Urbane Verdichtungsstrategien – Nachverdichtung in deutschen Metropolen

Ansicht Turbinenstraße, Plan: Architekt Krischanitz ZT GmbH

In Deutschlands Topstädten zeichnen sich gegenwärtig enorme Zuwachsraten ab. Während Berlin und Hamburg jährlich zwischen 2 und 2,5 Prozent Wachstum aufweisen, müssen Frankfurt am Main 4,3 und München gar 7,5 Prozent verkraften. „Für Berlin bedeutet das einen Zuzug von 40.000 Einwohnern pro Jahr und damit ein Mehr von 15.000 Einzelhaushalten“, verdeutlicht Pysall. Der in den letzten 25 Jahren kontinuierlich gestiegene Wohnflächenbedarf je Bewohner verstärkt dabei die Situation. Reichten früher durchschnittlich 22 Quadratmeter pro Person, so ist der Anspruch heute auf ca. 40 Quadratmeter gestiegen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Bedarf an Wohnraum in den deutschen Ballungsräumen weit über dem Ist-Zustand liegt. „Zur Zeit werden in Berlin 5000 Wohnungen jährlich hergestellt, der Bedarf liegt bei 10.000“, erläutert Pysall. Einer der Hauptfaktoren für den starken Zuzug begründet sich in der gewachsenen Lebensqualität der Städte. Attraktive Grünräume, beste Voraussetzungen für Ausbildung, Studium oder Arbeit, ein breites Kulturangebot gepaart mit einer leistungsfähigen Infrastruktur und nicht zuletzt der Zeitgeist führen zur Aufwertung des Lebensraums Stadt und einer regelrechten Renaissance der Innenstädte. Dem gegenüber steht jedoch der fehlende Baugrund. Große zu bebauende Areale sind in den dicht besiedelten Großstädten Mangelware und nur wenige industrielle Brachflächen liefern noch größere Neubaugebiete. Angesichts der begrenzten Ressourcen wird Bauen in den Innenstadtlagen zunehmend zur Nachverdichtung des oftmals schon engen Raumes. Ob einzelne Baulücken, Aufstockungen oder die Nachverdichtung der 1950er- und 1970er-Jahre Zeilen – möglich ist vieles. Bei der Realisierung von Nachverdichtungsprojekten stößt Pysall jedoch häufig an Grenzen durch den Bürger selbst. Während Argumente wie die Schonung der Ressourcen, Lärmschutz oder eine Schaffung von neuer Qualitäten auf der Pro-Seite der Verdichtung stehen, wird von Gegnern neben der Verschlechterung von Belichtung, Belüftung und Freiräumen oftmals die soziale und bauliche Veränderung eines Quartiers angeprangert. „Überall bauen, aber bitte nicht bei mir“, beschreibt Pysall das ausgeprägte Individualdenken. Lösungen versprechen hingegen Konzepte wie der Berliner Stadtentwicklungsplan 2025 oder das Hamburger Motto „mehr Stadt in der Stadt“. Eine gut geplante Nachverdichtung wird hier als Modell gesehen kompakte, urbane und vielseitige Quartiere zu schaffen, die dabei ihre Identität nicht verlieren. Exemplarisch dafür stehen drei Berliner Projekte des Büros Pysall Architekten. Während das Modellprojekt Möckernkiez zeigt, wie sich die Schaffung von 464 neuen Wohnungen als Gesamtleistung einer Genossenschaft mit über 1300 Mitgliedern realisieren lässt, orientiert sich das benachbarte Projekt Gleisdreieck an der aufgefundenen Quartiersstruktur und führt diese weiter. Dass bestehende Planungen auch noch mal eine kritische Betrachtung vertragen, veranschaulicht das dritte Projekt, eine Wohn- und Hotelanlage an der Spree. Entgegen des Bebauungsplans aus den 1990er-Jahre schlug das Büro Pysall im Wettbewerb eine Punktbebauung vor, die bestehende Sichtachsen berücksichtigt und neue Grünräume schafft. Das Besondere an dem Projekt ist allerdings seine enorme Flächenausnutzung. Während im Modellprojekt Möckernkiez schon nur 65 Quadratmeter Baugrund pro Wohnung verbraucht wurden, sind es an der Spree aufgrund der Gebäudenhöhen von bis zu 90 Metern nur 19 Quadratmeter. Nachverdichtung kann also durchaus gelingen. Voraussetzungen sind dafür aber neben der städtebaulichen und architektonischen Qualität auch die sozialen, ökologischen und kommunikativen Aspekte des Bauprojekts. „Verdichtung lässt sich nur durch Qualität generieren“, resümiert Pysall,“ besonders auch durch die Prozessqualität – also der Kommunikation über das, was man bauen will.“ Die Verantwortung dafür liegt folglich bei der Stadt, ihren Bürgern und Planern.
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