Gedenkstätte für das jüdische Dorfleben
Lost Shtetl Jewish Museum in Litauen von Lahdelma & Mahlamäki
Luftaufnahme des Museumskomplexes von Nordwesten, © Kuvatoimisto Kuvio
Im August 1941 machte die deutsche Wehrmacht das litauische Dorf Šeduva dem Erdboden gleich und exekutierte 664 jüdische Einwohner und Einwohnerinnen in den nahe gelegenen Wäldern. Damit ging auch die lange, reiche Geschichte des Orts verloren. Schon seit langem arbeitet eine Gruppe internationaler Historiker an einem Ausstellungskonzept, das Šeduva – und die Geschichte der osteuropäischen Schtetls insgesamt – zu neuem Leben erwecken sollte. Dabei sollten weniger die Schrecken des Holocaust im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die jahrhundertealte Tradition jüdischen Lebens in der Region.


Der Eingangsbereich des Museums öffnet sich über große Glasfläche zu beiden Seiten. Links im Bild führt eine Treppe hinunter zu den Ausstellungsräumen. © Aiste Rakauskaite
Auf Wachstum ausgelegt
Die konkrete Planung für ein – noch deutlich kleineres – Ausstellungsgebäude begann 2016 mit einer Anfrage an Rainer Mahlamäki. Dessen Büro Lahdelma & Mahlamäki Architects (LMA) hatte mit seinem Büro drei Jahre zuvor das Museum der polnischen Juden in Warschau fertiggestellt. Da der Neubau in Šeduva komplett privat finanziert wurde, war für den Auftrag kein Wettbewerbsverfahren notwendig. Über die Jahre wuchs das Raumprogramm zusehends. Glücklicherweise hatten Lahdelma & Mahlamäki von Anfang an eine dezentrale, erweiterbare Museumsarchitektur entworfen, die sich an der Bauweise der Bauernhäuser Litauens orientierte. Der Bauplatz liegt etwas außerhalb des heutigen Ortskerns unmittelbar neben dem alten jüdischen Friedhof. Dort umgeben zehn Häuser mit Satteldach ein Langhaus mit dem Museumsempfang, einer Bibliothek und einem Café im Erdgeschoss und Verwaltungsbüros auf der oberen Ebene. Der Parkplatz liegt im Westen an der Zufahrtsstraße. Der Haupteingang führt jedoch von Norden ins Haus, wo auch der Friedhof liegt.


Querschnitt durch den Mehrzwecksaal, Grafik © LMA
Zehn Satteldachhäuser neben dem Friedhof
Schmale, teils unterirdische Korridore verbinden die einzelnen Pavillons. Der flächenmäßig größte von ihnen an der Südseite enthält einen Mehrzwecksaal für Wechselausstellungen und Veranstaltungen, der über einen eigenen Zugang vom Parkplatz aus erreichbar ist. Die Dauerausstellung verteilt sich auf die sechs „Häuser“ im Osten der Anlage. Aufgrund der geneigten Geländetopografie liegen diese eine Etage tiefer als die Eingangsebene, erhalten aber dennoch Tageslicht – sowohl durch die Fassaden als auch durch das Dach, wo schmale Oberlichtbänder in den Satteldächern die Räume zum Himmel hin öffnen.


Der Zugang führt von Nordwesten ins Museum. Links gegenüber liegt der historische jüdische Friedhof des Dorfs. © Kuvatoimisto Kuvio
Jungfräuliche Dachaufsichten
Die Baubestimmungen für öffentliche Gebäude machten es den Architekten nicht leicht, ihre Vorstellung von Satteldächern umzusetzen, die weder durch Blitzableiter noch durch Schneefanggitter oder Regenrinnen beeinträchtigt wurden. Am Ende gelang ihnen dieses Kunststück jedoch. Die Lüftungsgeräte – ein weiterer optischer Unruheherd auf Museumsdächern – haben Lahdelma & Mahlamäki in ein eigenes Technikgebäude neben dem Parkplatz verbannt, von wo aus die Zuluft über unterirdische Kanäle in die Ausstellungsräume strömt.


In mühsamer Kleinarbeit ist es Lahdelma & Mahlamäki gelungen, Dachrinnen, Schneefanggitter und Blitzableiter von den Dächern zu verbannen, sodass jetzt allein die geschuppte Aluminiumhülle die Blicke auf sich zieht. © Aiste Rakauskaite


Ganz am Ende der Holocaust-Abteilung des Museums führt ein „Corridor of Light“ ins Licht und öffnet den Blick auf die Gräber des Friedhofs vor der Museumstür. © Andrew Lee
Aluminium und Holz für die Fassade
Der Gebäudekomplex erhielt eine einheitliche, geschuppte Hülle aus einer Aluminiumlegierung, die auch im Schiffsbau verwendet wird. Intarsien aus sibirischer Lärche rahmen die Eingänge und Gebäudeöffnungen. Im Gebäudeinneren setzt sich die Aluminiumhülle farblich in einem Fußboden aus hellem Quarzit fort. Den gleichen Naturstein verwendeten Lahdelma & Mahlamäki auch für die Einbaumöbel und Treppengeländer im Eingangsbereich. In den Ausstellungsräumen liegt dagegen ein deutlich dunklerer Granitfußboden.


Eine hinterleuchtete Gedenkwand, den ehemaligen Bewohnern des Dorfs gewidmet, flankiert den Weg zum Haupteingang. © Aiste Rakauskaite
Ein Korridor führt ins Licht
Ganz ohne das Kapitel Holocaust kommt auch die Ausstellung in Šeduva nicht aus. Ihm sind die Räume unter dem höchsten und steilsten Satteldach gewidmet, die sich auf drei Ebenen verteilen. Im Untergeschoss erwartet ein dunkler bedrückender Korridor mit Glasboden – der Holocaust-Canyon – die Besucher. Anschließend steigen sie vorbei an der hinterleuchteten Gedenkwand im Eingangsbereich, wo die Bewohner des alten Šeduva verewigt sind, hinauf ins Obergeschoss. Dort mündet ein von oben belichteter, schmaler Gang – der Canyon des Lichts – auf einen hohen Lichtschlitz, von wo aus man den jüdischen Friedhof von Šeduva überblickt.
Entdecken Sie einen weiteren eindrucksvollen Museumsbau von Lahdelma & Mahlamäki in unserer Datenbank Detail Inspiration: Das Museum der Polnischen Juden in Warschau erinnert an die frühere Bedeutung der jüdischen Kultur in Polen.
Architektur: Lahdelma & Mahlamäki Architects
Bauherr: The Lost Shtetl Jewish Museum
Standort: Žvejų g. 14, Šeduva, 82213 Radviliškio r. sav. (LT)
Partnerarchitekten vor Ort: Studija 2A
Landschaftsarchitektur: Enea landscape architecture
Ausstellungsdesign: Ralph Appelbaum Associates



























