Ausstellung in Berlin
Atelier Li Xinggang: Zwischen Idealismus und Realität
Die Kurven des nationalen Bob- und Rodelzentrums Yanquing im Wettkampfareal der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking gleichen einem mythischen Drachen, der durch die Landschaft gleitet. © Atelier Li Xinggang
Das chinesische Konzept Tiān rén héyī (天人合一) beschreibt die Einheit von Mensch und Kosmos als harmonisches Ganzes, in dem Natur und menschliches Handeln miteinander verbunden sind. Architektur erscheint in diesem Denken nicht als autonomes Objekt, sondern als vermittelnde Struktur innerhalb eines größeren Zusammenhangs von Landschaft, Kultur und Raum. Vor diesem philosophischen Hintergrund lässt sich die Arbeit von Li Xinggang als zeitgenössische Interpretation dieser Idee lesen. Nach jahrzehntelanger Forschung zu Chinas Städten, Gärten und Baukultur gewährt er in der Berliner Ausstellung „Vital Architecture“ einen Einblick in seine Praxis. Als Gründer seines Ateliers und Chefarchitekt der China Architecture Design & Research Group (CADG) prägt er mit dieser Haltung maßgeblich die gegenwärtige Architektur Chinas.
Architektur für Olympia
Spätestens seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking wird Li Xinggang in China zu den ganz Großen gezählt. Als Chefarchitekt der CADG übernahm er die Verantwortung für die Umsetzung des Nationalstadions, das sogenannte „Vogelnest“, in Peking. Den Wettbewerb gewann CADG zuvor zusammen mit Herzog & de Meuron und dem Künstler Ai Weiwei. Auch hier übernahm Li Xinggang eine leitende Position. Die Einweihung des Stadions 2008 zählt zu den glorreichsten Momenten in Chinas Geschichte. Auch für die Winterspiele 2022 war er als einer der Hauptplaner der Yanqing-Zone tätig und es entstand die erste Veranstaltungsstätte für den Bobsport in China. Wegen seiner gewundenen, drachenähnlichen Strecke, die sich durch das verschneite Gelände des Xiaohaituo-Berges schlängelt, trägt die Bobbahn den Spitznamen „Fliegender Schneedrache“. Sie erinnert an traditionelle chinesische Kulturbilder und symbolisiert gleichzeitig die Geschwindigkeit und Beweglichkeit im Bobsport. Zwei Jahre nach der Fertigstellung gewann der chinesische Athlet Yan Wengang während der Olympischen Spiele 2022 auf der Strecke die erste nationale Medaille im Skeleton.


Miniature Peking, Renovierung Nr. 28 Dayuan Hutong: Basierend auf der Untersuchung der komplexen städtischen Struktur des traditionellen Pekings und unter Berücksichtigung seiner verdichteten Struktur wurde das überfüllte Hofhaus in kollektive kleine Hofwohnungen umgewandelt. © Su Shengliang
Zwischen Idealismus und Realität
Aus seiner Doppelrolle als Entwerfer im Atelier und administrativer Verantwortlicher in einem Großinstitut entwickelte Li Xinggang zentrale Entwurfsprinzipien: die enge Beziehung zwischen Bauwerk und räumlichem Kontext, das Auflösen der Grenze zwischen Natur und Architektur, die prägende Rolle von Trag- und Hüllstruktur, die Gestaltung räumlicher Dramaturgie sowie das Streben nach poetischer Raumerfahrung. Diese Prinzipien basieren außerdem auf der intensiven Auseinandersetzung mit historischen Stadt- und Landschaftsräumen. In dem Versuch Tradition und zeitgenössische Architektur zu verbinden, entstanden Projekte wie der Umbau eines alten Stahlkraftwerks in ein Boutique-Hotel, der Entwurf einer vertikalen Stadt in Form von zwei Wohntürmen und die Neuinterpretation eines chinesischen Wohnhauses.


Die Arbeitsstation im Xanadu-Park erinnert auf den ersten Blick an mongolische Jurten. © Zhang Guangyuan


Über den Dachsteg des Anren-Kulturzentrum können Besucher entlang der Dachfirste und Dachrinnen auf und ab wandern, als würden sie zwischen Berggipfeln spazieren gehen. © Schranimage
Szenografische Präsentation
Die Ausstellung bei Aedes zeigt noch bis zum 18. März mit den Arbeiten von Li Xinggang zum ersten Mal Projekte eines staatlichen Büros in China. Sie verbindet Modelle, Skizzen, Fotografien, Filme und räumliche Inszenierungen zu einer vielschichtigen Erfahrung, die den architektonischen Gestaltungsprozess erfahrbar macht. Die zehn vorgestellten Projekte aus China veranschaulichen exemplarisch eine Architekturauffassung, die als dynamisches, lebendiges System konzipiert ist. Im Atelier werden Forschung, Entwurf, Konstruktion und Nutzung als fortlaufender Prozess verstanden, in dem alle Schritte ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen. Auf diese Haltung verweisen auch die hölzernen Versandkisten, die zunächst für den Transport und nun zur Präsentation der Modelle eingesetzt werden.
Ausstellung: Vital Architecture – Between Idealism and Reality
Architektur: Atelier Li Xinggang
Ausstellungsort: Aedes, Christinenstr. 18–19, 10119 Berlin
Ausstellungsdauer: 07. Februar bis 18. März 2026
Öffnungszeiten: Montag 13–17 Uhr; Dienstag bis Freitag 11–18.30 Uhr; Donnerstag 11–20 Uhr; Sonn- und Feiertage 13–17 Uhr
Weitere Informationen: aedes-arc.de













