus: Klinikum Frankfurt Höchst; Architekten: Wörner & Partner

Der Weg Richtung Null
Längst begnügt man sich auch im Passivhaus Institut nicht mehr damit, allein die Reduktion des Heizenergiebedarfs zu predigen. Eine eigene Podiumsdiskussion befasste sich in Hannover mit der Frage, wie sich künftige Null- oder Plusenergiestandards definieren und welche Rolle das Passivhaus bei ihrer Realisierung spielen sollte. Eine hohe Energieeffizienz der Gebäudehülle, das zeigen die bislang realisierten rund 300 Projekte in aller Welt, ist Voraussetzung für jedes Plusenergiegebäude. In den seltensten Fällen handelt es sich dabei wirklich um „Häuser ohne Heizung“: Wenn schon erneuerbare Energien am Gebäude gewonnen werden – sei es in Form von Solarwärme oder Photovoltaikstrom – werden diese meistens auch zur aktiven Beheizung des Gebäudes herangezogen.
Mehr noch als über mögliche Umsetzungen diskutieren die Fachexperten derzeit noch über die „korrekte“ Definition von Plusenergie: Soll diese auf Basis der Primär- oder Endenergie erreicht werden? Wie weit ist die Bilanzgrenze zu ziehen? „Zählt“ hier nur das Gebäude selbst oder das ganze Grundstück, oder sind auch Investitionen in Kompensationsmaßnahmen (etwa Gebäudesanierungen) an anderen Standorten erlaubt, um den Energieverbrauch im Gebäude auszugleichen? Entsprechende Mechanismen sieht etwa die Definition der CO2-Neutralität vor, die ab 2016 in Großbritannien für alle neuen Wohnbauten verpflichtend werden soll. Allen Diskussionen zum Trotz wird es zu einer einheitlichen europaweiten Definition von Plusenergie oder Klimaneutralität wohl nicht kommen. Zu unterschiedlich sind hierzu die nationalen Berechnungsmethoden und die jetzt schon eingeschlagenen Wege bei der Implementierung des Niedrigstenergiestandards.

Schule "in der Steinbreite" in Hannover; Architekten: Schröder Architekten; Fotos: Frank Aussieker

Komfort und Wirtschaftlichkeit als Treiber
„Nachhaltige Lösungen können nur komfortoptimale Lösungen sein“, sagte Wolfgang Feist, Gründer des Passivhaus Instituts, in seinem Abschlussvortrag. Und, wie er hinzufügt: Sie müssen auch bezahlbar sein. Komfort und Wirtschaftlichkeit sieht nicht nur Feist als große Vorzüge seiner Idee. Auf diese Qualitäten wird es auch ankommen, wenn energieeffizientes Bauen in Europa künftig weiter Fortschritte machen soll. Denn die EU fordert in ihrer Gebäuderichtlinie zwar den Niedrigstenergiestandard für Neubauten ab 2021 – schreibt aber auch vor, dass ein solches Niveau „kostenoptimal“ sein muss, also nicht zu untragbaren finanziellen Belastungen für Bürger und öffentliche Haushalte führen darf. Das Passivhaus erfüllt diese Anforderung in den meisten Gebieten Europas - und wird von seinen Bewohnern in aller Regel auch in puncto Luftqualität und Klimakomfort gepriesen. Um die Gestaltung der Gebäude war es in der Vergangenheit nicht immer zum Besten bestellt, doch auch hier ist derzeit eine deutliche Aufwärtstendenz zu erkennen. Das Passivhaus hat mithin gute Voraussetzungen, auch in den nächsten 20 Jahren zur Erfolgsgeschichte zu werden.
 
Jakob Schoof

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