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Living Architectures: Eine Filmreise durch zeitgenössische Architektur

Das Filmkunstprojekt von Ila Bêka und Louise Lemoine ist eine außergewöhnliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur. Jeder der insgesamt sieben Filme präsentiert ein anderes Gebäude: das Maison à Bordeaux von Rem Koolhaas, den Speisesaal von Herzog & de Meuron in Frankreich, die Richard Meier Kirche Dio Padre Misericordioso in Rom, Frank Gehry´s Guggenheim Museum in Bilbao und die drei Gebäude B&B Italian Offices in Como, IRCAM in Paris und Fondation Beyeler im Schweizer Riehen von Renzo Piano.

In ihren Filmen nähern sich die Filmemacher den Gebäuden durch die Menschen die in ihnen, oder an ihnen arbeiten, wie beispielsweise das Putzpersonal, der Priester, der Pförtner. Dadurch geben sie einen Einblick in das Alltagsleben und die Alltagsnutzung der Bauten. Sie sind nicht länger Ikonen der zeitgenössischen Architektur, sondern Bauwerke, die belebt und gepflegt werden, die in einem Kontext zu den Menschen in ihrer Umgebung stehen. Auf diese Weise entstehen ganz unterschiedliche Eindrücke, die den architektonischen Überbau, die Ideengeschichte dahinter mittunter recht klein erscheinen lassen.

Wenn die Putzfrau Guadalupe nur mit Mühen den Staubsauger eine viel zu enge und steile Treppe hinaufschleppt, oder der Gärtner umsonst ein Rasenstück, dass durch die Sonnenspiegelung in einer Metalltür verbrannt ist wässert, wird deutlich, wo die Architektur an ihre Grenzen stößt und Schwachstellen für das alltägliche Leben birgt. Den Filmemachern gelingt es allerdings die Architektur niemals zu demaskieren. Humorvoll und sensibel bleibt ihre Betrachtung auch immer an der Größe und Perfektion der Gebäude stehen und schafft es, den Zuschauer zu verzaubern.

Maison à Bordeaux, Rem Koolhaas, Living Architectures, Ila Bêka und Louise Lemoine
Koolhaas Houselife: Die Haushälterin Guadalupe bei ihrer täglichen Arbeit im Maison à Bordeaux von Rem Koolhaas, Foto: Ila Bêka und Louise Lemoine

Der erste Film über das Koolhaas Haus entstand 2008. Es war zunächst ein Einzelprojekt aus dem dann aber die Reihe „Living Architectures“ entstehen sollte. „Unser erster Film ermöglichte es uns einen Weg zu finden, wie wir die bekanntesten Gebäude, etabliert in der Welt der Architektur präsentieren konnten. Wir suchten nach Gebäuden, die nicht mehr in den Schlagzeilen waren, so wie ein Star, dessen Ruhm schon ein bisschen zurückliegt“ sagt Louise Lemoine. Die Bauwerke stehen für die Filmemacher in der Reife ihres Lebens, auch an ihnen gehen die Spuren des Alterns nicht vorüber. Ila Bêka meint, dass genau „diese zeitliche Komponente, die das Gesicht und den Körper eines Gebäudes tiefgreifend verändert und die Art wie wir es wahrnehmen prägt, selten berücksichtigt wird. Genau diese Dimension wollten wir in unseren Filmen herausarbeiten.“

Pomerol, Herzog & de Meuron, Living Architectures, Ila Bêka und Louise Lemoine
Wunderschön gelegen und während der Erntezeit eine Partyhochburg: der Réfectoire in Pomerol von Herzog & de Meuron, Foto: Ila Bêka und Louise Lemoine

Das ist ihnen gelungen, was sicher auch zu einem großen Teil den wunderbaren Protagonisten der einzelnen Filme zu verdanken ist, die alle besondere und packende Persönlichkeiten sind. Die teilweise extrem wackelnde Handkamera steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zur Nutzung und dem Leben der zeitgenössischen Bauwerke.

Kirche Dio Padre Misericordioso in Rom, Richard Meier, Living Architectures, Ila Bêka und Louise Lemoine
Xmas Meier: Nicht für jeden ist die Kirche von Richard Meier ein Genuss, Foto: Ila Bêka und Louise Lemoine

In einem großen Sammelpaket gibt es nun das Gesamtwerk von Ila Bêka und Louise Lemoine zu bestaunen: „Living Architectures“ als DVD-Buch-Box. Insgesamt ist die Präsentation des Werkes leider etwas unübersichtlich geraten. Das Inhaltsverzeichnis der DVD-Buch-Box gibt wenig Aufschluss über den tatsächlichen Inhalt. Die Bücher, die irreführenderweise „Tagebücher“ genannt werden, bieten viele Detailerläuterungen zu den Gebäuden bzw. Gebäudedetails. Sich durch diese durchaus interessante Textmenge zu arbeiten, bedarf allerdings viel Zeit und Geduld. Nichtsdestotrotz sind die Filme eine großartig gelungene Auseinandersetzung mit der Hochkultur Architektur unserer Zeit, die losgelöst von allen Erläuterungen als experimentelle Arbeiten stehen können.

Little Beaubourg, Renzo Piano, Living Architectures, Ila Bêka und Louise Lemoine
Inside Piano: hier das Little Beaubourg, Foto: Ila Bêka und Louise Lemoine

Der Zusatzfilm „Living Architectures“ ist ein Zusammenschnitt von Fragmenten aus den anderen Einzelfilmen. Sie funktionieren losgelöst vom jeweiligen Ursprungsfilm und zusammengeschnitten als neuer experimenteller Film, der eine abstrakte Sicht auf die Verbindung Raum und Mensch ermöglicht. Ebenfalls auf den DVDs enthalten sind einige ausgewählte Interviews mit den Architekten Koolhaas, Meier und Piano. Sehr schön entsteht hier eine Verbindung zu der architektonischen Idee, dem Architekten in seiner Welt und der im Film dargestellten Realität und alltäglichen Nutzung seiner Gebäude. Dieses Zusatzmaterial ist also durchaus eine gelungene Ergänzung der Filme selbst.

Anna Zwenger-Mathavan

Ila Bêka & Louise Lemoine, Paris 2013, BêkaPartners, 380 Seiten (1 Buch + 3 DVDs), englisch, französisch, ISBN 979-10-92194-05-0, € 99,00

www.living-architectures.com

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