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Universitäten bauen - Ein geschichtlicher Überblick

Statt einer Baugeschichte der ersten europäischen Universitäten, müsste man vielmehr eine Institutionengeschichte schreiben: Weder in Bologna noch in Paris, wo um 1200 die Vorgänger der heutigen Universitäten entstanden, wurden dafür Gebäude errichtet. Genutzt wurden bereits vorhandene Räumlichkeiten: Kirchen, Klöster und Privathäuser. Lehrgebäude wurden erst ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet. In Paris gewährte König Phillip II den nach dem spätantiken Bildungskonzept der „artes liberales“ lehrenden Magistern und Scholaren 1200 die Unterstellung unter die kirchliche Gerichtsbarkeit. Die Anerkennung der Gemeinschaft durch den Papst sowie die ersten Statuten folgten wenige Jahre später. Der in diesem Zusammenhang gebrauchte lateinische Begriff „universitas“ bezog sich auf die Gemeinschaft der Magister und Doktoren (in Bologna wurden zusätzlich die Studierenden miteinbezogen) und nicht auf die Gesamtheit der gelehrten Fächer, denn in Bologna wurde zu Beginn nur Recht gelehrt, weitere Fächer folgten erst ab 1280.

Die prozesshafte Entwicklung der ersten Universitäten schlug sich nicht nur im Titel „universitates ex consuetudine“ (aus Gewohnheit) nieder, sondern auch in der Architektur. Sie benutzten bereits vorhandene Räumlichkeiten: Vorlesungen fanden im Freien, in multifunktionalen Sälen von Kirchen und Klöstern oder in Privathäusern der Lektoren statt. Die ersten Universitäten waren somit Stadtuniversitäten, sie waren eng mit dem Stadtorganismus verwoben wie die Bezeichnung „Quartier Latin“ für das gesamte Stadtviertel südlich der Seine in Paris belegt. Ausgehend von der Kathedralschule Notre Dame auf der Seine-Insel und der Klosterschule der Abtei Sainte-Geneviève im Süden der mittelalterlichen Stadt siedelten sich dort zahlreiche universitäre Institutionen in meist umgenutzten Bauten an. Lehrgebäude wurden erst ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet, für universitäre Feierlichkeiten oder Zusammenkünfte – z.B. Promotionen – traf man sich in den vorhandenen Kirchen. Bis ins 20. Jahrhundert gehörten Kirchen fest zum Raumprogramm einer europäischen Universität.
Die späteren Universitäten trugen meist den Titel „universitates ex privilegio“; sie sind Gründungen von Fürsten oder der Kirche, was insbesondere für die Universitäten auf dem Boden des Deutschen Reiches zutrifft. Für diese Neugründungen wurden oft Neubauten errichtet, die nicht nur das Ansehen der Universität, sondern auch des Stifters repräsentieren sollten. Aber auch diese Universitäten konnten wie im Fall Heidelbergs, der dritten Universitätsgründung (1385) im Deutschen Reich, räumlich in die Stadt integriert werden.
Die stetig wachsenden Universitäten prägten zunehmend das Bild der Städte, was bei kleinen Städten besonders markant war, wie das Beispiel der Universität Helmstedt zeigt. 1576 als landesherrliche Gründung im Zuge der Reformation entstanden (und 1810 unter Napoleons Bruder Jérôme aufgelöst), lebten dort 1580 bei nur ca. 2.500 Bürgern 700 Akademiker. Auch hier wurde ein bereits bestehendes Gebäude, der Stadthof der Zisterzienser, schrittweise zum Kollegiengebäude umgebaut. 1592-97 wurde ein neues Hauptgebäude der Universität, nach dem landesherrlichen Stifter „Juleum“ genannt, mit Vorlesungssälen, aber auch Trinkstuben im Keller errichtet. Dieser zweigeschossige und fünfachsige Bau mit steilem Satteldach ist durch einen Treppenturm in der Mitte der Fassade sowie zwei reich geschmückte Zwerchhäuser über den beiden äußeren Fensterachsen gegliedert. Die Bedeutung des Baus wird nicht nur an seiner repräsentativen Erscheinung, sondern auch in seiner prominenten Stellung in zeitgenössischen Stadtansichten deutlich: Das Juleum erhebt sich wie die Kirchen über die anderen Bauten der Stadt. Als Universitätskirche wurde zuerst die Hauptkirche der Stadt, St. Stephani, genutzt, erst 1704 wurde eine eigene Kirche eingerichtet. Zu den in der Stadt verteilten Bauten gehörten der Universitätsgarten, das Fechthaus, das Reithaus, die Apotheke und vor allem die zahlreichen Professorenhäuser, in denen die Professoren nicht nur wohnten, sondern zu denen auch Studentenunterkünfte, Laboratorien, Vorlesungsräume und sogar eine Druckerei gehören konnten.

Auch wenn die Universität als Ganzes erst später baulich gefasst wurde, entstand bereits im 14. Jahrhundert der universitäre Bautyp des Kollegiums. Kollegien waren Unterkünfte für Studenten, die im Unterschied zu anderen Formen studentischer Behausung „klosterähnliche Internate [waren], die als Stiftungen von Persönlichkeiten außerhalb der Universitas gegründet wurden“, wie dies Konrad Rückbrod in seiner Publikation Universität und Kollegium definierte. In Kollegien wurde nicht nur zusammen gewohnt, sondern es fanden auch Lehrveranstaltungen statt. Vor allem in Oxford und Cambridge übernahmen die Kollegien, engl. Colleges, die universitäre Lehre: Die Universität stellt nur deren institutionellen Verband dar. Große Bedeutung besaßen die Kollegien jedoch auch auf dem Kontinent: In Paris wurde das 1257 gegründete Collège de Sorbon um 1550 zum Hauptgebäude der theologischen Fakultät und schließlich zum Synonym für die Pariser Universität (bzw. heute für mehrere Pariser Universitäten), die „Sorbonne“.
Kollegien konnten wie das Collège de Sorbon aus mehreren älteren Häusern und Grundstücken umgebaut und erweitert werden, doch existierte mit dem 1365-67 von Matteo Gattaponi errichteten Collegio di Spagna in Bologna auch ein früher Neubau dieses Bautyps. Der symmetrisch aufgebaute, zweigeschossige und vierflüglige Bau ist um einen quadratischen Innenhof organisiert, der mittig erschlossen wird. Gegenüber dem Eingang liegt die Kapelle des Kollegiums, daran anschließend sowie im Eingangsflügel die Säle, Bibliothek und Wohnung des Rektors. In den Seitenflügeln liegen die Einzelzimmer der Studierenden, die vom Innenhof her durch umlaufende, zweigeschossige Loggien erschlossen werden. Die Anlage mit zentralem Innenhof, an den sich alle Nutzungen angliedern, erweckt einerseits Assoziationen zum Klosterbau, andererseits findet sich die Organisationsform des mit Arkaden gesäumten Innenhofs in Italien bei so unterschiedlichen Bauaufgaben wie Palästen oder öffentlichen Bauten.
Die nicht nur baulich, sondern auch in der Organisation spürbare Nähe des Kollegiums zum Kloster verdeutlicht das New College in Oxford. 1380-86 vom Bischof von Winchester gestiftet, präsentiert es sich als baulich geschlossene Einheit, zu der sogar ein Friedhof gehört. Das Raumprogramm mit Kapelle, Speise- und Versammlungssaal (Hall), Bibliothek, Vorlesungssaal, Torbau mit Pförtnerwohnung, Räumen des Warden (Leiter des Kollegiums) und den Wohnräumen der Studierenden umfasst vergleichbare Anforderungen wie in Bologna, die Anordnung ist jedoch etwas abweichend gelöst: Die Kapelle liegt nicht in Verlängerung der Eingangsachse, sondern bildet mit der sich dahinter anschließenden Hall den Nordflügel, im gegenüberliegenden Südflügel befinden sich die Wohnungen für die Studenten, die anstelle über eine Loggia durch separate Zugänge erschlossen werden. Im New College finden sich die Elemente, die typisch für das englische System der „Quadrangle“ werden: Der dominante und aufwendig gestaltete Torturm über dem Eingang des College, die bauliche Einheit von Kapelle und Vorkapelle, in der Disputationen stattfinden, die Hall als Versammlungsraum sowie die individuelle Erschließung der Studentenzimmer und natürlich die klare Abtrennung des Kollegiums von seiner Umgebung durch die umgebenden Mauern.
Dieses Schema blieb nicht nur in Oxford und Cambridge über Jahrhunderte bestimmend, sondern wurde um 1900 auch in den USA wieder aufgegriffen. Viele der neogotischen Universitätsanlagen, etwa der Plan für die University of Chicago von Henry Ives Cobb von 1893, kopierten – zunächst noch sehr vage – englische Vorbilder. Mit dem 1917-21 von James Gamble Rogers in Yale errichteten Harkness Memorial Quadrangle bekam dieses Kopieren eine neue Qualität: Hier wurde wie im englischen Vorbild eine abgeschlossene Anlage gebaut. Der Eingang wird durch einen Turm markiert und die Studentenzimmer werden von separaten Eingängen vom Hof aus erschlossen. Bis hin zur Patina wurde die Atmosphäre der englischen Vorbilder nachgebaut. Was jedoch nicht übernommen wurde, ist die Nutzung, denn das Harkness Memorial Quadrangle ist ein „dormitory“, es enthält nur die Studentenzimmer und besitzt keine Lehreinrichtungen. Übernommen wurde die Form und Atmosphäre, aber nicht die Funktionsweise eines College.

Ab dem Barock konnte sich eine weitere Universitätsvariante etablieren, der im deutschsprachigen Bereich eine große Bedeutung zukam: die Zusammenfassung aller Fächer in einem einzigen Baukörper. Ein frühes Beispiel ist die „Sapienza“, die von den Päpsten geförderte Universität in Rom. Deren ab 1497 errichtetes Universitätsgebäude wurde ab 1565 durch einen Neubau ersetzt, den Francesco Borromini 1653 fertig stellte und der wegen seiner Universitätskirche Sant?Ivo in die Architekturgeschichte eingegangen ist. In ihrer Gesamtanlage gleicht die Sapienza dem Collegio di Spagna in Bologna und nimmt so den Bautyp eines Kollegiums auf: Auch hier wird die Anlage von einem rechteckigen Innenhof mit zweigeschossiger Arkadengliederung bestimmt, die Kirche befindet sich der Erschließungsachse gegenüber dem Eingang. Statt einer Vierflügelanlage wird der Hof jedoch nur an den Längsseiten von Gebäudetrakten flankiert, die Stirnseite bildet die Kirche, die Eingangsseite besteht nur aus Arkaden. Das Raumprogramm jedoch hat sich geändert. Statt Zimmern der Studierenden befinden sich Unterrichtsräume wie Hörsäle, Aulen der Fakultäten und das anatomische Theater in den Seitentrakten, in den beiden Obergeschossen darüber die Wohnräume der Professoren. Wenn auch in der Sapienza keineswegs alle Bereiche der Universität untergebracht werden konnten – es fehlten die Unterkünfte der Studenten und die Bibliothek – so faszinierte die Grundidee einer Universität in einem Gebäude in Folge immer mehr. Giovanni Battista Piranesi entwarf Mitte des 18. Jahrhunderts den Plan einer gigantischen, konzentrisch aufgebauten Anlage einer allumfassenden Universität, zu der außer Lehrräumen, Bibliothek, Unterkünften und der zu dieser Zeit obligatorischen Kirche auch eine Reitbahn und ein Theater gehören. Zeichnerisch wäre eine solche Anlage vorstellbar, in der Realität dagegen scheiterten Universitätssolitärbauten an den sich rasch ändernden Gegebenheiten. 1873 wurde mit dem Bau der Wiener Universität an der Ringstraße von Heinrich Ferstel noch einmal versucht, das Konzept eines Gesamtbaus für die Universität umzusetzen. Der Komplex greift – wie in dieser Zeit bei Verwaltungs- oder Repräsentationsbauten üblich – den Typus des barocken Schlosses auf und umschließt neun Höfe, deren mittlere wie bei den bereits besprochenen Beispielen von einem Arkadengang gesäumt ist. Die zunehmende Fächer- und Studentenzahlen erzwangen jedoch bald weitere Gebäude.

Im 19. Jahrhundert bekamen die Universitäten in Deutschland Konkurrenz von den nach dem Vorbild Frankreichs gegründeten technischen Bildungsanstalten wie der Polytechnischen Schule in Karlsruhe. In ihrem 1832-35 von Heinrich Hübsch errichteten Schulbau wurden fünf Fachbereiche, darunter die Bauschule, untergebracht. Hübsch errichtet ein symmetrisches, dreistöckiges Gebäude mit schlichten Natursteinfassaden. Die Hauptansicht zeigt eine strenge Gliederung im von Hübsch bevorzugten Rundbogenstil: Die Stockwerksteilung wird durch Gesimse angedeutet, der mittlere Bereich ist durch drei große Arkadenöffnungen im Erdgeschoss betont, die Fenstergliederung in den Stockwerk darüber setzt sich von den schlichteren Seitenbereichen ab. Den T-förmigen Grundriss gestaltete Hübsch so, das auch bei einer möglichen Erweiterung des Baus in Verlängerung des mittleren Flügels das Treppenhaus seine zentrale Stellung behält. Während Hübsch die Unterrichtssäle einfach gestaltete, wölbte er Flure und das Treppenhaus. Wenn sich auch die betonte Schlichtheit im Laufe des 19. Jahrhunderts bei den Bauten für Technische Hochschulen verlor, so blieben doch andere Elemente weiterhin bestimmend: Das Zusammenfassen der unterschiedlichen Fachbereiche, die Konzentration auf die Lehrsäle ohne Studenten- oder Professorenunterkünfte sowie ein zentrales und aufwendig ausgestattetes Repräsentationstreppenhaus.
Die gesellschaftliche Aufwertung und zunehmende Anerkennung der technischen Lehranstalten zeigte sich zum einen darin, dass deren Abschlüsse als gleichwertig mit den universitären Abschlüssen verstanden wurden und sie ebenfalls Studenten promovieren durften, und zum anderen in der Prachtentfaltung der Hochschulbauten. In Gottfried Sempers Eidgenössischem Polytechnikum in Zürich von 1858-64 wurde diese Tendenz manifest. Neben den technischen Fächern wurde eine „philosophisch-ökonomische Abteilung“ eingerichtet und so das klassische Bildungsideal übernommen, was sich auch im Bau widerspiegelt. Zudem erhebt sich der Bau auf einem Geländevorsprung über der Altstadt und dominiert von weither das Stadtbild. Wie die großen Universitätsbauten der Zeit adaptierte Semper das Schema eines Renaissancepalazzo, dessen Hauptfassade neben dem Mittel- durch zwei Seitenrisalite gegliedert wird. Im Inneren wich Semper vom Schema eines Palazzos ab, indem er zwei Innenhöfe und wie bereits Hübsch in Karlsruhe in der Mittelachse ein zentrales Treppenhaus errichtete. Die Eingangsachse baute er zur Repräsentationsachse aus: Eine Freitreppe führte durch den Haupteingang zum aufwendig gestalteten Vestibül, von dem aus man über das Treppenhaus zum zentralen Antikensaal gelangte, der zwischen den Innenhöfen lag und zeichenhaft für das klassische Bildungsideal stand. Die Hörsäle und Fakultätsräume waren in einhüftig organisierten Trakten um die Innenhöfe angeordnet. Die an den Innenhöfen liegende Flure lassen sich als Reminiszenz der früheren Loggien begreifen.
Repräsentationsbauten für Technische Hochschulen wie in Zürich oder für Universitäten wie in Wien spiegeln nicht nur das Ringen um gesellschaftliche Bedeutung wieder, sondern sie konnten auch zur Demonstration von staatlicher Macht und territorialer Besitznahme eingesetzt werden – wie bei der nach dem Deutsch-französischen Krieg in Straßburg ausgebauten Kaiser-Wilhelm-Universität. Nicht nur der Name, sondern auch die monumentale Architektur etwa des 1879-84 von Otto Warth errichteten Kollegiumsgebäudes sollte die postulierte Vormacht der deutschen Kulturnation demonstrieren – und wurde demgemäß als Affront von französischer Seite aufgefasst.

Die Etablierung neuer Fachgebiete nicht nur in den Natur-, sondern auch in den Geisteswissenschaften führte im 19. Jahrhundert notwendigerweise zu einem Ausbau der alten Universitäten. Technische Laboratorien, die aus Sicherheitsgründen in eigenen Gebäuden untergebracht waren, und große Bibliotheken entstanden vielerorts. Zudem wurden repräsentative Hauptgebäude errichtet. Neubauten konnten entweder wie in Straßburg auf einem Grundstück geplant oder nach dem alten Prinzip der Stadtuniversität über die Stadt verteilt werden. Die Begeisterung des späten 19. Jahrhunderts für Geschichte zeigte sich nicht nur im Einrichten historischer Seminare, sondern auch in der baulichen Aufnahme historischer Bezüge wie in der Phillips-Universität in Marburg. Deren 1873-91 von Carl Schäfer errichtetes neogotisches Auditoriengebäude entstand aus dem ehemaligen Dominikanerkloster, das von der Universität seit ihrer Gründung genutzt wurde. Und auch die im Stile der Neorenaissance 1885-86 von Josef Durm „rekonstruierte“ Alte Aula der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg nimmt wenig Rücksicht auf den 1712 errichteten barocken Bau, in dem sie sich befindet, sondern verweist auf den Vorgängerbau und damit auf eine Blütezeit der Stadt und Universität.

Neben dem Typus der Stadtuniversität, der Zusammenfassung der Universität unter einem Dach oder der Universität als Verbund von Kollegien entstand in den USA ein weiterer Typ, die Campus-Universität. Diese Variante unterscheidet sich in zwei Punkten signifikant von den europäischen Traditionen: Die Universität liegt idealerweise fern der „corrupting forces of the city“ eingebettet in die Natur und ist außerdem sehr weiträumig angelegt. Die ab 1817 errichtete University of Virginia ist zwar keineswegs die erste Campusuniversität der USA, jedoch ist sie nicht nur durch ihre hohe architektonische Qualität, sondern auch durch die herausragende Figur ihres Gründers und Planers, des Präsidenten Thomas Jefferson, bemerkenswert. Die klassizistische Anlage besteht aus einem an das Pantheon in Rom gemahnenden Hauptbau mit Bibliotheknutzung an der Stirnseite einer zentralen rechteckigen Rasenfläche, „Lawn“ genannt, die seitlich von je einer Säulenkolonnade mit fünf zweigeschossigen Pavillons begrenzt wird. Die zum „Lawn“ weisenden Fronten der bewusst einfach gehaltenen Pavillons sind mit Portiken geschmückt. Die Pavillons sollten nach Jeffersons Vorstellungen einen Lehrraum im Erdgeschoss und zwei Zimmer als Professorwohnung im Obergeschoss erhalten. Zwischen den Professorenpavillons liegen eingeschossige Bauten für die Studenten. Hinter dieser ersten Bautenreihe befindet sich eine weitere Gebäudereihe, in der weitere Studentenräume und Speisesäle untergebracht sind. Die zentrale Freifläche war nicht nur für amerikanische Dörfer typisch, sondern prägt auch die Planung von Washington mit der zentralen Mall, in deren Achse das US-Capitol thront.
Die von Jefferson als „academic village“ bezeichnete Anlage ist die Umsetzung eines Lehrideals, das auf einer engen Gemeinschaft zwischen Lehrenden und Studierenden beruht. Dieses Ideal wurde im 19. Jahrhundert um die humboldtsche Forschungsuniversität ergänzt, blieb aber weiterhin ebenso wirksam wie das räumliche Konzept mit Pavillons auf einem begrünten Campus. Eine moderne Interpretation der Campusuniversität stellt das ab 1938 von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Illinois Institute of Technologie (IIT) in Chicago dar. Die für ihre einheitliche Gestaltung (insbesondere die Eckausbildung) bekannt gewordenen Solitäre sind inmitten von Rasenflächen und Bäumen platziert; allerdings liegt der Campus nicht in der Landschaft, sondern umgeben von der Großstadt.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden die amerikanischen Campusuniversitäten nicht nur zunehmend von den anwachsenden Großstädten umschlossen, sondern es entstanden auch neue Fächer wie Wirtschaftwissenschaften und Journalismus, die dezidiert dem großstädtischen Leben zugeordnet wurden. Das amerikanische Ideal der Trennung von Universität und Stadt war somit zumindest teilweise hinfällig. Als bauliche Lösung für eine neue Verbindung von Großstadt und Universität errichtete die University of Pittsburgh 1926-37 einen von Charles Z. Klauder entworfenen Wolkenkratzer, die so genannte „Cathedral of Learning“. Wolkenkratzer galten in den 1920er Jahren nicht nur im In- und Ausland als der amerikanische Bautyp schlechthin, sondern auch als Symbol für Modernität und Erfolg. Diese Zeichenhaftigkeit machte sich die Universität zu Eigen, um mit dem Bau den Aufbruch in ein neues Zeitalter zu proklamieren. Auch wenn der Bau in den USA selbst kontrovers diskutiert wurde, fand die Idee doch – direkt oder indirekt – ihre Nachfolge in der von Lew Rudnew geplanten und 1949-53 errichteten Lomonossow-Universität in Moskau. Mit diesem Bau wurde der Typ der Wolkenkratzeruniversität im sowjetischen Machtbereich zum Ideal, so dass trotz der eher spärlich vorhandenen Beispiele das in der DDR konzipierte Lexikon der Kunst noch 1994 unter dem Stichwort „Universität“ über die Raumorganisation kategorisch schrieb: „?Stapelbare‘ Räume, wie Hörsäle, Bibliotheken usw. werden in der Regel in Hochhäusern zusammengefasst“.

Im 20. Jahrhundert nahmen die Studentenzahlen dermaßen zu, dass nicht nur wie im 19. Jahrhundert die bestehenden Universitäten ausgebaut, sondern auch deren Prinzipien überdacht werden mussten. Um Universitäten mit mehreren tausend Studenten zu planen, wurden die aktuellen Grundsätze des Städtebaus angewandt. Während bei Neuplanungen eines Universitätsareals das städtebauliche Zeitideal ungehindert zur Anwendung kommen konnte, wurden andernorts die bereits bestehenden Anlagen zu Stadtvierteln ergänzt. Die alte Verbindung von Universität und Stadt fand so einen neuen Ausdruck. Im Neubau der Sapienza in Rom, deren neue „Città universitaria“ unter Benito Mussolini von Marcello Piacentini ab 1932 geplant wurde, steht dies programmatisch in Stein gehauen über dem Rektorat: „studium urbis“. Die karge, monumentale und mit Natursteinfassaden versehene Architektur des italienischen Razionalismo prägt die Bauten dieser Universität, die ebenso eine Machtdemonstration des faschistischen Regimes darstellte wie die Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg für das wilhelminische Deutsche Kaiserreich.

Im 20. Jahrhundert entstanden neben den Universitäten kleine Fachschulen, die hier aus Platzgründen jedoch nicht besprochen werden können. Dies gilt auch für Walter Gropius? Bauhaus in Dessau (1925-26), das zwar in seiner architekturhistorischen Bedeutung kaum zu überbewerten ist, jedoch für die zeitgenössischen Probleme des Universitätsbaus keine Lösung darstellte. Generell wurden in den 1920er und 1930er Jahren in der Weimarer Republik wenig universitäre Bauten errichtet, andere Bereiche wie das Wohnungswesen wurden als dringender empfunden.

Die Platzprobleme der Universitäten nahmen nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zu, insbesondere da die Studierendenzahlen nochmals stark anstiegen. Waren 1950 in der BRD an den Universitäten und Technischen Hochschulen ca. 110.000 Studierende immatrikuliert, so waren es 1960 bereits 215.000. Neben dem Ausbau der bestehenden Universitäten entstanden daher Neugründungen: Megastrukturen für Massenuniversitäten. Die Megastruktur – in Gebäudeclustern wie in der von Horst Linde geplanten und 1966 eröffneten Universität in Konstanz oder symmetrisch und streng geordnet wie bei der von Hentrich, Petschnigg und Partner (HPP) ab 1963 geplanten Ruhr-Universität Bochum – bot nicht nur die Möglichkeit einer späteren Erweiterung, sondern auch die Chance, alle Universitätsbereiche an einem Ort zu vereinen und so diese alte Ideal mit modernen Mittel endlich zu verwirklichen. Da die Megastrukturen allein schon aus Platzgründen außerhalb der Städte errichtet wurden, musste dafür die alte Bindung an die Stadt aufgegeben werden.
An der von Klaus Köpke, Peter Kulka u.a. 1971-76 gebauten Universität Bielefeld lässt sich das System der Megastruktur beschreiben. Der Bau besteht aus einer großen, zweigeschossigen und 240m langen Halle, an die sich auf beiden Seiten rechtwinklig Hochhausscheiben angliedern, die den einzelnen Fachbereichen zugeordnet sind. Die Halle ist Aula, Foyer der Fachbereiche, Mensa und Hörsäle und zugleich die Bibliothek: Die Bücher stehen entlang der Raumbegrenzung nach Fachbereichen geordnet vor den zugehörigen Fakultätsbauten. Anstelle der Repräsentationsbauten der vorigen Jahrhunderte wurde bewusst ein Werkstattcharakter erzeugt. Dies wird auch im Grundriss deutlich: Das eine Ende der Halle besetzt das Auditorium Maximum als Sinnbild universitärer Lehre und Versammlung, das andere Ende dagegen bewusst profan die Sport- und Schwimmhalle. Dieser Auszug der Universitäten aus den Städten passte zur funktionsgetrennten und autogerechten Stadt; doch inzwischen ist der Ausbau der Universitäten längst auch in den Innenstädten wieder Usus. Dabei werden nicht nur Neubauten errichtet, sondern immer mehr Altbauten umgenutzt. Sogar Neugründungen machen Gebrauch von Konversionen wie die Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, die in die 1914-18 errichteten und 1993-95 vom Architekturbüro Schweger + Partner umgebauten Industriewerke Karlsruhe-Augsburg einzog und so die Gebäudepraxis der Anfangsjahre der Universitäten adaptierte.

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Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 9/2010

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