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Architektur | Themen

"Weil Design die Welt verändert..."

Wer ein Buch mit dem Titel „Weil Design die Welt verändert....“ herausgibt, hat ganz offensichtlich eine Botschaft. Die Botschaft, die die von Friedrich von Borries und Jesko Fezer herausgegebene Textsammlung mit jenem Titel verkündet, ist klar: Weil Design diejenige Disziplin ist, die heute nahezu alle Lebensbereiche umfasst – von der sozialen Interaktion bis zur Produktgestaltung –, ist sie auch diejenige, die den größten Einfluss auf unser Leben oder, noch allgemeiner, auf „die Welt“ hat. Die beiden Designprofessoren (HfBK Hamburg) Fezer und Borries greifen in ihrem Buch daher aus ganz verschiedenen kulturellen Bereichen solche Design- und Gestaltungsansätze heraus, an denen sie eine performative Zielsetzung erkennen. Sie tun dies, indem sie Essays und Interviews zu solchen Ansätzen einer Anzahl von gegensätzlichen Kriterien zuordnen: unbrauchbares & funktionales, soziales & asoziales, antikommerzielles & verkaufbares, poetisches & realistisches, nachhaltiges & verschwenderisches, schönes & hässliches...

Jedem dieser Kapitel ist ein Dialog zwischen Borries und Fezer vorangestellt, in dem die beiden das Grundthema des jeweiligen Antagonismus diskutieren. Hier würde man eine Einführung in das Thema erwarten, die jedoch ausbleibt. Vielmehr kommen die beiden sofort zur Sache, das heißt, sie erörtern ihre Thesen direkt am Beispiel der von ihnen ausgewählten Protagonisten, deren Werk sie in die gewählten Kategorien einordnen. Im Verlauf des Dialogs ergibt sich manchmal auch eine weiterführende Definition der Begriffe. Dennoch scheint es den beiden nicht wichtig zu sein, die ihren Dialogen zu Grunde liegenden Thesen und die Gestaltungsansätze der ausgewählten Designer und Künstler näher zu erläutern. Auch wenn man diese Form der Einführung als Kunstform werten kann: Der Leser bleibt dabei merkwürdig ausgeschlossen, ist eher „Zuschauer“ einer Performance, die er nur verstehen kann, wenn er den speziellen Designkosmos und die Codes kennt, die Fezer und Borries bearbeiten. Mit dem Namen Dieter Rams kann sicher jeder Designinteressierte etwas anfangen, mit dem Namen Rafael Horzon eher jemand, der auch die Berliner Kunstszene kennt.

Dabei enthält das Buch auch einen Dialog zwischen den Generationen. Und zwar nicht nur in den Interviews; bewusst haben die Herausgeber auch historische Texte zum Design in die Sammlung aufgenommen: Bazon Brocks in den siebziger Jahren publizierter Essay „Objektwelt und die Möglichkeit subjektiven Lebens“ oder Max Bills Antwort auf die Frage des Internationalen Design Zentrums, inwieweit Design zu einer humanen Umwelt betragen könnte (1970). Beim Gespräch zwischen Jesko Fezer und Peter Raacke erhält man nicht nur einen Einblick in die Lebenswelt des Designers (des ikonischen mono-Bestecks) in seinem Taut-Häuschen in der Papageiensiedlung in Berlin-Zehlendorf. Man darf auch teilhaben an der Entwicklung, die Raacke durchlebt hat, weshalb er heute für eine kompostierbare Hülle des von ihm in den sechziger Jahren gestalteten Werkzeugkoffers (für Ruddies Burgmöbel) plädiert und die eigene industriegetriebene Fortschrittsgläubigkeit seiner frühen Designerzeit kritisch hinterfragt.

Auch das Interview mit Rafael Horzon, das der Architekt Tim Berge geführt hat, ist ein echtes Sprachkunstwerk, das genau so absurd witzig ist, wie alle anderen Werke des ausgebildeten Paketzustellers und Großunternehmers. Man darf davon ausgehen, dass Horzon selbst diesen Text „konsequent bis ins letzte Detail“ (Dieter Rams) redigiert hat. Unter dem Kriterienpaar „utopisches & pragmatisches“ findet sich ein radikaler sozialutopischer Text der dänischen Designer N55. Und im Essay von Claudia Banz „Social Design nach Beuys: Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an“ stellt die Autorin Beuys’ Idee einer Sozialen Plastik dem „anthropologisch erweiterten Designbegriff“ Victor Papaneks von der sozialen Verantwortung des Designers zur Seite.

Apropos Beuys: Manchmal kann man auch unterschiedliche Aussagen der einzelnen Texte in Dialog zu einander stellen, wenn zum Beispiel Friedrich von Borries im Einleitungsgespräch zu „sozial & asozial“ sagt: „Eigentlich ist die Aussage von Beuys, jeder sei ein Künstler, falsch. Seine Aussage hätte lauten müssen: ‚Jeder ist ein Designer.‘“ Ein paar Seiten weiter antwortet der italienische Designer Enzo Mari (unter "antikommerzielles & verkaufbares") auf die entsprechende Frage des Journalisten Ulrich Clewig: „Was die Kunst vom Design lernen kann? Gar nichts!“

(Cordula Vielhauer)

Weil Design die Welt verändert...
Texte zur Gestaltung, herausgegeben von Friedrich von Borries und Jesko Fezer
Gestalten Verlag
, Berlin 2013
256 Seiten, vollfarbig, gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-89955-475-5
Preis: 24,90 Euro

18.08.2013

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