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Struktur erleben lernen

Sie suchen das »entwerferische Echo«, und verstehen darunter den Prozess, während der Architekturherstellung immer wieder den Maßstab und die Perspektive zu wechseln. Erst die gestalterische Spannung, die durch stetiges Schärfen und Schleifen zwischen Entwurf, Konstruktion und Material, zwischen konzeptioneller Idee und haptischer Realität entsteht, führt laut Urs Meister und Carmen Rist-Stadelmann vom Institut für Architektur und Raumentwicklung der Universität Liechtenstein zu innovativer Architektur. Wie sollen Architekturstudenten jedoch diesen mäandrierenden Herstellungsprozess in einer maßgeblich digital geprägten, linearen Entwurfstechnik lernen? »Das computerdominierte Entwerfen hat das Entwickeln aus der Logik der Materialien seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend aus der Architekturausbildung vertrieben. Wie sich aber in der aktuellen Debatte zeigt, ist eine Umkehr in dieser Haltung zunehmend zu finden«, erläutern die Projektinitiatoren. Sie haben deshalb mit Architekturstudenten unterschiedlicher Jahrgänge die neue Modellbauwerkstatt für Architektur der Universität Liechtenstein in einem bewusst nicht-linearen Prozess entwickelt und auch gebaut. Das Projekt startete im Rahmen des Erasmus+ Programmes »Crafting the façade«, das von der Universität Liechtenstein koordiniert und gemeinsam mit der Academie van Bouwkunst, Amsterdam, und der Mackintosh School of Architecture, Glasgow, durchgeführt wird und anschließend in den zwei Entwurfsstudios weiterentwickelt und realisiert wurde.

Bogen und Spannung erleben
Die Studierenden experimentierten zunächst mit Holzbrettern und -balken und entwickelten daraus strukturelle Konzepte. Die letztendlich gebaute Grundkonstruktion besteht aus 320 gebogenen Holzlamellen mit 5 m Länge. Der Prototyp mit 72 m2 Fläche ist das Ergebnis des Vergleichs unterschiedlicher zur Auswahl stehender Tragstrukturen, deren Vor- und Nachteile detailliert analysiert wurden. »Die Tragstruktur der Werkstatt besteht aus gebogenen Brettern, welche bogenförmig ausgelegt und auf einer fix montierten Lehre um die halbe Breite versetzt wellenförmig unterspannt wurden. Die Gegenspannung garantiert trotz der Feinheit der Bretter die statische Höhe. Um die Biegung zu ermöglichen war es notwendig, die Bretter je nach Radius auf die geeignete Dicke zu hobeln. Die Optimierung des einzelnen Tragelements machte eine große Anzahl von Versuchen und Bruchtests notwendig. Die Verbindungen zwischen Ober und Untergurt wurden mit verleimten Hartholzkeilen und wenigen sichtbaren Schrauben gewährleistet. So wurden in der Werkhalle Dachelemente von 1 m Breite hergestellt, die in sich stabil und trotzdem leicht in der Handhabung sind« erläutert das Professorenteam den Herstellungsprozess. Und weiter: »Das Aufrichten wurde zu einer leichten Aufgabe, die von Hand und nur mit Hilfe von einigen Böcken möglich war. Eine darüberliegende Bretterlage stabilisiert die Konstruktion in Längsrichtung und bildet die Unterlage für eine moderate Dämmebene, Hinterlüftung und schließlich die Wetterhaut aus Lärchenschindeln. Die zusammengebaute, additiv organisierte Struktur ist von großer Filigranität und demonstriert die Spannung, welche dem Holz immanent ist, auf elegante Weise.«

Haptische Realität, statt digitaler Perfektion
Bei der Entwicklung der Modellwerkstatt stand neben dem konzeptionellen und strukturellen auch der handwerkliche Aspekt im Fokus. »Dabei wurde unter dem Begriff Handwerk nicht nur das eigentliche Handanlegen, sondern vielmehr auch die Beschäftigung mit der Logik des Fügens der Materialien hin zu einem charakteristischen Ausdruck verstanden«, beschreiben Urs Meister und Carmen Rist-Stadelmann. Der Einsatz computerdominierter Techniken war deshalb von Anfang an ausgeschlossen – sowohl was die Planung als auch die spätere Realisierung betraf. Das traditionell verankerte Handwerk – unterstützt von der regional ansässigen Zimmerei Frommelt – wird als wichtiger Bestandteil unserer kulturellen Identität verstanden. In Zeiten der Globalisierung ist die Rückbesinnung auf tradierte Werte, auf lokale Ressourcen und baukulturelle Aspekte ein durchaus wichtiges Element der Architekturausbildung. Das studentische Experiment der Universität Liechtenstein lehrt demnach sehr viel mehr als nur das Tragwerk verstehen. 

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