07.10.2010

Architekturbiennale 2010: Highlights und Geheimtipps

Noch bis zum 21. November dieses Jahrs findet in Venedig die 12. Architekturbiennale statt. Zeit also für alle bisher Daheimgebliebenen, sie noch zu besuchen, und Zei für eine Halbzeitbilanz in Bildern.
Das Motto der diesjährigen Biennale lautet „People meet in Architecture“. Es hätte ebenso „Struktur und die Poesie des Raums“ heißen können, denn eine erstaunliche Zahl an beteiligten Architekten entwarfen für die zentrale Ausstellung raumfüllende Ausstellungen, bei denen Struktur und (filigrane) Konstruktion ebenso maßgeblich für die Atmosphäre waren wie die Interaktion mit dem Nutzer.
Ein Beispiel: die Kuppelkonstruktion „Decay of a Dome“ des Amateur Architecture Studio aus China. Steht man darunter, ist kaum zu ahnen, was die „fliegenden Balken“ in der Schwebe hält.

Foto: Jakob Schoof

Erst der Blick von außen aufs Detail verrät die Verbindungskonstruktion mit ihren zahlreichen Haken und Ösen. Ein typischer Vertreter der „Tensegrity“-Strukturen, mit denen einst auch Buckminster Fuller experimentierte.

Foto: Jakob Schoof

Nebulös ging es dagegen ein paar Räume weiter bei Tetsuo Kondo und Transsolar zu. Der japanische Architekt und die deutschen Energiedesigner hatten eine „künstliche Wolke“ ins Innere des Arsenale gezaubert – mit reichlich Maschineneinsatz und unter lautem Zischen zwar, doch die atmosphärische Wirkung war unübertroffen. Maßgeblichen Anteil daran hatte auch die spiralförmige Brückenkonstruktion, die sich – allein gehalten von den Ziegelpfeilern des Gebäudes und einem tragenden Mittelholm aus Stahl-Rundrohr – durch den Raum wand.

Foto: Jakob Schoof

Eine dritte Arsenale-Impression: Im „hintersten Eck“ der einstigen venezianischen Marinewerft hatten die Chinesen ihren offiziellen Länderbeitrag positioniert. Zhu Pei schuf einen künstliches „Schilfbeet“ aus Plexiglasrohren, die aus dem Boden heraus durch LED dezent beleuchtet waren.

Foto: Jakob Schoof

Die europäische Gartenarchitektur kennt ihre Heckenlabyrinthe. Die Chinesen bauen Edelstahl-Labyrinthe – auch dies ein Bestandteil ihres Länderbeitrags.

Foto: Jakob Schoof

Auch in den Länderpavillons der Biennale setzt sich das Thema „Konstruktion“ nahtlos fort. Tschechien zeigt in diesem Jahr eine monografische Werkschau des 1944 geborenen Architekten Martin Rajnis, der sich ganz dem (filigranen) Holzbau verschrieben hat. Was vor dem Eingang zum Pavillon noch relativ „wild“ beginnt ...

Foto: Jakob Schoof

... macht sich in dessen Inneren schon wesentlich strukturierter aus. Zu sehen gibt es großformatige Holzmodelle von Rajnis Bauten. Gezeigt werden sie unter dem Motto „Natural Architecture“. Schlüsselworte dabei: Einfachheit und Lernen von den Strukturen der Natur.

Foto: Jakob Schoof

Eindrucksvolle menschengemachte Strukturen werden im Pavillon der Schweiz gezeigt. Zu sehen ist ein „persönliches Inventar“ des genialen Brückenbauers Jürg Conzett, das mitnichten nur aus seinen eigenen Brückenbauten besteht. Sondern auch aus jenen vieler seiner Kollegen seit dem Mittelalter. Hier das Langwieser Viadukt, 1912-13 durch die Firma Züblin aus Stahlbeton errichtet und in Conzetts Worten ein „Jahrhundertereignis“ im Brückenbau.

Foto: Jakob Schoof

Der kanadische Pavillon lebt – doch dieses Leben scheint von einem anderen Stern zu stammen: „Hylozoic Ground“ heißt die Ausstellung von Philip Beesley, studierter Architekt, doch in den letzten Jahren eher durch seine vegetabilen, beweglichen Kunststoff“gewächse“ bekannt geworden. Im völlig abgedunkelten Pavillon, begleitet von sphärischen Klängen, hängen mysteriöse Wesen aus Plexiglas, Leuchtdioden und Drähten von der Decke, die ihre Gliedmaßen durch eingebaute Miniaturantriebe geradezu „lebensecht“ bewegen können.

Foto: Jakob Schoof

Ach ja ... der deutsche Pavillon. Er strahlt eine eher „biedermeierliche“ Gemütlichkeit aus. Der zentrale Raum, mit burgunderroten Tapeten und Fauteuils in der gleichen Farbe, zeigt rund 180 Din-A4-Skizzen deutscher und internationaler Architekten zum Thema „Sehnsucht“. Nimmt man sie zum Maßstab, so sind die „Sehnsüchte“ heutiger Architekten offenbar ebenso durch und durch bürgerlich wie das Ambiente hier. Amüsant ist dieser Streifzug durch die Geisteswelt (teils durchaus renommierter) Architekten aber in jedem Fall.

Foto: Jakob Schoof

Sehenswert auch das benachbarte „Spiegelkabinett“ mit 50er-Jahre-Kugelleuchten. Der entgrenzte Raum – gehörte er nicht schon immer zu den Kern-Sehnsüchten der Architektur?

Foto: Jakob Schoof

Zu unseren Nachbarn. Dass sich die Niederlande durch übergroße Leere auszeichnen, ist sicher ein Gerücht. Der Titel ihrer Ausstellung „Vacant NL“ ist auch ganz anders gemeint: Er bezieht sich auf den auch in Holland zunehmenden Leerstand von Altbauten. Das beginnt mit dem Pavillon selbst – und dem Hinweis, dass der Rietveld-Bau seit seiner Errichtung immerhin seit 39 Jahren leergestanden hat. Es ist halt nicht immer Biennale ...

Im Inneren betritt man zunächst einen leeren Raum, unter dessen Decke auf dicht gespannten Drahtseilen zahlreiche blaue Polystyrolblöcke ruhen. Eine Etage höher löst sich das Rätsel auf: Der gesamte Pavillon ist von Außenwand zu Außenwand mit kleinen Gebäudemodellen gefüllt. Markthallen, Bürohochhäuser, Windmühlen –sie alle stehen stellvertretend für die leer stehenden, einer neuen Nutzung harrenden Gebäude in den Niederlanden.

Foto: Jakob Schoof

Gleich neben dem niederländischen Pavillon steht der belgische. Auch hier herrscht der gleiche Raumeindruck – gepflegte Leere –, aber mit einem völlig anderen Thema: An den Wänden hängen Kunstwerke, die auf den ersten Blick nichts weiter zu sein scheinen als abstrakte Malereien und Skulpturen. Diese „Skulpturen“ jedoch schuf das wahre Leben: Die Mitglieder der belgischen Architektengruppe ROTOR gingen durch belgische Schulen, Ämter, Wohn- und Bürogebäude sowie U-Bahn-Stationen und sammelten Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände ein, an denen jahrelanger Gebrauch seine Spuren hinterlassen hat. Zu sehen sind Teppichböden, Wandpaneele, Tischoberflächen, Geländer und U-Bahnsitze. „Usus/Usures“, so der Titel der Ausstellung, gehört zweifelsfrei zu den hintergründigen Highlights dieser Biennale.

Foto: Jakob Schoof

Leere, auf die Spitze getrieben, zeigen die Kuratoren des rumänischen Pavillons. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die Frage: Wieviel Raum steht einem durchschnittlichen Bewohner der Stadt Bukarest zur Verfügung? Antwort: Es sind etwas über 91 Quadratmeter – und einen „Raum im Raum“ von ebendiesen Ausmaßen haben Kurator Tudor Vlasceanu und seine Mitstreiter in den rumänischen Pavillon gestellt. Darin: Nichts – außer den gelegentlichen Besuchern, die hier drinnen die Stille, den puren Raum und das von oben einfallende Tageslicht genießen.

Foto: Jakob Schoof

Pflanzen als „Lebensgefährten“ werden gerade beim innerstädtischen Wohnen bekanntlich immer wichtiger. Vor dem serbischen Pavillon kann man sich mit ihnen gemeinsam sogar auf eine Wippe setzen.

Foto: Jakob Schoof

Hier die Installation im Inneren des Pavillons. Ausgangspunkt für „Seesaw-Play-Grow“, konzipiert vom Büro SKART, war folgender Ausspruch eines serbischen Dichters:

„Meine Frau, für die ich alles tun würde
sagte mir einmal
Ich hätte gern
Einen kleinen grünen Baum
Der mir hinterherläuft
Die Straße hinunter“

Foto: Jakob Schoof

Ein paar Türen weiter vom serbischen Pavillon befindet sich der österreichische. Motto: „Under Construction“ – und so ist seine Fassade denn auch mit einem Baugerüst verkleidet. Auf die Abdeckplane gedruckt sind Projekte führender österreichischer Architekten, die sich derzeit im Bau befinden. Für den Innenraum entwarf der Kommissar des Pavillons, Eric Owen Moss, ein zweites, spiralförmiges Gerüst mit ähnlicher Membranbespannung. In diesem Fall waren darauf Werke ausländischer Architekten in Österreich zu sehen. Ein drittes Gerüst im Innenhof des Pavillons zeigte Studentenarbeiten aus Studiengängen an österreichischen Hochschulen, die von namhaften ausländischen Architekten betreut werden (darunter Hitoshi Abe, Zaha Hadid, Greg Lynn und Thom Mayne).

Foto: Jakob Schoof

„Workshopping“ lautet der Titel der US-amerikanischen Ausstellung. Viel Greifbares gibt es darin jedoch nicht zu sehen – mit Ausnahme dieser aufgeblasenen Installation („Instant United“) des Architekturbüros MOS im Eingangshof. Die Inhalte der Schau reichen von Studentenarbeiten bis zur ziemlich unverblümten Selbstdarstellung eines Architekturbüros aus Atlanta (John Portman & Associates), das zugleich einer der wichtigsten Immobilien-Developer der Stadt ist.

Foto: Jakob Schoof

Der von James Stirling entworfene ehemalige Buchpavillon des Verlagshauses Electa auf dem Biennale-Gelände hat eine neue Nutzung erhalten: Seit Auszug des Buchladens dient er als „Lesesalon“ für all diejenigen, die sich mittels der Kataloge und anderer Hintergrundliteratur näher über die einzelnen Biennale-Beiträge informieren möchten. Leider wird das Angebot nur sehr zögerlich angenommen. Der gestresste Biennale-Besucher hat in der Regel anderes zu tun als zu lesen ...

Foto: Jakob Schoof

Zurück zur zentralen, von Kazuyo Sejima kuratierten Biennale-Ausstellung. Rem Koolhaas hat sich wieder einmal (zum vievielsten Mal eigentlich?) neu erfunden. Seit Jahrzehnten, so behauptet er nun, sei sein Büro OMA regelrecht „besessen“ vom Thema Denkmalschutz.

Foto: Jakob Schoof

Wobei OMA nicht OMA wären, wenn sie nicht gezielt auf die Kontroversen hinweisen würden, die sich um dieses Thema ranken. Für die Biennale konzipierten sie einen wie stets kontroversen und anregenden Beitrag, der sich mit der Notwendigkeit des Erhalts von Altbauten befasst, aber auch mit der Willkür, mit der heute bisweilen zwischen „erhaltenswert“ und „nicht erhaltenswert“ unterschieden wird.

Foto: Jakob Schoof

Inhaltlich fast nahtlos an den OMA-Beitrag schließt sich die Installation „Blueprint“ von Du Ho Suh und Suh Architects aus Südkorea an. Erst auf den zweiten Blick erkennbar, zeigt die filigrane Konstruktion die Fassade des New Yorker Wohnhauses des Architekten in Originalgröße – handgenäht aus Stoff und auf ein filigranes Drahtgerüst montiert.

Foto: Jakob Schoof

Zum Abschluss noch unser persönlicher Biennale-Liebling. Entworfen (oder sollte es heißen: gezüchtet?) hat ihn Aldo Cibic für seinen Biennale-Beitrag, der schlüssigerweise den Titel „Rethinking Happiness“ trug.

Foto: Jakob Schoof

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