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Stadtplatz statt Ghetto: Quartiersplatz Grone in Göttingen

Pflegeleichtes Abstandsgrün, klare Funktionstrennung, genügend Parkplätze: Was im Wohnungs- und Städtebau der sechziger und siebziger Jahre Fortschritt und Bedarfsdeckung bedeutete, fällt uns heute häufig sozial und stadträumlich auf die Füße: Diese Siedlungen sind zwar funktional gut ausgestattet, aber bei den Außenräumen fehlt es meist an robusten und hochwertigen Flächen mit Aufenthaltsqualitäten und Freizeitangeboten, die über den DIN-Sandkasten hinausreichen. Und an Flächen mit Sichtbezug zu den Wohnungen, denn soziale Kontrolle ist in den von Ghettoisierung bedrohten Großsiedlungen ein durchaus erwünschter Aspekt qualitätvollen Wohnens. LKA Lippert Kavelly Architekten aus Berlin haben unter diesen Gesichtspunkten in der Siedlung Grone Nord in der Stadt Göttingen ein Parkplatzdach zum Quartiersplatz umgestaltet – mit ungewöhnlich minimalistischen und präzise umgesetzten Stadtmöbeln. Im November 2013 wurde der Platz eingeweiht.

Neuer Quartiersplatz in Grone, Foto: Fabian Lippert
Neuer Quartiersplatz in Grone, Foto: Fabian Lippert

Eigentlich ist alles da in Grone Nord, aber die einzelnen Teile finden nicht so recht zu einander: der Teich mit dem üppigen Garten, die frisch sanierten Wohnzeilen, ein bisschen Funktionsgrün mit Spielgeräten und überall Stellplätze. Auch die öffentlichen Einrichtungen der Siedlung von der Schule über Kita, Kirche und Supermarkt reihen sich sinnfällig entlang der Hauptachse des Quartiers, der St.-Heinrichstraße, auf. Was fehlt, ist ein Aufenthaltsort, ein Treffpunkt zum Reden, Chillen oder Spielen – jenseits des Kleinkindalters. Die Architekten fanden ihn dann doch: Das angehobene Dach der Siedlungstiefgarage bietet genug Fläche für einen kleinen Quartiersplatz, der noch dazu von den umgebenden Wohnungen aus gut einsehbar ist. Ebenfalls an der St.-Heinrichstraße gelegen, passt er sich in die Kette der Gemeinschaftsfunktionen ein und bietet gleichzeitig einen Übergangsraum zum parkähnlichen Grünbereich der Anlage entlang des Fließgewässers Rehbach.

Vorplatz mit Bank beim Aufgang zum neuen Quartiersplatz , Foto: P. G. Ozanik
Vorplatz mit Bank beim Aufgang zum neuen Quartiersplatz , Foto: P. G. Ozanik

Um einen Sichtbezug zum Grünraum am Rehbach und dem Teich herzustellen, musste allerdings die massive Brüstung des Tiefgaragendachs abgebrochen werden. Damit die Sicherheit gegen Abstürzen auf dem immerhin 1,70 Meter hohen Podest dennoch gewährleistet werden kann, legten die Architekten an zwei Seiten eine Treppenanlage aus Betonfertigteilen an. Sie verleiht dem Platz eine bühnenartige Exponiertheit und schafft zusätzliche informelle Sitzgelegenheiten. An den beiden zum Park weisenden Kanten gibt es eine begrünte Böschung sowie eine Zick-Zack-Rampe. Die Möblierung des Platzes setzt weniger auf die große formale Geste, stattdessen erzeugt sie unterschiedliche Mikrosituationen und –räume: Zwei hohe Pergolen aus Stahl bieten Witterungsschutz für eine Tischtennisplatte und eine hufeisenförmige Sitzbank, die von beiden Seiten besessen werden kann. Mit ihrer ungewöhnlichen Größe vermitteln die Pergolen zur angrenzenden Bebauung, darin abgehängte Leuchtkästen sorgen für eine flächige Beleuchtung. Alle Möblierungselemente sind wie minimalistische Skulpturen individuell entworfen und präzise durchdetailliert.

Blick vom Teich zum Platz, Foto: Fabian Lippert
Blick vom Teich zum Platz, Foto: Fabian Lippert

Langgestreckte Sitzbänke fassen den Platz zu den Baukörpern hin; die jeweils davor gestellten kleinen Tische sind als Angebot für Brettspiele gedacht. In den Bodenbelag  aus farbigem Tartan sind Zeichnungen von Himmel- und Hölle-Spielen eingeschrieben. Das große Buchstabenrätsel im Belag wurde von der Künstlerin Ina Geißler gestaltet: Ineinander verschränkte Buchstaben bilden das Wort „Grone“, wobei das „E“ gleichzeitig die Spielfeldbegrenzung eines Federballfeldes markiert. Die Farbigkeit des Platzes lässt sich aus der Fußgängerperspektive lediglich durch die matte Reflektion in den Deckenuntersichten der Pergolen erahnen. Sorgfältig gestaltete Details wie der zweifarbige Sichtschutz für die Mülltonnen oder eine dezente farbige Markierung in der Tiefgarage geben selbst den wenig repräsentativen Bereichen dieses öffentlichen Raumes eine hohe Wertigkeit.

(Cordula Vielhauer)

Pergola, Foto: P. G. Ozanik
Pergola, Foto: P. G. Ozanik
Zustand vor dem Umbau, Foto: Fabian Lippert
Zustand vor dem Umbau, Foto: Fabian Lippert
Zustand nach dem Umbau, Foto: Fabian Lippert
Zustand nach dem Umbau, Foto: Fabian Lippert
Detail Federballnetz, Foto: Ina Geißler
Detail Federballnetz, Foto: Ina Geißler
Stufenanlage, Foto: Christine Erhard
Stufenanlage, Foto: Christine Erhard
Rampe, Foto: Christine Erhard
Rampe, Foto: Christine Erhard
Detail Tiefgarage, Foto: Fabian Lippert
Detail Tiefgarage, Foto: Fabian Lippert
Überdachte Bank auf dem Platz, Foto: Christine Erhard
Überdachte Bank auf dem Platz, Foto: Christine Erhard
Nachtansicht, Foto: Christine Erhard
Nachtansicht, Foto: Christine Erhard
Müllbox, Foto: Christine Erhard
Müllbox, Foto: Christine Erhard
 

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