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Spüren, wo man ist - Corporate Architecture made by Eternit

Eternit
Bild 1: Kulturelles Erbe. Paul Baumgarten und Ernst Neufert (Werk Heidelberg setzten Maßstäbe in der Unternehmensarchitektur von Eternit. Es ging ihnen jedoch nicht um die signethafte Wiedererkennbarkeit einer einheitlichen, vom Unternehmen diktierten Architektursprache.) Bild 2: Eternit-Werk Heidelberg/Leimen 1954-1964: Bei Eternit führte die Investition in gute Architektur dazu, dass die Offenheit und Modernität der Architekten, der positive und aufgeschlossene "Geist" ihrer Bauten auf subtilere Art und Weise zum Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses wurden.)

Ein Jubiläum ist oftmals ein willkommener Moment, sich kurz zurückzulehnen, um – nach Möglichkeit zufrieden – auf das Erreichte zurückzuschauen. Einen solchen Augenblick des Innehaltens gönnte sich die Eternit AG, als sie im Jahr 2004 gleich ein dreifaches Jubiläum zu begehen hatte: Damals jährten sich die Einführung des Werkstoffs Eternit in Deutschland zum 100. Mal, die Gründung des Unternehmens in Berlin zum 75. Mal und die Errichtung des Werks in Heidelberg, wo sich heute der Hauptsitz des Unternehmens befindet, zum 50. Mal. Den Verantwortlichen bei Eternit war daran gelegen, dass der festliche Anlass keineswegs nur sentimental geriet, sondern auch produktiv, und zwar sowohl im Umgang mit der Vergangenheit als auch durch einen mutigen Blick in die Zukunft.

Zur Bilanz der vergangenen 50 Jahre gehören bei Eternit viel Licht und so mancher Schatten. Die Wirtschaftswunderjahre ab Mitte der 1950er standen im Zeichen des Wachstums und einer Unternehmensarchitektur auf höchstem Niveau. Für den Bau bzw. Wiederaufbau zweier Hauptwerke wurden renommierte Architekten engagiert, zum einen Ernst Neufert für den Standort Heidelberg (ab 1954) und zum anderen Paul Baumgarten für das Werk in Berlin-Rudow (1956–58). Mit beiden pflegte das Unternehmen eine enge und langjährige Zusammenarbeit.

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Ernst Neufert – Autor der legendären Bauentwurfslehre, Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt und von einem besonderen Interesse an Rationalisierungsmöglichkeiten und Vorfertigung im Bauwesen angetrieben – errichtete in Heidelberg neben einer großen Fabrikationshalle weitere Produktionsstätten und repräsentativere Bauten, darunter eine Kantine, eine Pforte und zuletzt ein Bürogebäude für die Hauptverwaltung im Jahr 1964. Kantige Sheds und das weiche Auf und Ab der Eternitwelle bestimmen das Bild – denn natürlich ging es bei dieser frühen Form von »Corporate Architecture« um die Verwendung der eigenen Produkte. Es ging aber nicht um die signethafte Wiedererkennbarkeit einer einheitlichen, vom Unternehmen diktierten Architektursprache, wie wir sie heute beispielsweise von Ikea-Häusern kennen, die überall auf der Welt außen gelb-blau eingepackt und im Inneren nahezu identisch organisiert sind. Bei Eternit führte die Investition in gute Architektur dazu, dass die Offenheit und Modernität der Architekten, der positive und aufgeschlossene »Geist« ihrer Bauten auf subtilere Art und Weise zum Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses wurden.

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Bild 3: Eternit-Gästehaus von Paul Baugarten, Berlin-Grunewald 1955.) Bild 4: Eternithaus Berlin Tiergarten. Ebenfalls von Paul Baumgarten, 1957.) Bild 5: Die leere Vitrine lenkt den Blick auf besondere Details und präsentiert den Werkstoff Faserzement als Material der Möglichkeiten. Showroom Eternit Headquarter Heidelberg 2005.)

Hierzu leistete auch Paul Baumgarten einen entscheidenden Beitrag. Als Architekt hatte er sich Anfang der 1950er Jahre in Berlin vor allem durch den neuen Konzertsaal der HdK einen Namen gemacht. Für Eternit übernahm er ab 1956 den Bau der Werksanlagen in Rudow, sorgte aber auch für die Präsenz von Unternehmen und Werkstoff im öffentlichen Stadtraum: Bereits 1955 wurde nach seinen Plänen im Berliner Grunewald das Gästehaus des Unternehmens mit einer Hausmeisterwohnung und zwei Apartments errichtet. 1957 folgte dann das als »Eternithaus« bekannt gewordene Wohn- und Ausstellungsgebäude des Unternehmens, das als Projekt der Internationalen Bauausstellung »Interbau« in prominenter Nachbarschaft im Hansaviertel entstand. Im lang gestreckten Riegel setzte Baumgarten einem Verkaufsraum des Unternehmens auf unvergleichlich elegante Weise sieben Wohnungen auf – heute nicht nur bei Architekten eine wieder überaus begehrte Wohnlage. Die beiden »Stadthäuser« Baumgartens zeigten beispielhaft die Anwendungsmöglichkeiten des Faserzements als Baustoff.

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Im Eternithaus ist er nicht nur in der Fassade, sondern auch in den Innenräumen als Bodenbelag, Heizkörperverkleidung oder Fensterbank beinah allgegenwärtig. Es waren aber nicht nur die »Haus-Architekten« des Unternehmens, die das Material mit besonderer Raffinesse verwendeten, auch Le Corbusier war ein großer Eternit-Anhänger. Die 1957 fertiggestellte Berliner Version der »Unité d´Habitation« ist ebenfalls eine Art Musterbau für die Verwendung des Materials. Gropius und Eiermann bauten mit Eternit und auch am berühmten Case Study House Nr. 8 von Charles und Ray Eames kamen die Platten zum Einsatz. »Die Eternit-Produkte haben sich quasi im Gleichschritt mit der modernen Architektur Akzeptanz verschafft.« So formulierten es Michael Hanal und Bruno Maurer 2003 in einer Publikation, mit der die 100-jährige Einführung des Werkstoffs in der Schweiz und dessen Anwendung in zahlreichen herausragenden Bauten gewürdigt wurde.

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Eternit war also lange Zeit ein Inbegriff von Modernität, es galt als zeitgemäß, vielseitig und zweckmäßig. Folgerichtig arbeiteten auch Designer mit dem Material, es entstanden Aschenbecher, Vogelbäder und Blumenkübel aus Faserzement, der schleifenförmige Gartenstuhl »Loop« von Willy Guhl ist heute in leicht modifizierter Form als Designklassiker wieder auf dem Markt. Doch nach so viel Hochkultur glitt Eternit ab den 1970er Jahren auch tief in die Alltagskultur ab, es wurde als vergleichsweise günstiges Material überall dort eingesetzt, wo das Geld für mehr nicht reichte und von Architekturambition kaum mehr eine Spur zu finden war. Eternit-Dächer und -Fassaden wurden zum schnöden Ersatz für etwas, »was andere Materialien eigentlich besser konnten«, wie es Konrad Wohlhage einmal treffend formulierte. Mitte der 1970er Jahre wurde obendrein nachgewiesen, dass Asbestfeinstaub gesundheitsschädlich ist – eine Katastrophe für das Unternehmen, bestanden die damals ganz selbstbewusst »Asbestzementplatten« genannten Bauprodukte doch aus Zement mit einer zehnprozentigen Beimengung von Asbest. Erzwungenermaßen erfolgte die Umstellung auf eine asbestfreie Produktion, nach aufwändigen Forschungen gelang es, andere Fasern zu finden, die wieder zu den gewünschten Materialeigenschaften führten. Dennoch war das Ansehen von Eternit nachhaltig beschädigt und das Vertrauen in den Baustoff erst einmal verloren.

 

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Bild 6: The material is the message. Astrid Bornheim transferiert das Material von der Neufertschen Fassade in einen neuen Kontext: den Innenraum. Komplett gebaut aus Faserzement, lädt der Raum dazu ein, die Geschichte des Materials weiter zu denken und eigene Ideen zu entwickeln.

In den vergangenen Jahren wurde hart daran gearbeitet, an die alten Qualitäten anzuknüpfen und die tiefe Verankerung des Produkts in der Geschichte der modernen Architektur wieder sichtbar zu machen. Das Jubiläum 2004 lässt sich als Wendepunkt wahrnehmen, tatsächlich war es aber mit einem einzigen kurzen Moment des Umdenkens nicht getan. Die Besinnung auf die eigene architektonische Vergangenheit und die daraus resultierende Markenidentität ist ein langwieriger Prozess, der von viel Überzeugungsarbeit in der Kommunikation nach außen, aber auch in allen Bereichen innerhalb des Unternehmens begleitet wurde. Um an die große Architekturtradition der 1950er und 60er Jahre anknüpfen zu können, wurde eine junge Architektin mit einer kritischen Bestandsaufnahme und der Entwicklung neuer Ideen beauftragt. Astrid Bornheim agiert seither in der Nachfolge von Baumgarten und Neufert, aber auch von anderen »Big Names« wie Max Bill oder Hans Hollein, die einst Messestände für das Unternehmen gestaltet hatten. Die Berliner Architektin arbeitet respektvoll, zugleich aber erfreulich unbefangen im Umgang mit den »alten Herren«.

Zuerst konnte sie das Verwaltungsgebäude in Heidelberg auf seine ursprüngliche räumliche und konstruktive Klarheit zurückführen. Die Fassade wurde technisch ertüchtigt und optisch erneuert, innen wurden Einbauten aus den 1980er Jahren entfernt. Sichtbarstes Zeichen für den Aufbruch zurück in eine qualitätvolle Architekturzukunft ist der Showroom. Anstelle von Produktinfos in Form von Mustern oder Prospekten prägt das Produkt selbst den Raum – die Architektin gliedert ihn durch strenge, minimalistische und zugleich sinnliche Einbauten, Raumteiler und Möbel aus Eternit. Seit 2007 gestaltete Astrid Bornheim auch mehrere Messeauftritte, mit denen das Unternehmen Kunden und Besucher verblüffte. Umgeben von viel Marktschreierei fanden sie bei Eternit stets eine »produktfreie« Lounge vor, die nur dadurch warb, dass sie aus Faserzement gebaut und präzise durchdetailliert war. »Das Logo tritt hier in den Hintergrund«, sagt Marketingleiter Jan Krause, »aber dafür kann man spüren, wo man ist.«

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Als Nächstes erfolgt ein Maßstabssprung bei der Umsetzung des neuen alten Architekturverständnisses: Nach den beschriebenen Umbauten und Messeauftritten wagt sich Eternit gemeinsam mit Astrid Bornheim und den Berliner Architekten Ralf Kunze und Andreas Oevermann an die erste Bewährungsprobe als Bauherr eines größeren Neubaus. Um Architekten, Verarbeitern und Händlern produktbezogenes Fachwissen zu den Themen Dach, Fassade und Ausbau zu vermitteln, wurde bereits 2007 die Eternit-Akademie gegründet. Bisher war sie für ihre Fortbildungsveranstaltungen auf vorhandene Räume in ehemaligen Werkhallen angewiesen, nun bekommt sie in Heidelberg ein eigenes Haus. Der zweigeschossige Bau wird auf Basis einer Holzkonstruktion exemplarisch die Anwendung verschiedener Eternit-Produkte zeigen, darunter Trockenbau- und Holzzementplatten, sowie unterschiedlich durchgefärbte Faserzementtafeln als äußere Hülle. Die Eröffnung ist für Juni 2011 angekündigt.

Eternit galt früher als bedingungslos modern, zeitweise als gesundheitsschädlich, zuletzt als wenig hochwertig und spießig – keine einfachen Voraussetzungen, um Architekten für den Baustoff und seinen Hersteller neu zu begeistern. Durch eine Besinnung auf die ursprünglichen Qualitäten ist es gelungen, dieses Image abzuschütteln. Heute werden wieder ganz andere Aspekte wie Vielseitigkeit, Modernität und Authentizität wahrgenommen, weil diese Werte im Produkt selbst und der traditionsreichen Unternehmensarchitektur verwurzelt sind. Sie mussten nur erst wieder freigelegt werden. So hat sich die Pflege der eigenen architektonischen Identität heute als ganz direkte »Brücke« zu den Anwendern erwiesen. Eternit hat die vergangenen Jahre dazu genutzt, sich selbst seines reichen baukulturellen Erbes zu vergewissern, aus der Geschichte zu lernen und sowohl in der Produktentwicklung als auch in der eigenen Architektur mehr als nur einen Schritt nach vorn zu wagen. Eigentlich das Beste, was man aus einem Jubiläum machen kann.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 4/2011

50 Jahre DETAIL - Konstruieren heute und morgen

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