20.03.2011 Jakob Schoof

Glaspaläste für Adlige, Pflanzen und Maschinen

Seit Beginn der Neuzeit ist solares Bauen eng mit der Nutzung von Fensterglas verbunden – auch wenn sich dieses zunächst nur die Reichen leisten konnten. Teil 2 unserer Jubiläumsserie beschreibt das Faible britischer Adliger und Großbürger für das Wohnen hinter Glas und erzählt, wie das Glashaus die botanischen Gärten der Welt hinter sich ließ.

Foto: Privatziegelei Hebrok

Foto: Privatziegelei Hebrok

Als Kulminationspunkt dieser „Glasmode“ gilt Hardwick Hall in Nordengland (1590-97). Die Erbauerin des Herrenhauses, Bess of Hardwick, galt seinerzeit als zweitreichste Frau Englands nach Königin Elizabeth I. Die riesenhaften Glasfenster das Gebäudes ließen bald das geflügelte Wort „Hardwick Hall, more glass than wall“ entstehen. Besonders komfortabel war das Gebäude jedoch nicht, wie Michael Wigginton in seinem Buch „Glas in der Architektur“ schreibt: Da das Isolierglas noch lange nicht erfunden war, waren die Räume im Sommer heiß und im Winter eisig.

Foto: Privatziegelei Hebrok

Foto: Privatziegelei Hebrok

Photo: Privatziegelei Hebrok

Photo: Privatziegelei Hebrok

Auf die Spitze getrieben wurde die neuzeitliche Glasarchitektur in den Gewächshäusern und Wintergärten, die seit Ende des 18. Jahrhunderts vor allem beim europäischen Großbürgertum in Mode kamen. Ihre Besitzer schätzten die Möglichkeit, sich ganzjährig mit exotischen Pflanzen zu umgeben, aber auch die zusätzliche Wärme, die sie im Winter spendeten – sofern sie nicht, was aus Ignoranz häufiger geschah, auf der Nordseite von Gebäuden angeordnet wurden und dadurch zu Energieschleudern statt zu Energiegewinnern wurden.

Gewächshaus eines viktorianischen Landsitzes in England

Foto: Janie Airey

Foto: Janie Airey

Photo: Janie Airey

Photo: Janie Airey

Die vielleicht bemerkenswerteste Konstruktion dieser Art ließ sich der bayrische König Ludwig II. 1868-69 im Dachgeschoss der Münchner Residenz errichten. Eine 9 m hohe Tonne aus Glas und Eisen überspannte den 70x17 m großen Garten mit exotischer Flora und Fauna, mit künstlichem See, Maurischem Kiosk, Fischerhütte und großen austauschbaren Panoramagemälden.

Foto: Remund Holzbau

Foto: Remund Holzbau

Auch der Typus des großen Glashauses hat wiederum Wurzeln in der Antike: Schon die Römer erkannten, dass sich Pflanzbeete, die mit dünnen, transluzenten Scheiben aus Glimmer abgedeckt und der Sonne ausgesetzt waren, gut für die Aufzucht kälteempfindlicher Pflanzen eigneten. In der Neuzeit erlebte das Gewächshaus seine Renaissance vor allem infolge der Entdeckung Amerikas und Südostasiens und des daraufhin stark wachsenden Interesse an deren Tier- und Pflanzenwelt. Selbst Joseph Paxtons Kristallpalast für die Weltausstellung von 1851 ist lediglich der Kulminationspunkt einer langen Reihe von Gewächshäusern, die mit der Einrichtung des ersten botanischen Garten Europas in Leiden (1590) ihren Anfang nahm.

Wintergarten im Dachgeschoss der Münchner Residenz (1868-69)

Foto: Remund Holzbau

Foto: Remund Holzbau

Photo: Remund Holzbau

Photo: Remund Holzbau

Interessanterweise begegnen sich just in diesem Bautypus zwei überaus konträre Haltungen: die Suche nach der perfekten Rationalisierung aller Produktions- und Montageabläufe – und die Sehnsucht nach Exotik, nach dem Einzigartigen. Naturbeherrschung und Naturbewahrung gehen in den Glashäusern des 19. Jahrhunderts eine enge Symbiose ein.

Großes Palmenhaus in Kew Gardens, London (1846-48)

Foto: Michael Heinrich

Foto: Michael Heinrich

Kurz vor der Jahrhundertmitte begann sich überdies die Nutzung dieser Bauten zu wandeln. Katalysator der Entwicklung war der Jardin d’Hiver auf den Champs Elysées in Paris, 1846/47 nach Plänen von Charles-Théodore Charpentier errichtet und seinerzeit (vier Jahre vor dem Bau des Londoner Glaspalasts) der größte Glaspavillon überhaupt. Das 8000 Personen fassende Gebäude war nicht mehr nur der Aufzucht von Pflanzen vorbehalten, sondern diente als Fest- und Konzertsaal sowie als frühe „shopping mall“ mit Läden, in denen exotische Vögel und Parfums feilgeboten wurden.

Foto: meck Architekten

Foto: meck Architekten

Photo: Michael Heinrich

Photo: Michael Heinrich

Sowohl Joseph Paxton, der Baumeister des Londoner „Kristallpalasts“, als auch Henry Cole, Organisator der Weltausstellung von 1851 und damit Paxtons Auftraggeber, kannten den Jardin d’Hiver. Paxtons Entwurf folgt jedoch ganz anderen ökonomischen Zwängen als dieser. Genau genommen, ist er eine grandiose Notlösung. Paxton hatte sich ursprünglich gar nicht an dem 1850 ausgelobten Wettbewerb für eine Ausstellungshalle beteiligt. Dessen gleichrangige Sieger waren Richard Turner, Baumeister des großen Gewächshauses in den Londoner Kew Gardens (1846-48) und der Franzose Hector Horeau. Beider Entwürfe sahen Eisen-Glas-Konstruktionen in der Tradition der großen Gewächshäuser vor, stellten sich jedoch als deutlich zu teuer heraus. Nur 13 Monate vor Eröffnung der Weltausstellung stand das Ausstellungskomitee ohne einen bezahlbaren Plan für eine Ausstellungshalle da.

Ein daraufhin von den Architekten Wyatt, Jones und Heard angefertigter Alternativentwurf führte ebenfalls zu keinem befriedigenden Ergebnis. Der gigantische Ziegelbau mit Glasdach, den sie zeichneten, wäre bis zur Ausstellungseröffnung wohl nicht fertigzustellen gewesen. Dennoch publizierte das Ausstellungskomitee die Entwürfe und bat ausgewählte Bauunternehmer um Angebote.

Kristallpalast in London (1851): Querhalle. Zeitgenössische Entwurfszeichnung für die Inneneinrichtung.

Foto: Nicholas Worley

Foto: Nicholas Worley

Nun trat Joseph Paxton auf den Plan. Paxton war Bauernsohn, später Chefgärtner des Duke of Devonshire, und, wie viele seiner Kollegen jener Zeit, als Autodidakt zum Glashausbau gekommen. Über die Jahre hatte er sich mit seinen Konstruktionen einen Namen erworben und war zum wohlhabenden Mann geworden. Ironischerweise entsprach seine Rolle genau der jener Architekten, die später in schöner Regelmäßigkeit auf Umwegen an Aufträge für deutsche Weltausstellungs-Pavillons gelangten: Paxton war nicht der Wettbewerbssieger, ja nicht einmal Teilnehmer, aber er war in der Politik und der Baubranche gut vernetzt und konnte den Entscheidungsträgern glaubhaft versichern, dass er allein in der Lage wäre, das gigantische Bauvorhaben in der verbleibenden Zeit Realität werden zu lassen.

Foto: Nicholas Worley

Foto: Nicholas Worley

Photo: Nicholas Worley

Photo: Nicholas Worley

Nur zwei Wochen vergingen zwischen Paxtons erstem Besuch in London und der Präsentation seines Entwurfs. Drei weitere Wochen später hatte Paxton ein Bauunternehmen, einen Glashersteller und ein Ingenieurbüro um sich geschart und konnte ein Angebot für den Bau des Glaspalasts abliefern. Der Angebotspreis belief sich auf 150.000 Pfund – die Hälfte dessen, was Turners erster Entwurf gekostet hätte – oder 80.000 Pfund für den Fall, dass alle Baumaterialien nach Ende der Ausstellung zurück in den Besitz des ausführenden Bauunternehmers Fox & Henderson übergingen.

Kristallpalast in London (1851)

Foto: Björn Martenson

Der Rest ist Geschichte. Paxtons Bau wurde realisiert, wieder abgebaut und ein Jahr später in nochmals vergrößerter Form in Sydenham im Süden Londons wieder aufgebaut, wo er bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts stand. Seine Nutzung hatte mit derjenigen der früheren Gewächshäuser nicht mehr viel gemeinsam – mit einer Ausnahme: Mitten auf dem Bauplatz des Kristallpalasts im Hyde Park stand eine Reihe großer Ulmen. Londons Bürger forderten deren Erhalt – und Paxton reagierte, indem er sein Gebäude, das ursprünglich nur ein Flachdach mit Grat- und Kehlenkonstruktion („ridge and furrow“) erhalten sollte, mit einem tonnengewölbten Querschiff versah. Der zweite Kristallpalast in Sydenham hatte dann bereits drei dieser Querschiffe und obendrein ein gläsernes Tonnengewölbe in Längsrichtung.

Kristallpalast in London (1851): Konstruktionsprinzip

Kristallpalast in London (1851): Schnittperspektive (Ausschnitt)

Foto: Hans-Christian Schink

Im Mittelalter spielte solares Bauen kaum eine Rolle; Wohngebäude besaßen vor allem Schutz- und Speicherfunktion. Erst als die Städte in der Neuzeit über ihre Mauern und Wallanlagen hinauswuchsen, öffneten sich auch die Behau- sungen des Menschen wieder zum Licht. Solares Bauen blieb jedoch ein soziales Privileg – und mitunter ein zweifelhaftes: Fensterglas war auch 1500 Jahre nach seiner Erfindung noch teuer, und im England der Renaissance entwickelte sich unter Adligen eine regelrechte Manie, Gebäude zwecks der Zurschaustellung eigenen Reichtums mit großen Fenstern auszustatten.

Hardwick Hall in Derbyshire/England. (1590-97)

Foto: Janie Airey

Foto: Janie Airey

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