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Zlin - Modellstadt der Moderne

Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach

Diese Werbeplakate entstanden um 1930 und wurden in der werkseigenen Kunstsschule hergestellt.

Spricht man von Modellstädten der Moderne, denkt jeder an Lucio Costas Brasilia oder Le Corbusiers Chandigarh. Kaum jemand kennt eine kleine Stadt im Hinterland Tschechiens, die beide dieser Hauptstädte vom Reißbrett in punkto Radikalität und Konsequenz in den Schatten stellt: Zlín, die Produktionsstätte der Brüder Bat’a, die hier in den 1920er und 1930er Jahren aus dem nichts Europas größte Schuhproduktion aufbauten und eine Gesellschaft formten, die nur einem Ziel dienen sollte: kompromissloser Effizienz und maximalem Profit. Die speziell für München vollständig neu gestaltete Ausstellung bietet einen intensiven Einblick in ein Imperium, die Schuhfabrik Bat’a, das zu Beginn des 20. Jahrunderts innerhalb kürzester Zeit aufgebaut wurde und noch heute erfolgreich ist. Beeinflusst und inspiriert von Henry Ford´s Arbeitsorganisation die durch Arbeitsteilung und Fließbandarbeit eine rationelle Produktion ermöglicht, versuchte Tomás Bat’a dieses System auf die gesamte, im Osten Tschechiens gelegene Stadt Zlín zu übertragen. So hatte man bei der Herstellung der Schuhe stets höchste Produktivität zum Ziel. Bat'a allerdings beabsichtigte, durch radikale Kontrolle über alle Lebensbereiche, eine Gesellschaft zu formen, die ausschließlich dazu beitragen sollte, dem Unternehmen zu noch mehr Ruhm zu verhelfen. Aufbauend auf dem immer gleichen Rastermaß von 6,15 m x 6,15 , das entspricht dem damaligen amerikanischen Industriestandard von 20 x 20 Fuß entstanden nicht nur Bat'a-Fabriken, sondern Bat'a-Verwaltungshochhäuser, Bat'a –Internate oder ein Batà-Hotel. Sport und Film liefern Freizeitbeschäftigungen zur Effizienzsteigerung, eine homogene Gesellschaft entsteht. Zlín wurde jedoch von den Architekten der Moderne, darunter Le Corbusier, mit großer Begeisterung aufgenommen. Durch die strenge Einteilung der Bereiche Arbeiten, Wohnen, Erholen und Verkehr sah man in Zlín die „funktionale Stadt“ verwirklicht und bezeichnete sie als „leuchtendes Phänomen“, als „Modellstadt der Moderne“. Le Corbusier, der auf der Suche nach einer „Autorität“ war, die seine Ideen und Konzepte verwirklichen würde, sah in Bat’a einen Auftraggeber und glorifizierte ihn vom kapitalistischen Patriarchen zum Philantrophen. Mit den Bat’a Boutiquen oder dem Pavillon zur Weltausstellung in Paris 1937 lieferte Le Corbusier radikale Entwürfe, die aus ökonomischen Gründen ausnahmslos abgelehnt wurden. Große soziale und kulturelle Leistungen Bat'as stehen im Schatten von Ausbeutung, Kontrolle und gezielter Homogenisierung der Gesellschaft in der die Bewohner dieser Modellstadt einem fast totalitären Kapitalismus untergeordnet waren. Das Architekturmuseum liefert in der Ausstellung zunächst Hintergrundinformationen und führt mit historischen Daten zu Bat'a und der Entwicklung Zlíns in die Thematik ein.Ein großflächiger Geländeplan als Zentrum der Ausstellung zeigt die streng nach Raster konzipierte Stadt.

Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach
Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach

Diese Werbeplakate entstanden um 1930 und wurden in der werkseigenen Kunstsschule hergestellt.

Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach
Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach

Im Jahre 1914 erhält die Firma Bat'a einen Großauftrag zur Produktion von Militärstiefeln für das österreichisch-ungarische Heer des 1. Weltkrieges. In den 1930er Jahren lagen die Produktionszahlen bereits bei 200 000 Paar Schuhen pro Tag.

Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach

Weltweit werden Satellitenstädte nach dem Vorbild Zlín gebaut, u.a. in der Schweiz, der Slowakei, in Indien und Brasilien.

Zl?n, Utopie, Moderne
Foto: Frank Kaltenbach

Besonderes Augenmerk wird auf die Architektur gerichtet. So assoziiert man den Name Bat'a stets mit modernster Architektur die sich schließlich als Markenzeichen der Firma etabliert.
Die ausgestellten Modelle zeigen deutlich die nach Raster geplanten Fassaden.

Foto: Frank Kaltenbach
Foto: Frank Kaltenbach
Foto: Frank Kaltenbach

Bat'as 35 m2 großes Büro in einer Einheit der Firmenzentrale ist ein Aufzug, mit dem jede Etage des Gebäudes abgefahren werden kann. Es steht als Symbol für den Geist dieses von Modernität, Radikalität und Effizienz geprägtem System.

Die Stadt wird allmählich zur Pilgerstätte der Moderne. Le Corbusier sah seinerzeit in Zlín das Ideal einer nach dem Prinzip der Funktionalität organisierten Stadt umgesetzt. 

Foto: Frank Kaltenbach

Mit den Bat’a Boutiquen oder dem Pavillon zur Weltausstellung in Paris 1937 lieferte Le Corbusier radikale Entwürfe, die aus ökonomischen Gründen ausnahmslos abgelehnt wurden.
Für die neu konzipierte Ausstellung im Architekturmuseum wurde der Pavillon erstmals als Modell gebaut und ist somit räumlich erfahrbar.

Foto: Frank Kaltenbach

Eine Zusammenarbeit scheiterte am Unvermögen Bat'as, Le Corbusiers Autonomie als Architekt zu akzeptieren.

Foto: Frank Kaltenbach

Bau des Verwaltungsgebäudes Nr.21 und des Bat'a Geschäftshauses in den 1930er Jahren sowie die aktuelle Situation in Zlín, 2008:

Bau des Verwaltungsgebäudes Nr. 21 und des Bat a Geschäftshauses

Aktuelle Entwürfe geben Impulse zur Weiterentwicklung der Stadt. Hier ein Beispiel zur Umnutzung der Gebäude Nr.14 und Nr.15:

Entwurf von ADNS production architecture, Prag 2009 zur Weiterentwicklung der Gebäude Nr. 14 und 15

Zlín - Modellstadt der Moderne
19. November 2009 bis 21. Februar 2010
Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne
Arcisstraße 21
80333 München

Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne

Kataloge:

Zlín – Modellstadt der Moderne, Winfried Nerdinger (Hg.)
in Zusammenarbeit mit L. Horñálová und R. Sedlákova, 208 S., Jovis Verlag,
Berlin 2009, ISBN 978-3-86859-051-7, € 38,–

Der Katalog zur Ausstellung zeigt vor allem durch zahlreiche Bilder die Entwicklung von Zlín. Zu sehen sind neben Fotografien, die das Alltagsleben der Stadt dokumentieren, u.a. auch Werbeplakate und Planzeichnungen darunter Skizzen und Entwürfe von Le Corbusier.

A UTOPIA OF MODERNITY: ZLÍN, Katrin Klingan (Hg.)
in Zusammenarbeit mit Kerstin Gust, englisch, 304 S., Jovis Verlag,
Berlin 2009, ISBN 978-3-86859-034-0, € 28,–

Ein umfangreicher Sammelband präsentiert Beiträge von Architekten, Soziologen und Stadtforschern zum „Phänomen Zlín“ und verbindet erstmalig die historische Analyse mit dem Blick auf die Gegenwart und zukünftige Entwicklung der Stadt. Pläne, Fotografien und Filmstills stellen die hohe ästhetische Qualität der Modellstadt vor und laden zur Auseinandersetzung und Neubesichtigung ein. Das Symposium „A Utopia of Modernity : Zlín“ ist ein Projekt von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, mit dem Haus der Kunst in Brno, der Bezirksgalerie für bildende Kunst in Zlín und der Nationalgalerie in Prag.

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