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    Research | Forschung & Entwicklung

    Lichtbeton – Fassade aus transluzentem Beton

    In Aachen wurde die weltweit erste interaktive Fassade aus Lichtbeton eingeweiht. Die tagsüber unbespielte Fassadenfläche des Instituts für Textiltechnik der RWTH Aachen wird nachts durch LED-Technik zum Leben erweckt. Der Neubau von Carpus + Partner vereint in der innovativen Fassade der Lucem GmbH eine bei Dunkelheit auffällige Außendarstellung mit formaler Zurückhaltung.

    Alle Fotos: Carpus + Partner AG

    Beton und Licht werden in der gebauten Welt als komplementäres Gegensatzpaar wahrgenommen, das Architekten von Le Corbusier bis Tadao Ando zu wunderbaren Kompositionen von Lichtöffnungen in Beton inspiriert hat. Seit einer Weile gibt es mit dem Material Lichtbeton nun einen Stoff, der diese Gegensätze – zumindest nachts – aufzuheben scheint.

    Der von der Lucem GmbH hergestellte Werkstoff besteht aus feinen Marmorsanden in einer Zementmatrix. Eingebettete optische Fasern leiten Licht durch das Bauteil. Als Leuchtmittel kommen künstliche Lichtquellen aber auch Tages- bzw. Sonnenlicht in Frage. Körper, die sich zwischen Lichtquelle und Lichtbeton befinden, zeichnen sich als Schemen und Schatten ab. Fassadenplatten werden wie andere Betonwerksteinplatten sichtbar geschraubt oder "unsichtbar" mit Hinterschnittdübeln oder vertikalen Dornen befestigt.

    Das Architektur-Beratungs- und Planungsbüro Carpus + Partner AG integrierte nun erstmals eine interaktive, medial bespielbare Lichtbetonwand in die Fassade eines Gebäudes: den Neubau des Instituts für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen. Aus der Bestimmung des Gebäudes zum neuen Sitz des Center for High Performance Fibre Materials (CFM) entstand der Wunsch nach einer adäquaten Hülle, die das innovative Betätigungsfeld des Zentrums nach außen spiegelt. Die Lichtbetonwand misst insgesamt etwa 30 Meter mal 4 Meter. Die einzelnen, vorgehängten Elemente aus Lichtbeton sind 1,50 Meter mal 50 Zentimeter groß. Sie werden mit Hinterschnittankern an horizontale Metallschienen verankert. 

    Rendering des leider sehr schlicht geratenen Baukörpers des CFM, der seinen eigentlichen Charakter erst bei Dunkelheit präsentiert.

    Die tagsüber unbeleuchtete Fassade wirkt wie eine Natursteinfassade. Im hinterlüfteten Zwischenraum zwischen vorgehängten Plattenelementen und tragender Wand befinden sich LED-Paneele mit dreifarbigen RGB-Chips. Jede Fassadenplatte kann unabhängig angesteuert und beleuchtet werden. Die angewandte Lichttechnik DMX ist der Bühnen- und Veranstaltungstechnik entlehnt. Insgesamt können über 16 Millionen Farben erzeugt werden. Darstellbar sind einzelne Farben über die gesamte Fläche sowie Farbverläufe, Schriftzüge und Logos. Mit zunehmender Dunkelheit nimmt die Intensität der Lichtwirkung zu.

    Bereits im Oktober 2009 hatte Carpus + Partner den 2. Bauabschnitt des Neubaus für das Institut für Textiltechnik realisiert. Dem ebenfalls mit einer innovativen Textilbetonfassade ausgestatteten Bau war bereits im Mai 2012 der "Best Life Environment Award" vom Generaldirektor für Umwelt der EU-Kommission verliehen worden. Eine Betoneinsparung von bis zu 80 Prozent sowie 50 Prozent CO2-Einsparung gegenüber einer herkömmlichen Stahlbetonbauweise tragen maßgeblich zur Unterstützung der Klimaziele bei.

    Der nun fertiggestellte 3. Bauabschnitt für das ITA gewinnt durch den erstmaligen gemeinsamen Einsatz von Lichtbeton- und Lichttechnik in der Außenfassade Modellcharakter. Als einen der größten Vorzüge schätzt der Bauherr dabei die zurückhaltende Außenwirkung der unbeleuchteten Fassade. Anders als Plakate, Transparente oder Leuchtanzeigen, die andernorts als Fremdkörper auf Gebäude appliziert werden, ist der Screen hier "eins" mit der Fassade. Er zieht sich bei Tageslicht hinter eine scheinbar massive Wand zurück, um bei Einsetzen der Dämmerung seine Wirkung zu entfalten.

    Die Hybrid-Fassade steht damit auch in der Tradition multifunktionaler Fassaden, die neben Witterungsschutz und Wärmedämmung weitere Funktionen wie Klimatechnik und Photovoltaik übernehmen. Die Lichtbetonfassade wird zum "Gesicht", mit dem das Gebäude – respektive die Nutzer – mit der Umgebung kommunizieren. Eine schönere Architektur für dieses innovative Material darf man sich künftig dennoch wünschen.

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