16.03.2026 Jakob Schoof

„Wir haben die richtige Technik für das Bauen mit Lehm verlernt“

Im Mai 2018 stellte Mariam Issoufou mit ihrem damaligen Architekturbüro Atelier Masomi den Hikma Community Complex in Dandaji im trockenen Westen Nigers fertig. © James Wang

Die nigrische Architektin Mariam Issoufou hat früh damit begonnen, den Lehmbau in den Städten Westafrikas salonfähig zu machen. Ein Interview über ihre Erfahrungen mit dem Naturmaterial, über den Klimawandel in Afrika und darüber, was man aus der Softwareentwicklung für die Architektur lernen kann. 

Mariam Issoufou, Sie sind in Niger groß geworden – einer Region, wo der Klimawandel früher und stärker zu spüren ist, als in Europa. Wann haben Sie die ersten Veränderungen in Ihrer Umgebung bemerkt?
Während meiner ersten Lebensjahre haben wir in Niamey gelebt, der Hauptstadt des Niger. Damals war die Vegetation dort ausgesprochen tropisch. Ich erinnere mich an den Geruch von Blättern und Schnecken im Garten. Im Alter von sechs Jahren zog ich mit meiner Familie für etwa fünf Jahre in die Wüste. Als ich danach nach Niamey zurückkehrte, bemerkte ich dramatische Veränderungen: Während der Regenzeit gab es Sandstürme, die Schnecken waren verschwunden und viele Bäume waren weg. Es gab viel weniger Grün in der Stadt. Diese Klimaveränderung fand vor dreißig Jahren statt. Seitdem hat sich die Lage nochmals verschlimmert. Wenn man heute mit dem Flugzeug in Niamey landet, sieht man ringsum nur noch Wüste. Wir haben bereits Klimaflüchtlinge: In den frühen 2000er-Jahren verloren große Teile der Bevölkerung ihre Lebensgrundlage, weil die landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr fruchtbar waren und das Vieh verendete. Das hat eine Fluchtbewegung in die Städte ausgelöst, die bis heute anhält. 

Die Gebäudehülle des Hikma Community Complex besteht aus ungebrannten Lehmsteinen. © James Wang 

Von Anfang an haben Sie in Niger mit Stampflehm und Lehmziegeln gearbeitet. Was hat Sie zu dieser Herangehensweise inspiriert? Das Studium in den USA?
Ich bin ursprünglich in die USA gegangen, um Informatik zu studieren, und habe danach einige Jahre als Softwareentwicklerin gearbeitet. Ich hatte also genug Zeit, mich geistig auf das Architekturstudium vorzubereiten. Schon vor Studienbeginn wusste ich, dass ich Gebäude entwerfen wollte, die auf ihren Kontext reagieren. An der Universität habe ich dann gezielt nach Kursen über regionaltypische Architektur und Bauen mit regionaltypischen Materialien gesucht. In Niger waren das zufällig Lehm und Ton. Die Arbeit von Francis Kéré hat mich stark beeinflusst und lieferte mir eine Art Blaupause für das Bauen in meiner Region. Schließlich sind sich die Klimabedingungen in Burkina Faso und Niger sehr ähnlich.  

Für den Wochenmarkt in Dandaji schufen Mariam Issoufou und ihr Büro 2018 diese Marktstände mit Schatten spendenden Metalldächern. © Maurice Ascani

Francis Kéré erzählt, dass es ihm schwerfiel, seine Bauherren vom Nutzen des Stampflehms zu überzeugen. Sie betrachteten das Material als altmodisch. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht
Genau die gleichen. Es gibt eine tiefsitzende Angst vor Lehm als Baumaterial. Ein Großteil dieser Angst rührt daher, dass die Leute miterlebt haben, wie Lehmhäuser in Dörfern oder armen Vierteln bei starken Regenfällen eingestürzt sind. Die Menschen verkennen jedoch den wahren Grund für diese Unfälle: Wir haben die richtige Technik für das Bauen mit Lehm verlernt. Einlagige Wände funktionieren nicht so wie bei Beton: Lehmwände müssen viel dicker sein und jährlich instandgehalten werden.
Ich habe mich darauf konzentriert, die Menschen mit zeitgenössischen Beispielen aus aller Welt zu überzeugen, auch aus Deutschland. Mir wurde klar, dass wir das Stigma am besten mit Lehmarchitektur im urbanen Umfeld bekämpfen könnten – nicht nur in Dörfern. Daher habe ich meine ersten Projekte bewusst für die Stadt entworfen. Ich brauchte zwei Jahre, um Investoren zu überzeugen. Das überzeugendste Argument waren jedoch die Kosten – wir konnten zeigen, dass wir 20 bis 30 % günstiger bauen konnten. 

2025 wurde in den Giardini in Venedig der neue Rolex-Pavillon nach Entwürfen von Mariam Issoufou eingeweiht. © Rolex 

Sie erwähnten bereits, dass Sie zunächst Informatik studierten, bevor Sie Architektin wurden. Glauben Sie, dass diese Erfahrung für Sie immer noch wertvoll ist?
Am Anfang habe ich meine Erfahrung in der Softwareindustrie als etwas völlig Unabhängiges von der Architektur gesehen. Aber mit der Zeit wurde mir klar, wie sehr diese Ausbildung meine Arbeitsweise geprägt hat. Dadurch konnte ich neue Software schnell erlernen, bei Bedarf Skripte schreiben und technische Aspekte leichter verstehen als viele meiner Kollegen aus der Architektur. Außerdem war ich es als ehemalige Backend-Programmiererin gewohnt, Softwaresysteme von Grund auf neu zu entwickeln – was konzeptionell nicht viel anders ist als der Entwurf eines Gebäudes. Ich habe also keinen kompletten Bruch vollzogen, sondern lediglich die Problemlösungsinstrumente der Informatik auf die greifbarere, menschenzentrierte Welt der Architektur übertragen. 
 
Lesen Sie das vollständige Interview in Detail 3.2026 sowie in unserer Datenbank Detail Inspiration

Mariam Issoufou wurde 1979 in Saint-Etienne (Frankreich) geboren und ist im Niger aufgewachsen. In den USA studierte sie zunächst Informatik und arbeitete einige Jahre lang als Software-Entwicklerin. 2013 schloss sie an der University of Washington in Seattle ihr Zweitstudium der Architektur ab. Im Jahr darauf folgte die Gründung eines eigenen Architekturbüros in Niamey und 2023 die Eröffnung einer Niederlassung in New York. Seit 2022 lehrt Mariam Issoufou als Professorin für architektonisches Erbe und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich. 2025 erhielt Mariam Issoufou den Iconic Award als „Creator of the Year“. 



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