01.09.2010 Frank Kaltenbach

Interview mit Kazuyo Sejima, Direktorin der Architekturbiennale


DETAIL: Wie sind Sie Direktorin der 12. Architekturbiennale geworden?
Kazuyo Sejima: Vor fast genau einem Jahr rief mich der Präsident Paolo Baratta an. Am darauffolgenden Tag bekam ich überraschenden Besuch von seinen Vertretern, die mir die Aufgabe detailliert erklärten. Zuerst war ich vorsichtig, da ich gar nicht wusste welche Aufgaben ein Biennale Direktor wahrzunehmen hat. Nach dem eintägigen Meeting konnte ich mir bereits ein erstes Bild von der Rolle des Direktors der Architekturbiennale machen und verstand, welche Aufgaben damit verbunden sind.

Nach einer Woche Bedenkzeit sagte ich von meiner Seite aus zu. In den folgenden drei Monaten hatte die Biennale keinen Kontakt mehr zu mir aufgenommen und so hatte ich die Sache beinahe schon vergessen. Anfang November 2009 bekam ich dann ganz überraschend eine Einladung nach Venedig, wo mir der Präsident offiziell den Auftrag erteilte. Dann ging es natürlich sofort los.
DETAIL: Wie kamen Sie auf den Titel »People meet in Architecture«?
Kazuyo Sejima: Zunächst habe ich mir verschiedene Themen überlegt. Dann fragte ich meine beratende Kuratorin Yuko Hasegawa und meinen Partner Ryue Nishizawa. Wir waren uns einig, dass das Thema einfach und griffig sein muss und gleichzeitig offen formuliert, um für die Teilnehmer genug Freiraum für individuelle Interpretationen zu lassen. Das Thema scheint etwas unverbindlich, aber ich denke, es ermöglicht einen Ausblick in die Zukunft und vermittelt eine positive Grundstimmung.

Architektur ist sehr komplex und die Biennale ist ein wiederkehrender Event, der von den jeweiligen Kuratoren geprägt wird. Ich überlegte mir also, worin meine eigenen Stärken liegen und welcher Aspekt an Architektur für mich am wichtigsten ist. Das ist in jedem Fall das Zusammenkommen von Architektur mit den Menschen.
DETAIL: Ihre Ausstellung unterscheidet sich sehr von denen Ihrer Vorgänger, wollten Sie sich bewusst von ihnen abheben?
Kazuyo Sejima: Natürlich habe ich mich intensiv mit dem Direktor der letzten Biennale Aaron Betski ausgetauscht. Und Aaron erläuterte mir auch, weshalb der Präsident gerade mich ausgewählt hat: Die letzen Jahre war die Biennale inhaltlich eher auf das Phänomen der Städte und großen Metropolen fokussiert, als Direktoren wurden international renommierte Kuratoren ausgewählt, die selbst nicht bauen. Ich glaube seit Massimiliano Fuksas im Jahre 2000 war kein planender Architekt mehr an der Reihe.

Im Gegensatz zu diesen Profi-Kuratoren sehe ich als Architektin es nicht als meine primäre Aufgabe zu schreiben oder mich verbal auszudrücken, sondern konzeptionell über Architektur nachzudenken. Deshalb geht es mir mehr um das konkrete Bauen, vor allem aber um die Dimension des erlebbaren Raums.
DETAIL: Wie gehen Sie mit dem Thema Raum auf der Biennale um?
Kazuyo Sejima: Die Vermittlung von Raum ist sehr wichtig für mich. Doch natürlich kann man mit den Mitteln einer Ausstellung nie die Architektur selbst mit all ihren Qualitäten in ihrer gesamten Komplexität zeigen. Im Gegensatz zur Kunst-Biennale, wo Sie meist das Original ausstellen können. Aber was wir Architekten sehr wohl beherrschen ist, den Raum selbst zu organisieren als unser ureigenstes Medium, um unsere Absichten und Gedanken dem Besucher zu mitzuteilen.

Die Biennale-Direktorin Kazuyo Sejima im Gespräch mit DETAIL-Redakteur Frank Kaltenbach.

DETAIL: Was ist das besondere an dieser Biennale?
Kazuyo Sejima: Heute gibt es unzählige Möglichkeiten und Medien, zum Beispiel interaktive Bildschirme, virtuelle Realität oder das Internet. Mein Ansatz ist es, eine Ausstellung zu gestalten, die mit auf dem physischen Erleben vor Ort beruht, die mit Mitteln arbeitet, die das Internet oder technische Medien nicht leisten können, die aber dennoch viele Informationen an den Besucher weitergeben. Das sind so klassische Kategorien wie das Spiel mit dem Maßstab oder der Kontrast unterschiedlicher Materialien, aber auch Lichtführung, Temperaturunterschiede und Klang. Dieses Jahr können Architekten zeigen, was Architektur an sich zu leisten im Stande ist. Ich hoffe die Besucher können spüren, wie interessant die Auseinandersetzung mit Raum sein kann und dass der architektonische Raum auf vielfältigste Weise interpretiert werden kann.

Alle Fotos: Frank Kaltenbach


Kazuyo Sejima

Zunächst entschied ich, jedem Teilnehmer einen ganzen Raum zur Verfügung zu stellen. Quasi als Bauplatz für seine ortsgebundene Installation. Denn auch wenn die Räume im Arsenale Bestandteil einer gemeinsamen Großstruktur sind, unterscheiden sie sich voneinander. Im einen Raum steht eine Treppe oder ein Notausgang befindet sich mitten in der Wand. Sogar die Farbigkeit der Wände unterscheidet sich, da während der langen Geschichte die Oberflächen mehrmals überstrichen wurden oder der Putz teilweise abgebröckelt ist. Nachdem die Architekten ihre Vorschläge gemacht hatten, war die erste Frage: Wie passt der Beitrag zum entsprechenden Raum, aber – und das ist genauso wichtig – wie passt er zur benachbarten Installation. Ich wollte die eindrucksvollen Hallen völlig unberührt lassen. Wie Sie bemerkt haben verzichte ich sogar vollständig auf Vorhänge. Wenn also eine Verdunkelung nötig war, wählte ich einen dunklen Raum, der von vorn herein keine Fenster hat. Wichtig ist vor allem das Material. Anstelle von Effekten und künstlichen Deko-Oberflächen sollten die Architekten Baustoffe einsetzen, mit denen sie auch ihre Häuser errichten und im Zusammenspiel mit dem Raum ihre eigenen Ideen umsetzen.


Kazuyo Sejima

Installation von Smiljan Radic und Marcela Correa im Arsenale.

DETAIL: Gab es auch rein pragmatische Zwänge?
Kazuyo Sejima: Kunstwerke von beträchtlichem Wert können wir nur in den klimatisch kontrollierten Räumen in den Giardini zeigen. Auch wenn die Künstler gerne im Arsenale ausgestellt hätten – aus Versicherungsgründen war das undenkbar.

Janet Cardiff mit ihrer Klanginstallation.


DETAIL: Spielt die Abfolge von Personen aufgrund ihrer Biografie oder der Vergleichbarkeit ihres Werkes eine Rolle?
Kazuyo Sejima: Nein. Vor allem im kilometerlangen Arsenale ging es darum, eine stereotype Aneinanderreihung zu vermeiden. Zum Beispiel ist einer der letzen Räume die Klang-Installation von Janet Cardiff. Jeder Besucher hat eine andere Einstellung dazu, aber hier kann man die Dimensionen des Raums am besten im Vorbeigehen an den Lautsprechern mit den 40 unterschiedlichen Stimmen erfahren, das funktioniert ganz ohne Zeichnungen oder Modelle – allein über den Klang der Musik.

Der Beitrag von Toyo Ito dagegen zeigt sein Projekt für das Opernhaus in Taichung mit den alltäglichen ganz konkreten Mitteln eines Architekturbüros: Modellen, Renderings, Grundrissen und technischen Diagrammen. Tony Fretton und Mark Pimlott vermischen in ihrem »Piazzasalone« außen und innen, öffentlich und privat. Am Ende kommen dann die aus dem Dunkel aufblitzenden tanzenden Fontänen von Olafur Eliason, mit einer technisch aufwändigen Anmutung, deren Wirkung aber mit einfachen Mitteln wie Stroboskoben erzeugt wird.


DETAIL: Auf Architekturbiennalen gab es bisher immer künstlerische Installationen und ganz konkrete Architekturprojekte. Haben Sie dieses Jahr künstlerische Herangehensweisen bevorzugt?
Kazuyo Sejima: Ich unterscheide ich nicht nach diesen Kategorien. Die entscheidende Frage war für mich: Eignen sich die Projekte eher für die weiße Umgebung in den Giardini oder passen sie besser zur haptischen Materialität des Arsenale.

Projekt für das Opernhaus in Taichung von Toyo Ito.

DETAIL: Bei der Vorbereitung haben Sie die gesamte Architekturszene gesichtet. Konnten Sie gemeinsame Strömungen entdecken oder gar neue Ideen und zukunftsweisende Projekte ausmachen?
Kazuyo Sejima: Nur bedingt. Ehrlich gesagt, ganz Neues konnte ich nicht entdecken. Andererseits befinden sich unser Leben und unsere Gesellschaft in einem ständigen Veränderungsprozess, da ist sehr schwierig auszumachen, was bereits schon existiert hat und was neu ist. Immerhin leben wir seit bereits 10 Jahren im 21. Jahrhundert und wohl niemand könnte präzise festlegen, was genau sich seit der Jahrtausendwende verändert hat, unser Leben wird immer noch von den Ideen und der Architektur der Moderne bestimmt. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass inzwischen der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, um eine Atempause einzulegen und zu reflektieren, welche neuen Technologien entstanden sind, wie sie das Leben der Menschen – ganz besonders im Bezug auf die Gesellschaft – verändern und welche Konsequenzen das für die Architektur hat. Auch wenn wir auf dieser Biennale zeigen was im Moment geschieht und noch nicht so weit vorausschauen, was die ferne Zukunft bringen wird, so macht sich doch jeder Architekt darüber bereits seine eigenen Gedanken. Ich hoffe, dass diese Biennale die Besucher dazu anregt, über die Architektur der Zukunft nachzudenken und zu sprechen, auch wenn sie noch nicht explizit zu sehen ist.

DETAIL: Was war bisher ihr bestes Erlebnis als Direktor der Biennale?
Kazuyo Sejima: Besonders das Zusammentreffen mit vielen Architekten der jüngeren Generation, die ich zuvor nicht gekannt hatte, ist eine große Bereicherung. Gerade der Austausch mit ihnen spornt mich an, nicht stehen zu bleiben und die Dinge immer wieder neu zu hinterfragen. Das ist nicht immer einfach und kann sehr anstrengend sein. In dieser Hinsicht bin ich nicht nur die Direktorin der Architekturbiennale, sondern gleichzeitig deren Besucher.
DETAIL: Vielen Dank für das Gespräch!

Der Piazzasalone von Tony Fretton und Mark Pimlott.

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