Pritzker Preis Teufels Advokat
Pritzker Preis 2026 – Albtraum und Ende einer Ära?
Pritzker Preis 2026 geht nach Chile, © Guatero, photo courtesy of Smiljan Radić
Die Anklage
Liest man den Artikel zur Pritzker-Auszeichnung der Süddeutschen Zeitung von Gerhard Matzig vom 12. März 2026, kommt man ins Schmunzeln. Nach seiner Auffassung kann ein Smiljan Radić hinsichtlich des Tagesgeschehens entweder nur extrem ungebildet sein oder extrem gleichgültig. Unerklärlich ist ihm, wie man den Preis unter diesen Umständen akzeptieren kann. Mit dieser Beobachtung trifft er genau ins Mark. Die Debatte über die Vergabe der höchsten Architekturauszeichnung hat seit der Veröffentlichung der mutmaßlichen Beziehung von Tom Pritzker zu Jeffrey Epstein die rein fachliche Ebene verlassen. Ein politischer Diskurs über die Existenz und die zukünftige Perspektive des Preises wurde massiv in Frage gestellt. Der Gewinner ist nun verkündet und es steht fest: Smiljan Radić ist kein Marcel Reich-Ranicki – er nimmt den Preis an. Steht nun die Architekturelite in der Mitschuld von Tom Pritzker oder verlangt man dem außenstehenden Chilenen in diesem Fall zu viel ab?


Pritzker Preisgewinner Smiljan Radić Clarke, © Smiljan Radić Clarke, photo courtesy of The Pritzker Architecture Prize
Der Architekt
Bezeichnend an der Auswahl Smiljan Radićs ist – darin lässt sich wenigstens eine leichte Zukunftsgewandtheit der Jury ablesen –, dass er kein Architekt ist, der in Superlativen denkt und ein Megaprojekt nach dem nächsten realisiert. Radić überzeugt durch seine starken konzeptionellen Entwürfe, klare Formen, Detailverliebtheit und eine expressive Materialwahl. Seine Architektur steht in einer ständigen Balance zur Kunst. Radić spielt in vielen seiner Projekte mit Grenzen: Grenzen zwischen Kunst und Architektur, zwischen innen und außen sowie zwischen Beständigkeit und Temporärem. Die Jury sieht in diesem Spannungsfeld etwas Unsicheres, das sie besonders reizvoll findet. Das Feingefühl für die Auseinandersetzung mit Grenzen beweist Radić 2023 mit seinem temporären Entwurf für die 22. Biennale der Architektur und Urbanistik in Chile. Radić schuf dort mit dem Projekt „Guatero“ einen temporären Veranstaltungsraum für 350 Personen. Die aufblasbare Membran setzt sich aus Folien zusammen, die eigentlich zur thermischen Trennung verwendet werden. Durch ein bestimmtes Überlagerungsverfahren der Folien ergeben sich Fugen, über die der Innenraum mit Tageslicht belichtet wird. Nach 10 Tagen wurde der Pavillon abgebaut und die einzige hinterlasse Spur, war das heruntergedrückte Gras. Diese Sensibilität für Architektur und Natur beweist Smiljan Radićs bei vielen seiner Projekte.


Ein Material, eine eigene Welt © Guatero, photo courtesy of Cristobal Palma
Smiljan Radić ist auf den ersten Blick ein Pritzker-Preisträger der außerordentlichen Art. Die Jury des Pritzker Preises, bestehend aus Alejandro Aravena, Barry Bergdoll, Deborah Berke, Stephen Breyer, André Aranha Corrêa do Lago, Anne Lacaton, Hashim Sarkis, Kazuyo Sejima und Manuela Lucá-Dazio begründeten ihre Entscheidung so: „Radićs Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Unsicherheit, Materialexperimenten und kultureller Erinnerung und stellt die Zerbrechlichkeit über jeden unberechtigten Anspruch auf Gewissheit.“
Oder wie Smiljan Radić selbst in seinem Interview mit Christian Kerez mit dem Titel How to Carry the World on One’s Back beschreibt: „Wir sind wie Tadeusz Kantors Reisender, ein Bio-Objekt, zusammengesetzt aus seinem Gepäck, das ihn in eine private Vergangenheit kleidet und seine Bewegungen sowie seine Umgebung auf der Bühne prägt.“
Seine Auszeichnung lässt dennoch Fragen offen. Auf der einen Seite kann man seine Faszination an der Architektur deutlich spüren. Die konzeptionelle Balance zwischen Kunst und Architektur ist inspirierend und vielfältig. Die offenen Fragen liegen diesbezüglich nicht bei dem Architekten selbst, sondern bei der Institution. Denn mit der Auszeichnung Radićs, entzieht man sich nicht nur der Thematisierung von Gleichberechtigung, gemeinschaftsorientierter Architektur, Innovation und weiteren aktuellen Themen, sondern man erzeugt weiterhin das Bild einer “One-Man-Show” in der Architektur.
Und nun: Ist Smiljan Radić ein Egomane, weil er den Preis angenommen hat? Hier geben Kunst und Moral ausnahmsweise eine ähnliche Antwort: Es kommt auf die Perspektive an. Doch vielleicht ist endlich der Moment gekommen, in der Architekturwelt den omnipräsenten Heldenkult beiseitezulegen und Preise und Auszeichnungen nicht nach mutmaßlichen Tätern wie Tom Pritzker oder Fritz Höger zu benennen. Denn auch in der Architektur gibt es – wie in jeder anderen Branche – keine Helden.
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