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Rückblende, Köln, Städtisches Wohnen im Wandel, Die Zukunft des Bauens

»Städtisches Wohnen im Wandel«, Köln // Rückblende

Die Suche nach attraktiven Konzepten, die kostengünstige, serielle Neubaulösungen intelligent mit dem Bestand verbinden und gleichzeitig einen Beitrag zur Baukultur leisten, ist Teil des aktuellen Architektur-Diskurses: Veränderte soziale Bedürfnisse und Familienstrukturen verlangen nach einer zeitgemäßen städtebaulichen Antwort. Stadtplaner reagieren mit Nachverdichtung, Aufstockungen, modularer Bauweise und multifunktionalen Grundrissen. Aber sind auch die Architekten offener für neue Konzepte als früher? Und: Erlauben stark verdichtete Strukturen überhaupt noch urbane Lebensräume? Ermöglicht der hohe wirtschaftliche Druck, dem das Bauen in der Großstadt heute unterliegt, noch lebenswerte und gleichzeitig bezahlbare Wohnungen mit einer lebendigen Diversität?

Bereits im nicht-öffentlichen Round-Table-Gespräch herrschte Einigkeit unter den Experten: Es gibt schon vielversprechende und zukunftsweisende Ansätze für neue Wohn- und Lebens-Modelle – auch wenn der Entwicklung neuer Wohnformen oft gegenläufige Interessen einzelner Personengruppen oder auch städtebauliche Vorgaben entgegen stehen. Um der zunehmenden Individualisierung und dem damit verbundenen Bedarf an flexiblen Wohn- und Arbeitsorten gerecht zu werden, müsste der Fokus der städtebaulichen Maßnahmen zunächst auf der Funktion der Gebäude liegen – noch vor dem Gestaltungsanspruch. Benötigt wird insbesondere bezahlbarer Wohnungsbau – unter gleichzeitiger Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner. Durch Mischkonzepte, die wandelbaren Raum für verschiedene Nutzergruppen bieten, werden Wohnen und Arbeiten mittlerweile immer besser miteinander verbunden – trotz der städtischen Dichte entstehen so qualitativ hochwertige Lösungen, die gleichzeitig Freiräume für den Einzelnen bieten. Zeitgemäße Antworten liegen nach Meinung der Referenten im Bau von Quartieren, in der Schaffung urbaner Zentren außerhalb der Stadt, mit flexibel nutzbaren Zonen, mit Mobilitätskonzepten und der Ansiedelung von interessantem Gewerbe, um Nahtstellen zwischen Wohnen und öffentlichem Leben zu schaffen – kurz: Es geht darum, lebenswerten und attraktiven Wohnraum zur Verfügung zu stellen, den man sich leisten kann. Das Fazit der Runde: Gesellschaftlicher Wandel ist weder unbedingt vorhersehbar noch beeinflussbar – umso bedeutsamer ist es, flexibel auf veränderte Bedürfnisse einzugehen und achtsam mit dem zur Verfügung stehenden Wohnraum umzugehen.

Im Anschluss an das Round-Table-Gespräch nahmen am Nachmittag rund 60 Gäste die Gelegenheit wahr, sich im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung im Mediapark Köln eingehend mit dem Thema »Städtisches Wohnen im Wandel« auseinanderzusetzen.

Ansätze für bezahlbares Wohnen
Alexander Schürt, Projektleiter Wohnungs- und Immobilienmärkte im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bonn, näherte sich dem Thema aus Sicht der Immobilienwirtschaft. In seinem Vortrag beleuchtete er die vielfältigen Entwicklungen im Wohnungsmarkt. Der Fokus lag auf der weiten Spanne der Mietniveaus innerhalb der Bundesrepublik und der ungleichen Verteilung der Bevölkerung auf Ballungszentren und ländliche Gebiete. Angetrieben wird die Wohnungsnachfrage ebenso durch Bevölkerungsentwicklungen, Wohneigentumsbildung, die zunehmende berufliche Flexibilität, unterschiedliche Lebensstile sowie durch die fortschreitende Alterung der Gesellschaft und die damit verbundene steigende Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen. Dem Reiz des Wohnungsneubaus stehen aus Investorensicht allerdings zivilgesellschaftliche Hemmnisse, mangelnde Grundstücksverfügbarkeit oder auch lange Planungs- und Genehmigungsverfahren gegenüber. Ansätze für mehr bezahlbares Wohnen sieht Schürt beispielsweise in der Ausweitung des Wohnungsangebots durch (Ersatz-)Neubauten, Bestandserweiterungen und Umwandlungen, in der Bereitstellung von preiswertem Bauland, in regionalen Kooperationen sowie in einer Senkung der Baukosten und einer Dämpfung der Mietensteigerungen bei gleichzeitiger Ausweitung der sozialen Wohnraumförderung.

Individueller Systembau
Die Möglichkeiten eines standardisierten mehrgeschossigen sozialen Wohnungsbaus durch seriell vorgefertigte Elemente stellte Markus Lechner vom Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion der Technischen Universität München anhand des Projekts »Bauen mit Weitblick – Systembaukasten für den industrialisierten Wohnungsbau« vor. In Zusammenarbeit von Partnern aus Forschung und Baupraxis wird ein Baukasten für den sozialen Wohnungsbau entwickelt: Durch optimierte Planungs-, Fertigungs- und Montageprozesse und eine hohe Vorfertigungstiefe soll preiswertes und gleichzeitig qualitativ hochwertiges Bauen realisiert werden. Basierend auf vorgegebenen Leistungsanforderungen werden Grundrisse für Gebäudetypologien konfiguriert – und anschließend in einem Katalog zusammengefasst. Die jeweilige Wohntypologie kann so individuell und an die Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner angepasst werden. Derzeit in der Planungsphase: das Systembad – aus vorgefertigten Modulen zusammengesetzt und natürlich flexibel veränderbar.

Bauen für Menschen
Unter dem Titel »Uniform, Unikat, Kollektion« stellte Dan Schürch von Duplex Architekten in Zürich zukunftsweisende Projekte vor, in denen gemeinschaftliches Wohnen und die Schaffung individueller Rückzugsorte gleichermaßen auf kreative Weise umgesetzt werden. So ist mit dem Glasi Quartier in Bülach (Kanton Zürich) in gemeinschaftlichen Planungsphasen ein in sich stimmiges und doch im Einzelnen sehr individuelles, auf die jeweilige Straßen-Gebäude-Beziehung angepasstes Quartier entstanden, das sowohl Einheit als auch Vielfalt repräsentiert – ein lebendiger Kosmos, der auf die Bedürfnisse seiner Bewohner reagiert. Die Beziehung zu den Menschen wird auch beim Hunziker Areal, einem genossenschaftlichen Wohnungsbauprojekt in Zürich, auf verschiedenen Ebenen hergestellt und in einem spannenden Filmprojekt dokumentiert. Hierbei geht es nicht nur um die Messung der Wohnzufriedenheit und die Überprüfung der eigenen Arbeit, sondern um die Menschen, die die Architektur auf ihre jeweils ganz persönliche Weise beleben.

Mehr als Wohnen
Die vielfältige und insbesondere lebenswerte Gestaltung des Wohn- und Lebensraums stand im Mittelpunkt der Betrachtungen von Susanne Dürr, Architektin und Professorin für Städtebau, Gebäudelehre und Entwerfen an der Hochschule Karlsruhe – der Titel ihres Vortrags lautete »Wohnvielfalt – quartiersorientiert und sozial vernetzt«. Unter anderem am Beispiel des Wohnprojekts Kalkbreite in Zürich zeigte sie die Diversität, die Nutzungsmischung und die Voraussetzungen für ein gemeinschaftliches Leben und für die Kultur des Teilens im Quartier auf. Auch hier war die Einbeziehung der Bewohner in den Bauprozess entscheidend für die Ausarbeitung einer breitgefächerten Wohntypologie – entstanden sind zielgruppenorientierte Wohnungen und flexible Räumlichkeiten mit anpassbaren Tragstrukturen, die temporäre Bedürfnisse des Wohnens und Arbeitens abdecken. Informelle Begegnungsorte sind strategisch wohl platziert, soziale sowie  funktionale Gemeinschaftsräume sind sorgfältig geplant und gestaltet – beide bieten Raum für Begegnungen und das Entstehen von Beziehungen. Insbesondere der Belebung des Erdgeschosses misst Susanne Dürr besondere Bedeutung bei: Hier ist der Nutzungsmix am besten umsetzbar.

Gemeinschaftliche Räume
Urbaner Wohnungsbau beginnt im öffentlichen Raum, betonte Julius Klaffke von bogevischsbuero in München: Dem Bedürfnis nach Schutz und Abgrenzung des Einzelnen steht die Forderung nach Kommunikation und Öffnung gegenüber. Übergangszonen schaffen eine Brücke vom Innen zum Außen, von den Bewohnern zur Öffentlichkeit – beide Seiten profitieren von dieser informellen Begegnungszone, beispielsweise in Form von Laubengängen. Das Projekt »wagnisART«, eine genossenschaftliche Wohnanlage in München, zeigt, welche Kreativität durch die aktive Einbindung der Bewohner in die Planung und die architektonische Umsetzung freigesetzt werden kann. Auch hier: Die Räume im Erdgeschoss wurden mit Gemeinschaftsräumen oder Ateliers belegt, um Orte der Begegnung zu schaffen. Durch die unterschiedliche Gestaltung von Innenhöfen entsteht außerdem ein Wechselspiel aus individuellen Bedürfnissen und der Anordnung der Baukörper zueinander. Mehrere Verbindungswege zwischen den Wohneinheiten in den oberen Stockwerken lassen ein ineinanderfließendes Gewebe entstehen, das menschliche Beziehungen fördert ohne die individuellen Rückzugsorte anzutasten.

Moderiert wurde die Kölner Veranstaltung durch Christiane Sauer, Professorin für Material und Entwurf an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Nach den inspirierenden Vorträgen und einer anregenden Diskussion nutzten die zahlreichen Teilnehmer das anschließende Get-Together zum intensiven Austausch und zwanglosen Networking. Die Veranstaltungsreihe wird bereits seit fünf Jahren von DETAIL durchgeführt – in Kooperation mit der Forschungsinitiative Zukunft Bau, dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und dem Bundesministerium für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Im Fokus steht der Austausch zwischen Architekten und Akteuren aus Forschung, Industrie und Politik, die in ihren Vorträgen über aktuelle Themen referieren und Chancen für neue Märkte aufzeigen.

Nächste Termine und Ausblick
Die nächste Veranstaltung der aktuellenReihe »Die Zukunft des Bauens« findet am 26. September 2017 zum Thema »Klimagerechtes Bauen« in Frankfurt am Main statt. Die Vorträge am 19. Oktober 2017 in Leipzig widmen sich dem Thema »Umbauen, Umnutzen, Umdenken«. Mit der Veranstaltung zum Thema »Material und Konstruktion« am 21. November 2017 in München endet die diesjährige Vortragsreihe.

Informationen zur Reihe »Zukunft des Bauens« und den bisherigen Veranstaltungen erhalten Sie hier.

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