Jugendtreff als Reallabor
Hochschule Konstanz erprobt neue Wege des Upcyclings
Ein ovaler Baukörper aus Konstruktionsvollholz schützt die wiederverwendeten Schalungselemente im Innenraum. © Achim Birnbaum
Das Forschungsvorhaben Stuttgart 210 – weiterdenken, weiterbauen! der Hochschule Konstanz untersucht, wie sich komplexe Betonschalungen aus dem Bahnprojekt Stuttgart 21 sinnvoll weiterverwenden lassen. Diese Spezialformen aus Brettsperrholz dienten ursprünglich zur Herstellung der Kelchstützen, Oberlichter und Tunnelgewölbe des neuen Hauptbahnhofs. Nach dem Betonieren werden diese Elemente in der Regel entsorgt – obwohl Material und Form erhebliches Potenzial besitzen. Das Projekt erprobt daher Wege des Upcyclings: Die temporären Bauhilfsmittel werden dabei zur Primärkonstruktion neuer Gebäude.


Die umlaufende Holzfassade integriert fünf Sitznischen. © Achim Birnbaum
Pilotprojekt am Neckar
Das Reallabor Ingersheim ist das erste realisierte Beispiel und wird künftig als Jugendtreff genutzt. Die Gemeinde bewarb sich 2023 für einen Entwurf, der auf zwei besonders komplexen Schalungselementen beruhte. Nachdem diese auf der Stuttgarter Baustelle nicht mehr auffindbar waren, wurde ein neuer Ansatz verfolgt: Sehr große Schalungen des Fußgängertunnels am südlichen Ende des Bahnhofs bildeten die Grundlage für eine Alternative. Ihre Geometrie ermöglichte zwar einen markanten Innenraum, jedoch keine wetterfeste Gebäudehülle. Deshalb wurde ein eigenständiger Baukörper aus Konstruktionsvollholz, Brettschalungen und Dreischichtplatten entwickelt, der die Schalungen schützt und ihnen gleichzeitig eine neue architektonische Rolle zuweist. Die besondere Geometrie offenbart sich erst im Inneren.


Rohbau des Jugendtreffs Ingersheim aus Schalungselementen des zukünftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs. © Vishal Joshi
Gewölbeartige Atmosphäre
Zwölf Schalungselemente formen einen Innenraum mit zwei schmalen Zugängen und einem Grundriss, der sich zur Raummitte hin aufweitet. Die raumhohen Holzelemente erzeugen eine gewölbeartige Atmosphäre. Tageslicht fällt über große Öffnungen nach Norden und Süden sowie über ein indirektes Oberlicht ein. Die umlaufende Holzfassade dient als Witterungsschutz und integriert fünf Sitznischen, die dem Ort eine einladende Qualität geben. Die Wegeführung ist bewusst indirekt und schafft einen geschützten Innenbereich.


Die raumhohen Holzelemente erzeugen eine fast gewölbeartige Atmosphäre. © Achim Birnbaum


Alle Fassadenelemente bestehen aus reversibel verschraubtem Vollholz. © Achim Birnbaum
Reversibel verschraubt
Die Schalungen stehen auf Stahlbetonsockeln, deren Geometrie erst nach Positionierung der Holzbauteile bestimmt wurde. Gemeinsam mit den Reuse-Elementen bilden sie eine hybride Holz-Beton-Konstruktion. Darüber liegt ein Dach aus einfacher Balkenlage und Dreischichtplatten, ergänzt durch eine Gefälledämmung. Alle Fassadenelemente bestehen aus reversibel verschraubtem Vollholz. Klebstoffe und Beschichtungen wurden vermieden, die Oberflächen bleiben unbehandelt. Am Beispiel des Reallabors ermittelt das Forschungsprojekt die stoffliche Weiterverwendung von Holz nach einem ersten Lebenszyklus und zeigt damit auf, welchen Einfluss der Zeitpunkt von CO2-Emissionen auf die Ökobilanzierung hat.
Ausführungsplanung und Bauleitung: Klingelhöfer Krötsch Architekten
Entwurfsverfasser: Andreas Kretzer, Stefan Krötsch, Roman Kreuzer, Katharina Raabe, Maximilian Stemmler
Bauherr: Gemeinde Ingersheim, vertreten durch Bürgermeisterin Simone Lehnert
Standort: Fischerwörth, Ingersheim (DE)
Tragwerksplanung: Faltlhauser Krapf
Holzbau: Koch Holzbau
Rohbau: Claus Kofink und TPW Bau
Fassade und Oberflächenbehandlung: Internationaler Workshop mit Studierenden des Master-Studiengangs Innenarchitektur an der HFT Stuttgart (Leitung: Prof. Andreas Kretzer, Dipl.-Des. Melissa Acker)
Forschungsprojekt: Stuttgart 210 – weiterdenken, weiterbauen!
Hochschule Konstanz (HTWG), Fakultät Architektur und Gestaltung
Koordination der Forschungsinhalte, Entwürfe und Baukonstruktion der Reallabore: Fachgebiet Baukonstruktion und Entwerfen, Prof. Dipl.-Ing. Stefan Krötsch, Projektleitung: Roman Kreuzer
Entwicklung Ökobilanzierungsverfahren für Re-Use-Baukomponenten, Ökobilanzierung und Energiekonzept: Fachgebiet Energieeffizientes Bauen, Prof. Dr.-Ing. Thomas Stark, Projektleitung: Viola John, Hochschule für Technik Stuttgart (HFT), Fakultät Architektur und Gestaltung
Bearbeitung entwurflicher Themen, Darstellung der Forschungsinhalte, Workshop Reallabor Ingersheim: Fachgebiet Entwerfen, Gestaltung und Darstellung, Prof. Dipl.-Ing. Andreas Kretzer, Hochschule Karlsruhe (HKA), Fakultät für Architektur und Bauwesen
Entwicklung von Bauteilverbindungen für Re-Use-Baukomponenten, Tragwerkskonzept: Fachgebiet Baukonstruktion, Baustatik und Holzbau, Prof. Dr.-Ing. Robert Pawlowski, Akademischer Mitarbeiter: Christian Engel-Götz
Koordination und Kommunikation: ProHolz Baden-Württemberg
Fördergeber: Holzbau-Offensive Baden-Württemberg (MLR)
Praxispartner: Züblin Timber (Plangrundlagen), Ed. Züblin AG (Schalungselemente)























