Architekturgeschichte hautnah
Villa Beer: Ikone der Wiener Moderne
Die Fassade der Villa Beer erstrahlt nach der behutsamen Restaurierung in ihrem ursprünglichen Farb- und Materialkonzept. © Hertha Hurnaus
Die von Josef Frank und Oskar Wlach 1929/30 für Julius und Margarete Beer im Hietzinger Villenviertel errichtete Villa Beer in Wien spielt eine Schlüsselrolle im Kontext der Wiener Moderne. Das Wohnhaus gilt als Höhepunkt von Franks architektonischem Schaffen und als Modell einer menschenfreundlichen Moderne. Anders als bei streng funktionalen Grundrissen entwickelten Frank und Wlach eine offene, dreidimensional gedachte Raumfolge, die Bewegung, Blickbeziehungen und unterschiedliche Atmosphären miteinander verbindet. Hier wird Architektur somit nicht als System, sondern als gelebter Raum verstanden. International steht die Villa Beer in einer Reihe mit wegweisenden Projekten der Zwischenkriegszeit, wie Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn oder Le Corbusiers Villa Savoye in Poissy. Friedrich Achleitner bezeichnete das Haus als „das wohl bedeutendste Beispiel Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit”. Bis heute gilt die Villa als modellhaft, da sie Franks Haltung einer offenen, humanen Moderne mit klarer, aber behaglicher Raumqualität vereint.


Die großen Fenster und die offene Raumfolge verbinden Innen- und Außenbereich zu einem fließenden, lichtdurchfluteten Gesamterlebnis. © Stefan Huger
Geschichte und Zäsur
Die Geschichte dieses Hauses ist eng mit dem Schicksal seiner jüdischen Bauherren verknüpft. Bereits wenige Jahre nach der Fertigstellung geriet die Familie Beer unter wirtschaftlichen Druck und musste das Haus teilweise vermieten. Mit dem Anschluss im Jahr 1938 endete das Leben der Familie in Wien gewaltsam. Einigen Mitgliedern gelang die Flucht, Elisabeth Beer wurde jedoch deportiert und ermordet. Auch die Lebenswege der Architekten spiegeln diese Zäsur wider: Josef Frank emigrierte 1934 nach Schweden, Oskar Wlach 1938 in die USA.


Historische Aufnahme der Villa Beer um 1930: Das Wohnhaus von Josef Frank und Oskar Wlach im Hietzinger Villenviertel zeigt seine klare, offene Architektur bereits in den frühen Jahren. © Julius Scherb
Behutsame Restaurierung im Bestand
Die aktuelle Restaurierung der Villa Beer wurde nach deren Erwerb durch die Villa Beer Foundation im Jahr 2021 gestartet. Unter der Leitung von Hausherr Lothar Trierenberg und in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt, dem Architekten Christian Prasser und den Restauratorinnen setzte das Team die umfassenden bauhistorischen Untersuchungen in konkrete Maßnahmen um. Ziel war es, den ursprünglichen räumlichen Zusammenhang wiederherzustellen und spätere Eingriffe rückgängig zu machen, ohne den historischen Bestand zu idealisieren. Dazu wurde die originale Raumabfolge vom Erdgeschoss bis ins erste Obergeschoss freigelegt, nachträgliche Einbauten entfernt und Öffnungen geschlossen. Gleichzeitig erhielt das Gebäude ein neues statisches Fundament und der Keller wurde vollständig saniert und für die künftige Nutzung adaptiert. „Es ging darum, den Bestand präzise zu lesen und weiterzubauen, ohne ihm eine neue Sprache aufzuzwingen”, so Architekt Christian Prasser.


Ein Blick ins Innere der Villa Beer zeigt den restaurierten Boden, das Zwischengeschoss und die elegant geschwungene Treppe, die die originale Raumwirkung wiederherstellen. © Hertha Hurnaus
Von Innen nach Außen
Die räumliche Offenheit der Villa setzt sich im Außenbereich fort: Der neu gestaltete Garten des Büros Auböck + Kárász knüpft an die ursprüngliche Verbindung von Architektur und Landschaft an und macht die historische Dimension des Grundstücks wieder sichtbar. Der bestehende Baumbestand wurde weitestgehend erhalten und nur behutsam durch neue Pflanzungen ergänzt. Im Inneren wurden Einbaumöbel, Oberflächen und bauzeitliche Details mit großer handwerklicher Sorgfalt restauriert. Auf eine vollständige Rekonstruktion verlorener Möbel wurde bewusst verzichtet. Die Leerstellen bleiben sichtbar und verweisen auf die Geschichte des Hauses und seiner Bewohnerinnen.


Besonders auffällig sind die liebevoll rekonstruierten Details und das fröhliche Design, das auf spätere Entwürfe von Frank zurückgeht. © Stefan Huger
Vom Denkmal zum lebendigen Ort
Ab März 2026 öffnet die Villa Beer als lebendiger Ort der Begegnung ihre Türen. Durch Führungen, Veranstaltungen, Forschungsprojekte und Bildungsprogramme werden unterschiedliche Perspektiven auf Architektur, Geschichte und Kultur ermöglicht, ohne dass der Charakter des Hauses als Wohnraum verloren geht. „Auch wenn die Villa Beer künftig öffentlich zugänglich ist, soll ihr Charakter als Wohnhaus so weit wie möglich erhalten bleiben. Besucherinnen sollen sich als willkommene Gäste fühlen”, sagt Katharina Egghart, Geschäftsführerin der Villa Beer Foundation. Im Dachgeschoss wurde darüber hinaus ein neuer Wohnbereich mit drei Gästezimmern, Küche und Bad geschaffen. Hier können Forschende, Gäste oder Teilnehmerinnen von Residenzprogrammen das Haus in seiner ursprünglichen Funktion als Wohnhaus erleben. Die Räume sind so konzipiert, dass sie das Wohnerlebnis Josef Franks vermitteln. Textile und Möbeldesigns aus seinen Entwürfen ergänzen dieses Erlebnis. Zusammen mit den offenen Bereichen für Veranstaltungen und Forschung wird die Villa Beer so zu einem Ort, der Franks Verständnis von Architektur als lebendigem, menschenorientiertem Raum unmittelbar erfahrbar macht und die bis heute tragfähige Moderne demonstriert.
Architektur: Josef Frank & Oskar Wlach (1929–1930) – historischer Entwurf, Restaurierung unter cparchitektur / Architekt Christian Prasser
Bauherrin: Villa Beer Foundation gemeinnützige GmbH, Wien, Geschäftsführung: Lothar Trierenberg und Katharina Egghart
Standort: Wenzgasse 12, 1130 Wien (AT)
Nutzfläche: Bestand 893,53 m² + Zubau 80 m² = 973,53 m²
Grundstück: 3169 m²
Projektleiter Restaurierung: Architekt Christian Prasser (cparchitektur)
Restauratorische Untersuchungen: Leitung Alexandra Sagmeister (Voruntersuchungen vor Sanierungsbeginn)
Denkmalpflege / Zusammenarbeit: Bundesdenkmalamt (Österreich)
Sanierungszeitraum / Planungsbeginn: 03/2022 – 12/2025 (Baubeginn: 04/2024) / Eröffnung Frühjahr 2026
Nutzung (künftig): Öffentliche Zugänglichkeit des Hauses, Führungen, kulturelle Veranstaltungen, Bildungsprogramme, Forschung, temporäres Wohnen in drei Gästezimmern
Baukoordinator u. ÖBA: Coordin.at Ziviltechniker Ges.m.b.H., Wien
Bauphysik: Dipl.-Ing. Dr. Techn. Roland Müller, Stockerau
Gebäudetechnik: Käferhaus GmbH, Wien
Landschaftsplanung: Auböck + Kárász Landscape Architects, Wien
Eröffnungstag: Am Sonntag, dem 8. März, lädt die Villa Beer zu einem Open House ein. Das Haus steht von 10 bis 18 Uhr für Besuche offen.
Weitere Informationen: villabeer.wien














