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Forschung & Entwicklung

Research | Forschung & Entwicklung

Topografische Supermodels: alpenverträgliche Bebauung von LAAC Architekten

Das Büro LAAC Architekten von Frank Ludin und Kathrin Aste in Innsbruck ist nicht nur mitten in den Alpen beheimatet, hier werden auch hybride und multifunktionale Bebauungsstrukturen entwickelt, die die alpine Landschaft geometrisch und morphologisch nachempfinden.

Alpen, Foto: Detail

Es gibt Dinge, über die man erst nachdenkt, wenn sie stören. Windräder sind so ein Beispiel. Windräder sind toll, sie bescheren uns sauberen Strom, machen keinen Lärm und keinen Dreck. Manche sehen unter Designaspekten betrachtet vielleicht gar nicht mal schlecht aus. Aber sie stellen auch einen massiven Eingriff in die Landschaft dar. Ein Feld mit Windrädern ist von funktionalen und ästhetischen Gesichtspunkten her gesehen fast eher einem Industriegebiet zuzuordnen als einer Naturlandschaft. Damit kann man sich anfreunden. Doch es gibt Landschaften, die sind vor allem eins: schön. Sicher, sie nützen auch etwas, man kann darin Ski fahren oder ein paar Kühe weiden lassen, aber solche Nutzungen sollen bitte nicht das Bild verändern, das wir von diesen Landschaften haben, und weshalb wir sie so gerne malen, fotografieren und filmen. Zu diesen topografischen Supermodels unter den Landschaften gehören ohne Zweifel die Alpen.

Alpine Hybrid: Lawinenschutz, Windkraftwerk, Aussichtsplattform

Die Alpen sind nicht nur eines der meistbereisten, sondern auch eines der meistfotografierten Gebirge der Welt. Der Alpentourismus lebt eben nicht nur vom großen Sport- und Freizeitangebot, sondern vor allem von den überwältigenden Panoramen, die sich dem Touristen hier bieten. Für den Begriff des Sublimen, des „Erhabenen“, „Ehrfurcht gebietenden“ finden sich in der Kunstgeschichte zahlreiche Referenzen an dieses Gebirgsmassiv. Kein alpiner Tourismusverband kommt ohne Fotos aus. Doch auch diese Bilder werden nachbearbeitet: Da verschwindet hier mal eine Stromleitung und wird dort mal ein Schutzbau wegretuschiert. Alles noch im Rahmen. Doch jetzt stellen Sie sich mal einen Windradpark in den Alpen vor! So ein Landschafts-Piercing würde einfach unsere komplette visuelle Aufmerksamkeit absorbieren.

Mögliche Verteilung von Power Plants

Doch er wird kommen, der Windradpark. Genauso wie Millionen von Solarpaneelen inzwischen die Satteldächer blühender Landschaften „schmücken“, genauso wächst der Druck auf die Alpenregion, für die Erzeugung erneuerbarer Energien zur Verfügung zu stehen. Denn in Österreich und der Schweiz hat man nun mal wenig andere Natur. Und genau hier kommen LAAC Architekten ins Spiel. Das Büro aus Innsbruck ist nicht nur mitten in den Alpen zu Hause, es entwickelt sich auch gerade zum Experten für die Gestaltung von Bebauungsstrukturen, die der alpinen Landschaft wie auf den steinernen Leib geschneidert scheinen. Die Entwicklung so genannter Power Plants ist dabei nur eines von vielen Beispielen, mit denen das Büro in zahlreichen Studien sowohl die Topografie und Geomorphologie des Gebirges erkundet, als auch  gestalterische Lösungsmöglichkeiten für zu erwartende Zielkonflikte zwischen ökologischer, ökonomischer und touristisch-ästhetischer Nutzung der Alpen anbietet.

Power Plants nach Sonneneintrag angeordnet

LAAC Architekten hinterfragen in diesem Zusammenhang den Begriff einer „Urbanisierung“ der Landschaft, wie er häufig in Bezug auf Verkehrs- und Ingenieurbauwerke im ländlichen Raum gebraucht wird. Deren Ästhetik resultiere nicht aus dem Rückgriff auf ein tektonisch-städtisches Vokabular, sondern vielmehr aus der konstruktiven Antwort auf topografische und infrastrukturelle Gegebenheiten und Anforderungen. In den eigenen Landschaftsanalysen erfassen LAAC die räumlichen Qualitäten der Landschaft mittels dreidimensionaler Diagramme. Alle Daten, die wichtig sind oder werden könnten, fließen hier ein: Größe, Materialität, Krümmung, Neigung, Lagebeziehung und Exposition. Neben solchen vor allem geometrischen Parametern werden auch Oberflächenbeschaffenheit und Bewuchs als „Subsysteme“ in die Analysen einbezogen, da sie Informationen vermitteln über dynamische Faktoren wie Jahreszeiten, Sonneneinstrahlung und Erosion. Damit kommt zum „3D-Scannen“ der Alpenoberfläche auch noch die vierte, zeitliche Dimension hinzu.

"Bewuchs" eines Hügels mit Power Plants

Aus den so gewonnenen Datenmodellen entwickeln LAAC verschiedene Formelemente, die modular aufgebaut und den Gegebenheiten der Topografie angepasst werden können. So geht es bei den Power Plants beispielsweise um Solarzellen, deren Einzelform dem Verlauf der Gebirgslandschaft folgt, sogar die Sonneneintrags-Spitzen werden formalgeometrisch berücksichtigt. Andere Elemente dienen sowohl als Mini-Windkraftwerke als auch als Lawinenschutz. Solche hybriden oder gar multifunktionalen Strukturen zu entwickeln, ist LAAC besonders wichtig: Alpine Hybrids nennen sie Bauwerke, in denen sie verschiedene Funktionen alpiner Infrastrukturen – wie Schutzbauten – mit Energieträgern und Touristenattraktionen – wie Aussichtsplattformen – verknüpfen.

Alpine Hybrid: Lawinenschutz, Windkraftwerk, Aussichtsplattform

Dabei spielt neben den technischen und formalen Aspekten dieser Elemente die Wahrnehmung der Landschaft aus unterschiedlichen Distanzen eine entscheidende Rolle. Die Grenzwirkung einer Gebirgssilhouette ist aus der Ferne betrachtet äußerst markant, anders als bei einer modernen Stadt, die in die Peripherie „ausläuft“. Das Bebauen dieses „Horizonts“ kommt für LAAC daher einem „Markieren“ gleich, das irritierend auf den Betrachter wirke. Allerdings lässt sich entgegenhalten, dass es doch sehr darauf ankommt, wie der Horizont bebaut wird – die Ausdruckskraft vieler mittelalterlicher Gebirgsfestungen, angefangen bei Peyrepertuse und San Jordy, lebt ja gerade vom Bebauen – oder Weiterbauen – dieses Horizonts. Zugegebenermaßen können diese Burgen jedoch keinen Strom produzieren oder Lawinen aufhalten.

 

Power Plants: Windkraftmodul mit Lawinenschutz

Power Plants: Solarmodul

Ganz unabhängig davon, wie man die Entwürfe von LAAC Architekten im Einzelnen beurteilt, spiegeln sie die intensive Beschäftigung mit der Morphologie des Gebirges und seiner weiteren Eigenschaften. Ihre Forschung kann eine Grundlage dafür sein herauszufinden, welche Kriterien berücksichtigt werden müssten, sollte der Alpenraum tatsächlich als Baugrund zur Errichtung regenerativer Energieträger herangezogen werden. Und zwar, bevor diese uns stören.
(Cordula Vielhauer)

Weitere Informationen:
www.laac.eu
Im Dezember 2012 sprachen wir in München mit LAAC Architetken im Rahmen unserer achten Architektur-Gesellschaft, einer Diskussionsveranstaltung von DETAIL.

Von Cordula Vielhauer
27.03.2013
Alpen , LAAC , Lawinenschutz , Schutzbau , solar energy , Solarenergie , Windenergie
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