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Das Detail als Entschleunigungs-Moment: Hella Jongerius’ Entwurf für die KLM-Business-Class

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Mit ihrer Neugestaltung der Business-Class der niederländischen Fluggesellschaft KLM, die im Frühjahr 2013 vorgestellt wurde, schafft die holländische Designerin Hella Jongerius (Jongeriuslab) nicht nur einen komfortablen Aufenthaltsort für Geschäftsreisende während der Flugzeit. Ihr Ziel war es auch, an diesem Ort höchster Geschwindigkeit einen Raum der „Entschleunigung“ zu kreieren, an dem man sich zurückziehen und zur Ruhe kommen kann. Wir trafen Hella Jongerius in ihrem Atelier in Berlin und sprachen mit ihr über die unterschiedlichen Welten des Fliegens und der Gestaltung – und über die Bedeutung des Details in ihrer Arbeit.

Neue Business Class der KLM, Design: Jongeriuslab

Nicht erst in seinem Essay „Rasender Stillstand“ beschreibt der Philosoph (und Architekt) Paul Virilio die Beschleunigungsprozesse in unserer Gesellschaft – und deren Auswirkungen. Die latente Aggressivität dieser fast all unsere Lebensbereiche umfassenden Dynamik ist das Grundthema, das sich durch Virilios Werk zieht. Es geht um die Beschleunigung menschlicher Körper in mobilen Fahrzeugen und die damit verbundene veränderte Wahrnehmung von Fernem und Nahem, Distanz und Nähe. Es geht um die Eroberung des Weltraums, um die Beschleunigung der kleinsten Materienelemente – der Atome – in Teilchenbeschleunigern und die Verführung des Menschen zur quasi-gleichzeitigen Teilhabe an allem – dank elektronischer Kommunikationsmedien. Die Welt, auf die wir in Virilios Beschreibungen zusteuern oder vielmehr zurasen, ist eine fast schwerelose, auf den Augensinn reduzierte und damit nahezu entsinnlichte. Die „Wolke“ oder „Cloud“ – als ort- und materieloser Speicher schier unbegrenzter medialer Informationen – steht heute nicht nur als Sinnbild und Metapher für einen Endpunkt dieser Entwicklung, sie ist Realität.

Konzeptzeichnung für das neue Design der KLM Business Class von Jongeriuslab, Zeichnung: Dorothee Billard
Konzeptzeichnung für die Trennung zwischen KLM Business Class und Economy Class von Jongeriuslab, Zeichnung: Dorothee Billard

Interessant ist es daher, dass nun genau im schnellsten aller verfügbaren Fahrzeuge – dem Flugzeug – und damit an dem Ort, an dem man den realen Wolken am nächsten ist, nun gerade kein Zugriff auf den virtuellen Speicher der „Cloud“ möglich ist: Im Flugzeug herrscht Funkstille, denn die Internetverbindung schweigt. Wie lange dies noch so sein wird, sei einmal dahin gestellt. Tatsache ist jedoch, dass selbst in der Business Class heute das Arbeiten nur ohne Internetzugang möglich ist. In einer Welt, in der dieser Zugang jedoch fast schon die Voraussetzung für das Arbeiten – und kommunizieren – überhaupt ist, – und gerade bei Passagieren der Business Class nimmt das elektronische Kommunizieren einen Hauptteil der Zeit ein, dachte sich die Designerin Hella Jongerius: Warum sollte man nicht genau diesen „Mangel“ an Arbeits- und Kommunikationsmöglichkeit als Chance erkennen? Ihn zum Ausgangspunkt für einen Entwurf machen, der die Business Class von einem Ort der Arbeit in einen Ort der Entspannung und des Rückzugs transformiert? Auf dem blitzschnellen Transit zwischen zwei Orten kann der Reisende selbst zur Ruhe zu kommen. Die Gestaltung der Business-Class für KLM von Hella Jongerius wirkt dabei wie ein umgekehrter Katalysator. Doch wie funktioniert diese „Verlangsamung“?

Doppelsitz "Diamond" der KLM Business Class, gestalterische Anpassung von Jongeriuslab
Kissen mit zwei unterschiedlichen Bezügen

Da sind zunächst die Farben. Die Farbexpertin Jongerius schafft mit fünf erdigen Tönen – Aubergine, Dunkelblau, Nachtblau, Kobalt, Dunkelgrau – eine Kontrastfamilie zum strahlenden Himmelblau der Corporate Colour von KLM. Damit „erdet“ sie den Raum optisch, kreiert durch die verschiedenen Töne aber auch individuelle „Sitzräume“ für die einzelnen Passagiere. Gleichzeitig wird die Kabine der Business Class dadurch weniger leicht überschaubar als bei einer monochromen Farbgebung: Der Blick wird eingeladen, auf den einzelnen Farbflächen zu verweilen und die unterschiedlichen Nuancen wahrzunehmen. Dafür gibt es sogar eine historische Referenz in der Geschichte von KLM: „Der Architekt Gerrit Rietveld hatte bereits in den fünfziger Jahren ein polychromes Interiordesign für KLM vorgeschlagen,“ so Jongerius. „Die von ihm favorisierten leuchtenden Gelbtöne kamen zwar nicht zum Einsatz, dennoch gehört dieser Entwurf zur Designgeschichte des Unternehmens.“

Entwurf von Gerrit Rietveld für die KLM-Business-Class
Entwurf Jongeriuslab für die KLM-Business-Class

Die Umgestaltung des Sessels, für die Jongerius im Laufe des Prozesses ebenfalls beauftragt wurde, unterstützt sowohl die räumliche Abgrenzung des einzelnen Passagiers als auch die sinnschärfende Wahrnehmung: So wurde die Form des Sessels reduziert und begradigt, die Seitentrenner erhöht und ihre künstliche Materialität durch eine natürliche – gebürstetes, perforiertes Aluminium – ersetzt, handgenähtes Leder umspannt nun die Armlehnen, die Bezüge sind aus für Flugzeuge zugelassener Wolle. Die hochtechnifizierten Sessel, in denen unter anderem die gesamte Elektronik für die Bildschirme auf der Rückseite untergebracht ist, werden von den Fluggesellschaften nur eingekauft und ihren Bedürfnissen angepasst, jedoch nicht selbst entworfen. Auch hier trafen mit der kulturellen Welt des Gestaltens und Machens, die Zeit braucht, und der Geschäftswelt der Flugzeugindustrie, die vorhandene Produkte lediglich einkauft und customized, zwei verschiedene Welten und Zeitkonzepte aufeinander. Im Fall von KLM und Jongeriuslab haben sie jedoch – im Rahmen eines gegenseitigen Lernprozesses – harmoniert.

Skizze für die Sitze, Jongeriuslab
Farb- und Textur-Collage für die Sitze, Jongeriuslab

Beim Sitz, für den Jongerius zusätzlich zum Wollbezug auch Schlafdecke und -kissen entwarf, sind letztere mit zwei verschiedenen Textilien bezogen. Die Innenseite, die am Körper anliegt, ist aus frischem weißen Stoff. Die Außenseite, die zum Flugzeugraum zeigt, entspricht in Haptik und Design den plissierten Vorhängen, die Business und Economy Class voneinander trennen. Das immer wieder kehrende Punktmuster auf den Textilien – für die Kabinenrückwand wurde ein eigenes, handgepunktetes Design entwickelt –, hat vielerlei Bezüge und spielt eine große Rolle in Jongerius’ Arbeit. Einerseits „hat der Punkt einfach eine gute Form, er schafft einen eigenen Raum um sich herum“, wie die Designerin selbst sagt, gleichzeitig ist der Punkt auch – im Gegensatz zur dynamischen Linie – ein Element aus der Welt des Statischen, und unterstützt in diesem Zusammenhang auch grafisch das Konzept der „Entschleunigung“.

Detail der Vorhänge, Jongeriuslab
Punkt aus Punkten im KLM-Logo und handgepunktetes Dessin der Kabinenrückwand

Und es sind die Details, auf die es Jongerius ankommt: „Es geht mir nicht um handgestickte Bordüren. Aber ich möchte mit meinem Design ein menschliches Element in die technische Welt des Fliegens einführen. Die Kunst besteht darin, Industriedesign zu machen, das einen handwerklichen Charakter hat – und dennoch industriell gefertigt wird. Und ich möchte Materialien einführen, die eine hohe haptische Qualität besitzen: Wolle, Leder, Aluminium – anstatt überall Kunststoff.“ Eine besondere Rolle spielt dabei der Teppich: Er ist das erste Produkt in der Flugzeugindustrie, das nach den Nachhaltigkeits-Prinzipien des Cradle-to-Cradle entwickelt wurde. Er besteht aus den wiederverwerteten Personal-Uniformen von KLM, hinzu kommt Wolle von Schafen, die nicht für die Wollverarbeitung vorgesehen waren, der frühere Teppich wurde recycelt. Mit einem Bodenbelag aus lauter Resten konnte so ein Design verwirklicht werden, das einerseits dunkel genug und damit robust und schmutzresistent ist, gleichzeitig blinken darin hellblaue Punkte auf – wie Sterne. 

(Cordula Vielhauer)

Weitere Informationen:
www.jongeriuslab.com

Recycling-Elemente des Bodenbelags
Detail des Teppichs mit eingewebten Uniform-Resten
Tabletts mit Punkt-Design
reduziertes KLM-Logo
"Flying through the Night", Konzeptzeichnung: Dorothee Billard für Jongeriuslab
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