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Architektur

Raumkondensate: Biennale 2012

Aires Mateus' Beitrag für den "Common Ground" auf dem Arsenale-Gelände. Foto: Cordula Vielhauer

Beim Gang durch die zahlreichen Länderpavillons der Architekturbiennale und die über sechzig Beiträge auf der diesjährigen Hauptausstellung Common Ground kann man leicht den Überblick verlieren. Zumal viele der Arbeiten schon wieder selbst eigene Ausstellungen sind. Wir haben uns erlaubt, ein paar Rosinen herauszupicken und einem gemeinsamen Thema zuzuordnen. Das erste lautet: Raumkondensate – die Architekten dieser Beiträge schaffen es, die spezifischen Qualitäten eines Ortes des Common Ground so zu verdichten, dass hier einzigartige Wahrnehmungsräume für die Besucher entstehen.

Radix von Aires Mateus, alle Fotos: Cordula Vielhauer

Selbst bei Regen ist es hier so, als würde die Sonne aufgehen: Tritt man aus dem Pressezentrum auf dem Arsenale-Gelände in Venedig, erwartet den Besucher eine große Skulptur von Francisco und Manuel Aires Mateus (Lissabon). Radix, ein außen mit rostenden Stahlplatten verkleideter und innen goldfarben schimmernder Körper, führt mit seinen offenen und geschlossenen Bögen jene der Hafenanlage des Gaggiandre fort und wird so zum Fixpunkt vielfältiger weiterer Beziehungen – historischer wie räumlicher. Selbst die Patioüberdachung Carlo Scarpas im Hauptpavillon der Giardini klingt darin nach. Die beiden Brüder hatten bereits 2010 einen Beitrag für die Architektur-Biennale geschaffen, damals war ein ganzer Raum im Hauptpavillon mit den abstrakten Modellen ihrer eigenen Projekte gefüllt.

Ensemble aus Eduardo Souto de Mouras (1-3)

und Álvaro Sizas Beitrag (4-6), Fotos: C. Vielhauer

Nicht viel weiter, kurz bevor man den Giardino delle Vergine betritt, durchquert der Besucher den Beitrag von Eduardo Souto de Moura: In einem zum Himmel offenen Pavillon reihen sich entlang eines Korridors drei kleine Räume mit sandfarbenen Wänden. Darin bieten immer größer werdende Fensterausschnitte wie eine dreidimensionale Sehschule je andere Ausschnitte auf die gegenüber liegende Hafenanlage. Souto de Mouras und der wenige Schritte entfernt stehende Beitrag von Álvaro Siza sind als Ensemble geplant. Mit drei versetzt zu einander gestellten Mauern rahmt Siza einige alte Platanen als wären sie Kunstwerke: Die glatt verputzten Mauern in venezianischem Rot und der hellgelbe Kiesboden formen einen Hintergrund für das Licht- und Schattenspiel der Laubbäume. Gleichzeitig abstrahiert Siza damit das Kanal- und Gassengewirr Venedigs und schafft so einen Modellraum, dessen Bezugsebenen zwischen abstrakter Urbanität und paradiesischem Garten changieren.

Beitrag von Peter Märkli im Arsenale, Foto: Cordula Vielhauer

Beitrag von Valerio Olgiati im Arsenale (oben und rechts), Fotos: Jonas Stürzebecher

Innerhalb des Arsenale-Rundgangs gibt es einige Beiträge, die mit dem Ausstellungsraum selbst arbeiten: Peter Märkli (Zürich) stellt den wuchtigen gemauerten Säulen der Corderie zarte Bronzeskulpturen zur Seite, die die Beziehung zwischen dem aufrechten Gang des Menschen und dessen architektonischer Entsprechung in der Säule thematisieren. Valerio Olgiati (Flims) spannt eine Mies'sche Decke zwischen diese Stützen, und schafft gemeinsam mit einem großen Leuchttisch einen konzentrierten Raum, in dem man die persönlichen Inspirationsquellen zahlreicher Architekten studieren kann: „Pictographs“ nennt er diese Bilder, die für die jeweiligen Architekten wichtige Bezugsgrößen in ihrer Arbeit sind. Sie reichen von Kunstwerken über antike Stätten oder Architekturikonen bis zu alltäglichen Gegenständen.

Vessel von O'Donnell + Tuomey, Fotos: Cordula Vielhauer

Der aus Holzstäben gestapelte Beitrag der Iren O’Donnell + Tuomey (Dublin) formt einen skulpturalen Durchgang im Arsenale: Vessel (engl. Fahrzeug, Schiff, Behälter) ist der vieldeutige Titel dieses sakral anmutenden Objekts, das sowohl Durchgang als auch Aufenthaltsraum oder auch Lichtkörper sein kann. Dabei beziehen sich die Architekten mit der Schichtung der schmalen Holzblöcke auf das Mauerwerk der Corderie, das Material verweist jedoch auf die Tradition des Schiffsbaus an diesem Ort. Zahlreiche Modellstudien, Schnittmodelle unterschiedlichster eigener und fremder Referenzbauten sowie literarische Zitate formen ein eigenes Universum inhaltlicher Bezüge.

Kuehn Malvezzi: Komuna Plataforma, Foto: Giovanna Silva

Kuehn Malvezzi: Komuna Plataforma, Fotos: Jonas Stürzecher

Komuna Fundamento heißt der Beitrag von Kuehn Malvezzi (Berlin) in der Kunstsprache Esperanto, und er ist zunächst ein aus grauen Ziegeln gemauerter Stolperstein auf dem Weg in den Hauptpavillon der Giardini. Das Podest bricht die zentrale Achse des Geländes und schafft gleichzeitig einen belebten Aufenthaltsort, der durch einen kleinen, Schatten spendenden Baum zusätzliche Qualität erhält und das Gartenthema der Giardini in eine horizontale Einfriedung übersetzt. Die Plattform korrespondiert mit einer ebenfalls gemauerten Installation im Inneren des Pavillons, deren diagonale Wegführung den Gang entschleunigt und den Blick auf die darin ausgestellten Fotos von Candida Höfer und Armin Linke lenkt. Hier entlarven die hohen Wände ihre Monumentalität jedoch selbst als Illusion: Die dünnformatigen Steine sind nämlich "falsch herum" – also hochkant – geschichtet.

Die räumliche Spannung dieser Schwellensituation wird allerdings durch die ebenfalls den Eingang dominierende Installation von Alison Crawshaw (London) irritiert, die sich illegalen Baupraktiken in Rom widmet und Ausbauteile eines informellen Besprechungsraums zur neuen Fassade des Biennale-Pavillons konfiguriert. Auf dem Common Ground kann man eben fast alles sein – nur nicht allein. (Cordula Vielhauer)

Hauptachse in den Giardini mit Beiträgen von Alison Crawshaw (Fassadeninstallation) und Kuehn Malvezzi (gemauertes Podest), Foto: Jonas Stürzebecher

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