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Stiftung Nantesbuch, Bad Heilbrunn, Florian Nagler Architekten

Understatement in Oberbayern: Stiftung Nantesbuch in Bad Heilbrunn

Hinaus aufs Land – diese Bewegungs- und Sehnsuchtsrichtung ist dem Menschen zu eigen, seit es Großstädte gibt und er über so etwas wie Freizeit verfügt. Draußen im Grünen locken Ruhe, innere Sammlung und Sinneserleben, Durchatmen und ein paar Stunden ohne Trubel, Feinstaub und urbanen Hitzestau.

Viele Menschen geben diesem Urtrieb hinaus ins Freie bei regelmäßigen Wochenendausflügen nach. Andere kaufen sich eine Ferienwohnung auf dem Land. Aber nur wenige Zeitgenossen nehmen den Wunsch nach Naturnähe zum Anlass, eine Kunst- und Kulturstiftung zu gründen, wie dies die Firmenerbin Susanne Klatten 2012 mit der Stiftung Nantesbuch getan hat. Ihr Ziel: Menschen die Begegnung mit Kunst und Natur zu ermöglichen und sie darüber zu einem reflektierten und verantwortungsvolleren Umgang mit einander und mit ihrer Umwelt zu bewegen.

Zur Verwirklichung dieses Ziels engagierte Klatten einen Biologen und eine Kunsthistorikerin als Geschäftsführer ihrer Stiftung und erwarb ein 320 Hektar großes, zuvor im Besitz der Stadt München befindliches Landgut mitten im oberbayerischen Voralpenland. Zwei Gutshöfe, Karpfsee und Nantesbuch, überblicken von kleinen Anhöhen aus die umliegenden Wiesen, Wälder und Moorflächen.

Neubau auf alten Grundmauern
Auf dem Gut Karpfsee ist die Stiftung in den letzten beiden Jahren selbst baulich aktiv geworden. In ihrem Auftrag sanierten Florian Nagler Architekten zwei Bauernhäuser und richteten dort die Verwaltungsbüros der Stiftung sowie zwei Wohnungen ein. Nebenan entstand eine Remise für landwirtschaftliche Geräte, denn das Hofgut soll künftig zumindest zum Teil wieder als solches betrieben werden. Entsprechend dient auch das weitaus größte, treffend »Langes Haus« getaufte Gebäude auf dem Areal zur Hälfte als Viehstall und Heuboden. Die andere, nördliche Hälfte wird als Seminar- und Veranstaltungsgebäude mit Gästezimmern genutzt.

Das Lange Haus erhebt sich auf dem Grundriss zweier ehemaliger Stallungen und integriert deren Grundmauern in sein Erdgeschoss. Über den weiß geschlämmten Mauern errichteten die Architekten eine Holzskelettkonstruktion aus sägerauen Fichtenbalken. Sie bewältigt auch die für die größeren Säle erforderlichen Spannweiten problemlos. An den Obergeschossfassaden kaschieren außen aufgesetzte Vertikallamellen den Wechsel zwischen holzverkleideten und großflächig verglasten Abschnitten. In der Summe lassen sie den Baukörper geschlossener (und damit traditioneller) erscheinen, als er eigentlich ist. Die seitlich angedockten, blechgedeckten Vordächer sind für die landwirtschaftliche Nutzung erforderlich, schaffen aber auch wettergeschützte Pausenzonen für den Seminarbetrieb.

Besucher betreten den Seminarbereich über eine zweigeschossige Eingangshalle in der Gebäudemitte. Sie hat nicht nur eine Verteilerfunktion für die Räume im Gebäude, sondern öffnet sich auch auf beiden Seiten in die Landschaft hinaus. Im Inneren des Hauses wechseln sich auf streng symmetrischem Grundriss ein- und zweigeschossige Bereiche ab. Im Erdgeschoss liegen der Empfang, ein großzügiger (und bis hinauf zum Dachstuhl reichender) Speisesaal und die Gästezimmer. Eine Etage höher sind drei Seminarräume sowie ein Kaminzimmer untergebracht.

Außen traditionell, innen großzügig
Dem Haus ist anzumerken, dass an Raum nicht gespart werden musste. Vor allem die zentralen Erschließungsflächen sind üppig bemessen und erhalten Tageslicht über Oberlichtbänder im Satteldach. An den Längsseiten öffnen sich die Räume mit großen Glasflächen nach draußen, die in regelmäßigen Abständen von den mächtigen Dachbindern durchstoßen werden.

Sägeraues Fichtenholz, Eschenholz (an den Möbeln, die von einem Bregenzerwälder Schreiner gefertigt wurden) und geschliffener Estrich prägen den Raumeindruck. Hinzu kommen weißer Verputz sowie einige skulpturale Einbauten aus brüniertem Stahlblech: die Verbindungstür zwischen Eingangshalle und Seminartrakt, die Wangen der zentralen Treppe und der Kaminblock in der Bibliothek im Obergeschoss.

Der ökologische Anspruch der Stiftung beschränkt sich nicht nur auf die Bildungsarbeit. Auf den 320 Hektar Land werden seltene Nutztierrassen gezüchtet, Moore wiedervernässt und auch sonst viel für die Landschaftspflege getan. Nicht der Ertrag pro Hektar steht im Vordergrund, sondern der Erhalt und die Wiederherstellung von Naturräumen ganz unterschiedlichen Charakters. Fast folgerichtig versorgt sich das Hofgut auch nahezu autark selbst mit erneuerbaren Energien. Das Konzept hierzu entwickelten die Stiftung und ihre Architekten gemeinsam mit dem Planungsbüro Transsolar. Haupt-Energiequelle ist der gutseigene Wald, dessen Holz in einer Hackschnitzelheizung verfeuert und über ein Holz-Gas-BHKW zur Wärme- und Stromerzeugung herangezogen wird. Photovoltaikmodule auf dem Dach der (etwas abseits vom »Langen Haus« stehenden) Energiezentrale liefern weitere Elektrizität. Eine freie Kühlung mit Erdsonden hält das Haus auch im Hochsommer angenehm kühl.

Ein Ort für jedermann – aber nicht für alle gleichzeitig
Trotz der großzügigen Anmutung des Hauses betont Konstantin Reetz, Geschäftsführer der Stiftung Nantesbuch, dessen begrenzte Besucherkapazität. Das Hofgut und seine Ländereien sollen dem Naturerlebnis dienen und daher gerade keine Destination für den Massentourismus werden. Daher wird es mit Ausnahme zweier großer Eröffnungsfeste in diesem Jahr überwiegend Veranstaltungen geben, zu denen sich die Teilnehmer anmelden müssen. Dazu zählen geführte Spaziergänge, Vorträge und Lesungen sowie Schulungen für Lehrer und Kindergärtner. Über diese Ansprache von Multiplikatoren will die Stiftung auch Kinder aus bildungsfernen Schichten erreichen, ohne diese selbst zu Hunderten auf dem Hofgut willkommen heißen zu müssen. Ein elitäres Konzept? Ja und nein. Grundsätzlich, so betont Reetz, stehen die Veranstaltungen in Nantesbuch jedermann offen. Plätze würden in der Regel nach dem Prinzip »first come – first serve« vergeben.

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