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Identität des Ortes

Rede von Professor Arno Lederer anlässlich der Eröffnung des feco-Forums in Karlsruhe
Identität des Ortes


1. Der Bauherr und der Ort
Kommst Du in einer Stadt durch ein Gebiet, das Dich fragt, in welcher Stadt Du Dich befindest, und Du findest keine Antwort darauf, befindest Du Dich in einem Gewerbegebiet. Stehst Du auf einer Straße, in der sich jedes Haus wichtiger nimmt als das andere und das Kleinste sich Mühe gibt, das Größte an Lärm zu übertreffen, bist Du ebenfalls in einem Gewerbegebiet. Willst Du wissen, was der Gemeinplatz „Chacun à son goût!“ für und in der Architektur bedeutet, so gehe in ein Gewerbegebiet und betrachte dessen Häuser.
Obwohl unsere Baukultur bereits mehr als viertausend Jahre auf dem Buckel hat, ist merkwürdig, wie wenig dem Einzelnen klar ist, was eine gute von einer schlechten Stadt und einen angenehmen von einem unangenehmen Straßenraum unterscheidet. Dabei vermag fast jeder zu erkennen, ob die Musiker eines Orchesters gemeinsam ein Stück spielen, oder jeder Musiker nur das spielt, was ihm gefällt. Auch weiß man, dass man einer Veranstaltung, wie zum Beispiel dieser Pressekonferenz heute, nicht in Bade- oder Sportklamotten Folge leistet. Aber beim Bauen wird diesen Regeln, die eine Art kulturellen Kodex darstellen, und die unser Zusammenleben erst erträglich machen, eine Abfuhr erteilt.
In diesem Zusammenhang muss man das sehen, was hier geschehen ist. Dabei geht es weniger um die Frage, was der Architekt gebaut hat, sondern zunächst – was den Bauherrn betrifft – wie dieser seine Aufgabe definiert: getreu dem Motto, wer zahlt schafft an, oder nach der Erkenntnis und der damit verbundenen Verantwortung, dass der öffentliche Raum, der ja letztendlich durch die Häuser gebildet wird, eine res publica ist. Ich habe gelernt, wie sehr die Familie Feederle sich dieser Verantwortung bewusst ist und sie ihre Verpflichtung, die an Eigentum gebunden ist, von vornherein als Bürger und Unternehmerpflicht erkannte. Ohnehin sagt man ja, dass der Erfolg eines Unternehmens von einer gesunden Mischung aus Eigennutz und dem Gemeinnutz abhängt, wie man auch weiß, dass Unternehmen, die sich öffentlichen Belangen vollkommen entziehen, wenige Überlebenschancen haben.
So bestand unsere Aufgabe lediglich darin, dieses Bekenntnis zum öffentlichen Raum in eine Form zu gießen, das heißt, das Gewerbegebiet mit einem Gebäude zu ergänzen, das über den Eigennutz hinaus auch städtebauliche Arbeit leistet. Deshalb erweiterten wir den bestehenden Bau lediglich um ein zusätzliches Modul und versuchten nicht, mit einem eigenständigen Neubau eine neue Duftmarke zu setzen. So fuhren wir mit der Nase des Hauses bis knapp hinter den Straßenrand, um einem undefinierbaren Freibereich eine neue Kante zu geben. Die Fassade spielte zwischen herkömmlichen und gewöhnlichen Materialien, solchen, die viele Gewerbebauten bekleiden. Karlsruhe ist ja, was die Frage der Qualität der öffentlichen Räume betrifft, geradezu ein Musterbeispiel. Weinbrenner hat diese Frage stets beschäftigt. Bei ihm ist die Typologie des Hauses immer die selbe, nur Kleinigkeiten geben den Hinweis auf die Vielfalt der Eigentümer. Dennoch erkennt man Weinbrenners Häuser auf den ersten Blick, weil sie in jeder Hinsicht anständig gemacht sind, ohne oberflächlichen Schnickschnack, aber sorgfältig durchdacht. Manchmal gibt die Art des Schmuckes, der bildhauerischen Elemente oder der Bemalung Aufschluss über den Eigentümer. Hier ist es das Holz der Eingangsfassade, das etwas mit der Geschichte dieses Betriebes zu tun hat.


2. Das Gebäude selbst
Wer in ein Kaufhaus geht, mit dem festen Entschluss, nur Socken in schwarzer Farbe der Größe 42 zu kaufen, der weiß, dass er dieses Haus mit vielen unterschiedlichen Gegenständen verlassen wird, nur nicht mit Socken in schwarzer Farbe der Größe 42. Wer ein Haus baut, mit dem festen Vorsatz, es solle nur einem bestimmten Zweck und bestimmten Ansprüchen dienen, wird wegen der langen Wanderung durch die Planungsetappen seinen Wunschzettel abändern wollen. Den Ahnherr dieses Bauherrentypus finden wir sogar im nächsten Umkreis: Der Fürstbischof von Schönborn war es, der von sich selbst sagte, er sei vom Bauwurm gefressen. Wir wissen, er hat in Bruchsaal mehrere Architekten verschlissen, aber dieser Umstand führte zu einem Gebäude, und da spreche ich in erster Linie von dem genialen Treppenhaus, das einen Anspruch definiert, der heute noch Vorbild sein sollte. Mich wu?rde es nicht überraschen, wenn die Familie Feederle bei einer genaueren Durchsicht ihres Stammbaumes zu einem kleinen Seitenast gelangte, von dem aus die speziellen Bauwurmgene zu ihnen gemendelt sind.
Für den Entwurf bedeutete dies eine Programmerweiterung, die – ausgehend von einem einfachen Ausstellungsraum – von den Möglichkeiten des Raumes profitiert, diesen um Büroflächen und Räumlichkeiten zu erweitern, die eine eventuelle Nutzung als Wohnung erlauben. So gliedert sich der Bau in drei Einheiten: Das Erd- und erste Obergeschoss, das – dazu braucht man nichts zu erklären – der Ausstellung dient und die schönen Möbel von Frau Zoller beherbergt, und anschließend, auf der ersten Ebene, die dazu notwendigen Büroflächen bereitstellt. In der davon getrennten Etage im 2.Geschoss befinden sich Büroräume, die von einer anderen Firma genutzt werden, weshalb die Erschließung des als Nase bezeichneten Treppenhauses für getrennte Nutzungen ausgelegt wurde. Schließlich, ganz oben, ein langgestreckter Grundriss, der übrigens eine wunderschöne Aussicht auf die östlichen Anhöhen jenseits der Autobahn bietet.


3. Das Material
Weil wir gerade vom Stammbaum sprachen: ein Ast der Familie Feederle reicht in den schwäbischen Landesteil. Rasch fällt einem da der allseits bekannte Hang zur Sparsamkeit ein. Wir, die Schwaben versäumen es deshalb nicht, in Baden dieses Bild immer wieder ein bisschen zurechtzurücken und einer vermeintlichen Verquickung von Sparsamkeit und Geiz entgegen zu wirken. Wäre das der Fall, hätten Bosch und Porsche nicht eine so fulminante Entwicklung gehabt und mit ihnen auch der gesamte Mittelstand. Allerdings gebietet es die political correctness, diese Äußerung auf den Daimler nicht auszuweiten, weil man hier mit dem interessanten Gedanken spielt, der Firma den Namen Benz-Daimler vorzuschlagen. Also: das Vorurteil stimmt, weil sich der Schwabe in seinem Leben nur einmal einen Mantel zu kaufen gedenkt. Aber: der Mantel muss von einer handwerklich und stofflich sehr guten Qualität sein, damit er ein Leben lang hält. So ist das auch bei diesem Gebäude: lange Überlegungen und Abwägungen, bis das geeignete Material gefunden ist, währschaft, wie es bei uns heißt, musste es sein. Insbesondere dort, wo man es sieht: Fenster innen Holz, außen Aluminium, geschliffener Gussasphalt mit Marmorzuschlag, sowie Trennwände der Firma feco. Aber ebenso dort, wo man es nicht (mehr) sieht: Jene Eigenschaften, die man als „innere Werte“ bezeichnen kann. Das gesamte Haus ist als Massivbau konzipiert, die klimatische Behandlung des Gebäudes wird durch eine Betonkernaktivierung (Erdwärme) gewährleistet.
Am preiswertesten, weil es gar nichts kostet und uns alle überlebt, ist das Material Licht. Um es einzufangen, es zu zähmen und zur Wirkung zu bringen, bedarf es nicht nur der Kunst, Wände und Öffnungen in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen, also der des räumlichen Denkens und der dafür notwendigen Vorstellungskraft, sondern auch umgekehrt der Fähigkeit, die der Betrachter mitbringen muss, dieses zu erkennen. Ich glaube, das war eines der spannendsten Themen bei diesem Bau. Bereits bei den ersten Überlegungen zu den Fassaden spielte dieses Thema eine Rolle. Die Varianten der Verkleidung in Holz, der senkrechten Träger mit den verglasten Zwischenräumen, eine zeitlang aus Schalungsträgern gedacht? Dann kam die Aluwelle und die Frage: Welche ist im Licht schöner, weiß oder dunkel? Mit feiner oder grober Wellung?
Der Weg ins Innere, vom Hellen durch das gedämpfte Licht des Treppenhauses wieder ins Helle des Ausstellungsraumes. Dessen frontales Licht zur Straße, das Oberlicht in der Mitte des Raumes und schließlich, den stufenartigen Aufgang neben den Ausstellungsterrassen begleitend, das Streiflicht entlang der Nordwand. Hinten, wo die Wendeltreppe mit dem Installationsschacht fast einen skulpturalen Eindruck macht, betont das Licht jene Form, der man im Plan nicht die Wirkung zutraute, die sie heute hat.


4. Eine Ehe
Unsere Zeitung brachte unter der Überschrift „Liebe, kein Strohfeuer“ einen längeren Artikel zu Loki und Helmut Schmidt. Sie kennten sich, liest man da, seit 78 Jahren und seien seit 65 Jahren glücklich verheiratet. Trotz der Politik. Das Eigenständige hätten sie ein Leben lang aneinander interessant gefunden, hat Loki Schmidt gesagt und auch, dass nicht das große romantische Gefühl sie zusammengehalten hat: „Verliebtsein ist wie ein Feuer aus Reisig und Stroh. Dreck und Not und Kummer, wie unsere Generation sie erlebt hat, verbinden viel mehr.“
Ich weiß nicht warum, kam mir die Idee, davon heute zu berichten. Natürlich: die Eigenständigkeit, die Fähigkeit, Dinge zu äußern, die einem nicht behagen, wie auch umgekehrt die Fähigkeit, zu loben. Jawohl, das muss ich sagen, gelobt hat der Bauherr, was nun ganz und gar eine Verbindung zum Schwaben vermissen lässt. Denn da sagt man, nicht gemeckert ist genug gelobt. Bauherr und Architekt gehen eine Vernunftehe ein, das ist wohl wahr. Und dazu gehört der Dialog. Dem Haus hat er genutzt, wie man sieht, und nicht nur deshalb möchte ich der Familie Feederle danken und Ihrem Mut, Ihrer Geduld, Ihrem Verständnis und Ihrem Einsatz für die Baukunst, von dem die Öffentlichkeit, wie wir eingangs bemerkten, profitiert, ein - sofern mir das zusteht und ich als Schwabe das kann - großes Lob zollen. Ihnen und dem Haus alles Gute!

Grundriss Feco Forum 0EG
Grundriss Feco Forum 1OG

feco-forum erhält Auszeichnung „best architects 09“
Karlsruhe, im August 2008. Das vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer+Ragnarsdóttir+Oei geplante Ausstellungs- und Verwaltungsgebäude der Karlsruher feco® Innenausbausysteme GmbH erhielt im Juli von einer unabhängigen Jury aus namhaften Architekten die Auszeichnung „best architects 09“ im Bereich Büro- und Verwaltungsgebäude. Das im letzten Jahr eröffnete feco-forum bietet mit rund 3.500 Quadratmetern viel Platz für eine Präsentation des eigenen Trennwandsystems feco sowie der Einrichtungen namhafter Hersteller für Objekt und Büro. Darüber hinaus trägt es dem Anspruch des Unternehmens Rechnung, Innenausbau und Einrichtung als integralen Bestandteil der Architektur zu sehen.
Die international besetzte Jury prämierte aus 189 eingereichten Projekten 42 Arbeiten mit dem Label „best architects 09”. Der „best architects” Award zeichnet die besten Architekten aus dem deutschsprachigen Raum aus. Zu diesem Anlass werden jährlich alle Architekten bzw. Architekturbüros, die Projekte auf höchstem Qualitätsniveau realisiert haben, aufgefordert, ihre Projekte zum Wettbewerb einzureichen.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 10/2008

Fassaden

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