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Schwebende Stahlstruktur – Theaterüberdachung in Mexiko City

Von Peter Popp und Olga López Sans

Zeugnisse indigener Kultur als Inspirationsquelle für eine räumlich spannungsvolle Komposition: Die frei ausbalancierte Überdachung für das "Teatro Cervantes" spielt mit den Gesetzen der Schwerkraft und bildet einen spektakulären Auftakt für eine Sequenz aus vertikal in die Tiefe gegrabenen Räumen und Ebenen mit dem Bühnenraum als Endpunkt.

Architekten: Ensamble Studio, Madrid
Standort: Plaza Carso, Polanco, Miguel Hidalgo, 11510 Distrito Federal, Mexiko City

Konzipiert als kleine „Stadt in der Stadt“ hebt sich die Plaza Carso von ihrer Umgebung ab: Hohe, prägnante Gebäude und eine große Grünfläche markieren den Platz als städtebauliches Zentrum im gehobenen Stadtteil Polanco. Im Rahmen eines Masterplans zur Aufwertung des ehemaligen Industrieareals entsteht hier bis Ende 2012 ein gemischt genutztes Ensemble aus Bürogebäuden, Hotels, Wohnungsbauten, einem Einkaufszentrum, zwei Museen und dem Cervantes-Theater.

Zeitgenössische Kultur resultiert für die Architekten von Ensamble Studio aus der Fähigkeit Kontakt zu halten zu gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungsprozessen. Insofern begreifen sie die starke Präsenz und fortwährende Bedeutung indigener Spuren in der mexikanischen Alltagsskultur als wichtige Inspirationsquelle.

Der berühmte Zócalo-Platz in Mexiko City gilt als Zentrum und Spiegel des mexikanischen Lebens. Hier befanden sich einst monumentale Bauten der Azteken, so auch der Templo Mayor. In dessen unmittelbarer Umgebung entdeckten Archäologen vor einigen Jahren bei Grabungen bereits zum dritten Mal nach 1790 und 1978 einen flachen und rechteckigen Monolithen. Geschützt, in einer tiefen Grube neben dem zwölf Tonnen schweren Stein, fanden Forscher nach und nach eine Reihe exotischer Opfergaben, verteilt auf verschiedene Ebenen, die tieftste lag sieben Meter unter Straßenniveau.

Von dieser räumlichen Konstellation ließen sich Ensamble Studio unmittelbar inspirieren. Auch der Entwurf für das „Teatro Cervantes“ bezieht seine Spannung aus einem elementaren Gegensatz: eine horizontal ausgerichtete Stahlstruktur bildet, fragil in die Höhe gehoben, eine Art „schwebendes“ Dach und damit ein markantes Zeichen im städtischen Gefüge. Von außen komplett unsichtbar bleiben dagegen die eigentlichen Theaterräumlichkeiten, die sich über verschiedene Ebenen vertikal in die Erde graben.

Lediglich vier plastisch unterschiedlich geformte Stützen fangen die horizontale Dachstruktur über starr verschweißte Verbindungen ab. Dabei entwickeln sie ein figurativ anmutendes Eigenleben, das von V-förmig gespreizt über rinnenförmig gefaltet und extrem ausladend bis senkrecht geschlitzt und mit Stegen verstärkt reicht. In ihrer räumlich asymmetrischen Verteilung sorgen sie für ein frei ausbalanciertes Gleichgewicht, das in spannungsvollem Gegensatz zur strengen Orthogonalität der darüber liegenden Trägerebene steht.

Die rasterförmige, komplett vorgefertigte Dachstruktur besteht aus raumhohen, doppelwandigen Flachstahlträgern, deren rechtwinklig angeordnete Längs- und Querträger sich über eine geschlitzte Steckverbindung wechselseitig stabilisieren. Bevor die einzelnen Teile endgültig montiert wurden, gab es in der 100 km von der Baustelle entfernten Werkstatt mehrere Testläufe, in denen das mechanische und räumliche Verhalten der Konstruktion geprüft wurde.

Der Montageprozess wurde zunächst am Modell simuliert. Anschließend setzte man die Stahlträger testweise zusammen. Dies bot auch die Möglichkeit, das Design zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Erst auf der Baustelle an der Plaza Carso setzte man die geschlitzten Flachstahlträger schließlich mittels einer metallischen Hilfsstruktur eine zweites Mal final zusammen. Diese Vorgehensweise garantierte, dass der eigentliche Montageprozess effizient, sicher und zeitsparend abgewickelt werden konnte.

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