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Ressource Architektur – Unkonventionelle Bestandslösungen

Aktuelle Zahlen belegen, dass der Umgang mit Bestandsgebäuden zu den wichtigsten architektonischen und planerischen Aufgaben geworden ist. Sie betreffen Verkleinerungen und Schrumpfungen, Umnutzungen und Revitalisierungen, Ergänzung einzelner Bauteile oder ganzer Lücken in gewachsenen Strukturen. Der Gebäudebestand muss also, auch inklusive ungeliebter Bauten wie der Nachkriegsmoderne, als wichtige energetische, architektonische und gesellschaftliche Ressource erkannt werden.

Dass dabei manchmal weniger mehr ist, zeigen die Projekte Brandlhubers wie die Umnutzung der Berliner St. Agnes Kirche. »Ein Minimaleingriff löst alle Probleme und selbst die Denkmalschutzbehörde sagt ’wunderbar’«, beschreibt er den planerischen Ansatz. Die von Werner Düttmann in den 1960er-Jahren erbaute Kirche mit dazugehörigem Gemeindezentrum wurde in ein Zentrum für Kunst und Kultur umgewandelt. Das Planerteam um Brandlhuber stellte als minimalinvasive Maßnahme eine horizontale Ebene in den Kirchenraum des brutalistischen Baus, um den Betrieb der Galerie zu ermöglichen. Aufgrund des behutsamen Eingriffs ist bei einer erneuten Nutzungsänderung ein nahezu kompletter Rückbau auf die denkmalgeschützte Anlage möglich.

Auch in punkto energetische Ertüchtigung von Gebäuden beschreitet Brandlhuber gern andere Wege. Beim Umbau eines schwer zu vermittelnden Objekts, eines Stofflagers eines VEBs am Krampnitzsee südwestlich von Berlin, versucht er Architektur und Umwelt experimentell zu begegnen. Auch hier sollten die neuen Nutzungsanforderungen als Wohn- und Atelierhaus mittels weniger Eingriffe erreicht werden. Nach der Entkernung des Gebäudes wurde ein neuer Funktionskern mit Küche, Bad und Sauna eingesetzt, wobei der Saunaofen den Temperaturmittelpunkt des Gebäudes bildet. Semitransparente PVC-Vorhänge grenzen die einzelnen Nutzungs- und zugleich Temperaturbereiche von innen nach außen ab. Während in den Wintermonaten dadurch die nutzbare Wohnfläche auf ca. 50 Quadratmeter schrumpft, dehnt sie sich in den wärmeren Monaten entsprechend aus. Bereits in der Planungszeit erlangte das ungewöhnliche und mit Studenten ausgeführte Forschungsprojekt immense Beachtung. Als Beitrag im deutschen Pavillon der Architekturbiennale 2012 in Vendig stand es exemplarisch für das Motto »Reduce / Reuse / Recycle«.

Dass sich die Beschäftigung mit ungeliebten Bestandbauten auch für Kommunen lohnt, bewies Brandlhuber auch an anderer Stelle. Im 2010 durchgeführten Wettbewerbsverfahren für eine temporäre Kunsthalle schlug das Team um Brandlhuber nicht einen Neubau am vorgesehenen Berliner Standort Humboldthafen vor, sondern reichte ein Umnutzungskonzept für eine Investorenruine am Humboldthain ein. Das Gelände um das ehemalige Vereinsheim von Hertha BSC befand sich zu diesem Zeitpunkt in städtischem Besitz und hätte neben einer dauerhaften Kunsthalle zusätzliche Nutzungen wie Wohnen und Arbeiten aufnehmen können. »Die Stadt hätte sich nicht nur die Grundstückskosten, sondern auch die des Rohbaus gespart«, resümiert Brandlhuber die Potenziale. Allerdings wurde kurz nach der Einreichung der Idee bekannt, dass die Stadt Berlin das Grundstück für einen Pauschalbetrag aufgrund der aufwendigen Abrissarbeiten bereits veräußert hatte. Angesichts leerer kommunaler Kassen wäre der Mehrwert der Umnutzung um einiges höher ausgefallen als der Verkauf des öffentlichen Eigentums – auf dem Gelände steht heute eine Autowaschanlage.

Zur Person: Prof. Arno Brandlhuber ist seit 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Architektur- und Stadtforschung an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Seine Bürotätigkeit begann er 1994 nach dem Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Darmstadt und der Accademia del Arte in Florenz mit einer Projektpartnerschaft mit Zamp Kelp und Julius Krauss. Anschließend folgte die Bürogemeinschaft b&k+ mit Bernd Kniess, bis Brandlhuber 2006 unter dem Namen Brandlhuber+ begann, mit wechselnden Projektpartnerschaften zu arbeiten. Er schuf und initiierte zudem zahlreiche Publikationen und Ausstellungen und erhielt für seine Arbeiten diverse Preise.

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