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Die Gebäudehülle im Wandel der Zeit von 1950 bis heute

Binnen zweier Generationen haben sich Funktion und Bild der Gebäudehülle radikal verändert – von der Sparfassade der Nachkriegszeit über die experimentell geprägte Materialvielfalt der Wirtschaftswunderzeit bis hin zur energetisch optimierten Gebäudehülle infolge der Ölkrise. Der dringend nötige Wärmeschutz stülpte den leicht verhüllten Gebäuden von einst einen dicken Mantel über und droht inzwischen das Porträt unserer Ahnen da­runter zu ersticken.

Als Kind war ich immer fasziniert von den filigranen Eisblumen, die der nächtliche Frost an die dünnen Scheiben des Küchenfensters im Nachkriegsbau meiner Großeltern zauberte. Jeden Morgen hatte sich aus der abgekühlten Raumluftfeuchte eine neue Fantasie anregende Struktur an der kalten Glasoberfläche herauskristallisiert, bis irgendwann mein Opa die alten einfach verglasten Fenster mit ihren dünnen Holzrähmchen durch moderne Isolierglasfenster aus Kunststoff ersetzte. Später dann, als ich mit meinen Eltern kurz nach der Ölkrise in den 1970er Jahren unser Einfamilienhaus im Neubaugebiet bezogen hatte, war mein Lieblingsplatz vor der Heizkörpernische unterm Fenster, wo es allerdings auch nicht so richtig warm werden wollte. Erst nach meinem Architekturstudium verstand ich, dass es der 24er-Außenwand aus Hohlblocksteinen schlicht an Wärmedämmung fehlte.

Als ich endlich mein Diplom in der Tasche hatte, outete ich mich recht bald als Verfechter von Solararchitektur und dick eingepackten Passivhäusern, nur um bald festzustellen, dass viele Bauherren den gut gedämmten und luftdichten Gebäudehüllen misstrauten, weil sie Angst hatten, darin zu ersticken und eine Lüftungsanlage kategorisch ablehnten. Offenbar hat die Geschwindigkeit, mit der sich der Wandel der Gebäudehülle in den letzten 50 Jahren vollzog, die Nutzer, oder besser, die Nutznießer total überfordert. Was war geschehen?

1950
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Wohnraum Mangelware. In den Städten hatte der Bombenhagel der Alliierten ganze Straßenzüge und Wohnviertel ausradiert. Die Zeit des Wiederaufbaus war geprägt von reger Bautätigkeit allerorten, überall schossen zwischen Ruinen neue Stadthäuser in die Höhe und gründeten sich Siedlungen mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, bald gesellten sich mehrgeschossige Wohnblocks und Reihenhausketten dazu. Allen Gebäuden, die in den 1950er Jahren innerhalb kürzester Frist hochgezogen worden waren, fehlte es jedoch an hochwertigem Baumaterial. Je nach Grad der Stadtzerstörung bedienten sich die Baufirmen an gebrauchten Backsteinen, welche die Trümmerfrauen mühsam von Hand aus den Schuttbergen aussortiert und gesäubert hatten. Sobald eine Wohnung fertig war, wurde sie bezogen, niemand störte sich an Baufeuchte oder wagte gar Baumängel zu beklagen – wichtig war allein, den Winter geschützt und gewärmt innerhalb von vier Wänden zu überstehen. Man begnügte sich mit einer Raumtempe-ratur von bestenfalls 19 °C, geheizt wurde meist raumweise mit Einzelöfen, die gängigen Brennstoffe Holz, Koks und Kohle hielten das Feuer auf Sparflamme.

Der Wärmeschutz der Gebäudehülle spiel-te damals schlicht keine Rolle – die 1952 eingeführte DIN 4108 hob primär auf hygienische Wohnbedürfnisse ab, das Thema Energieeinsparung hatte die neu gegründete Bundesrepublik noch nicht im Visier. So überrascht es nicht, dass die U-Werte der Außenwände, Fenster und Dächer damals miserabel waren und der Energiebedarf zwischen 30 und 35 Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr lag. Wer zu jener Zeit nach Dämmstoffen fragte, erntete verständnislose Blicke und musste sich mit Schulterzucken zufrieden geben.

1960
Im nächsten Jahrzehnt änderte sich allmählich das Bild. Zu den schlichten Gebäuden der 1950er Jahre gesellten sich jetzt Wohn- und Objektbauten mit einer neuen Formen- und Materialsprache und großzügigeren Grundrissen. In den Siedlungshäusern stieg nach und nach die Wohnqualität, man begann damit, Keller gegen Feuchte abzudichten und ersetzte die Einzelöfen durch die Zentralheizung. Der Baustoff Beton eroberte die Architektur und schob sich immer prägnanter in das Stadtbild – anstatt verputzter Mauerwerkswände zeigten die filigranen Neubauten jetzt nackten Sichtbeton, zum Steildach gesellte sich das Flachdach. Das Tragwerk änderte sich von der gemauerten Lochfassade zur modernen Skelettbauweise mit hervorstehenden Lisenen, Trägern, Stützen und langen Fensterbändern – einhergehend mit vielen Undichtigkeiten und Wärmebrücken, an denen sich heute noch Planer die Zähne ausbeißen. Immerhin aber war inzwischen der Acker für die Dämmung der Gebäudehülle bestellt: Bereits am 7. Oktober 1959 hatte der Anstrichtechniker Edwin Horbach erstmals ein System zur »Verkleidung von Außenwänden durch aufgeklebte Schaumstoffplatten und eine die Platten bedeckende Außenschicht« zum Patent angemeldet. Es war die Geburtsstunde der Wärmedämm-Verbundsysteme, die aber bis zu ihrem Durchbruch noch den Ölschock in den 1970er Jahren abwarten mussten. So lange blieb den Dämmpionieren in der Bauindustrie Zeit, ihre Systeme zu perfektionieren, während sich die Architekten begeistert der neuen Materialvielfalt stellten und rege davon Gebrauch machten: Kunststoffe, Naturstein, Stahl, Aluminium, Messing, Faserzement und Glas eroberten die Fassaden.

 

1970
Die 1970er Jahre hätten die Gebäudehülle energetisch wohl kaum vorangebracht, wäre der Ölpreis nicht binnen weniger Jahre um das Vierfache von 3 US-Dollar auf über 12 Dollar pro Barrel (159 Liter) in die Höhe geschnellt. Auf das Sonntagsfahrverbot folgte bald das erste Energieeinsparungsgesetz, das kurz darauf ein ganzes Bündel an Verordnungen zur Energieeinsparung ergänzte – darunter die erste Wärmeschutzverordnung von 1977. Diese galt zwar nur für Neubauten und verschärfte den damaligen k-Wert für die Bauteile der Gebäudehülle nur unwesentlich, löste aber eine umfangreiche Debatte über das energiesparende und ökologische Bauen aus. Während die einen das Heil allein darin sahen, die Gebäude mit Styroporplatten einzupacken, versuchten andere durch eine transparente Bauweise die kostenlose Sonnenenergie anzuzapfen. Es sollten noch Jahre vergehen, bis sich die beiden extremen Positionen in vernünftigen Bahnen aufeinander zu bewegten. Sowohl die ersten Wärmedämm-Verbundsysteme mit 5 bis 8 cm dünnen Dämmplatten als auch die frühen handgestrickten Solarkonzepte reduzierten den Energiebedarf der Gebäude im Vergleich zu heutigen Standards nur marginal. Man begann zu begreifen, dass der Erfolg energetischer Konzepte wesentlich davon abhängt, wie eng sie mit der Planung der Gebäudehülle verknüpft sind. So kam der unbeheizte Wintergarten als Vorbote der Solararchitektur ins Spiel, und die ersten Experimente mit Wärmepumpe und Kollektoren versprachen zaghaft mögliche Alternativen zu den fossilen Energieträgern.

Doch nicht nur die energetischen Fortschritte hinterließen Ausgangs der 1970er Jahren ihre Spuren im und am Gebäude, auch das industrielle Bauen und die Möglichkeiten der Vorfertigung veränderten maßgeblich das Gesicht der Städte, vornehmlich aber der Stadtrandbezirke: Im Osten wie im Westen der Republik befeuerten Großtafelbauweise und Fertigteilbausysteme die Gründung von Trabantenstädten, um die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum zu befriedigen. Erkauft wurden die rationell hergestellten, uniformen Wohnsilos mit tristen Fassaden und ungünstigen Wohnungszuschnitten, die dem Produktionsraster geschuldet waren. Gar nicht zu reden von der minderwertigen Qualität der Fenster und Türen und dem dürftigen Wärmeschutz.

1980
Gleich zu Beginn des nächsten Jahrzehnts belegte die »Energiewende-Studie« des neu gegründeten Öko-Instituts mit einer Szenariorechnung, dass der Energieverbrauch bei steigendem Wohlstand halbiert werden könne. Und in Aachen wurde am Philips-Solarhaus messtechnisch bewiesen, dass der Wärmeschutz den entscheidenden Beitrag zur Energieeffizienz eines Gebäudes liefert und die Voraussetzung für die erfolgreiche Nutzung erneuerbarer Energien ist. Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass es in unserer Klimaregion mit nahezu halbjähriger Heizperiode weitaus erfolgversprechender ist, die Wärmeverluste durch ausreichende Gebäudedämmung zu reduzieren, anstatt im Winter auf solare Erträge zu setzen. Die Definition des Niedrigenergiehauses mit einem jährlichen Heiz-wärmebedarf von 30 bis 70 kWh/m2 Wohnfläche setzte sich durch, dessen Merkmale neben einem – für damalige Verhältnisse – hervorragenden Wärmeschutz auch die Vermeidung von Wärmebrücken vorsah und auf eine möglichst kompakte und luftdichte Bauweise abhob. Die 1984 novellierte WSVO hingegen brachte für den Neubau keine aufsehenerregenden Standards und beließ es bei moderaten Anforderungen für den dringend sanierungsbedürftigen Altbaubestand. Die träge Ziegelindustrie konnte aufatmen.

Gebäudehülle, Siegele
Wie ein Schutzschild umhüllt die aus Glas und PV-Modulen bestehende Fassade die neue Hauptverwaltung der Volksbank in Karlsruhe, die unter Betrachtung der Ganzjahresenergiebilanz als Nullenergiegebäude geführt wird. Foto: Schüco International, Bielefeld

1990 bis heute
Binnen 20 Jahren hat sich das Bild um 180 Grad gedreht – die anfangs belächelten Passivhäuser setzen inzwischen den förderfähigen Standard für zukunftsfähige und energetisch effiziente Gebäudekonzepte: Die 2002 eingeführte EnEV geriet mit jeder Novellierung zum unberechenbareren Angstgegner der Architekten. Inzwischen haben sich Berechnungsmethoden und energetische Detailplanung so weit von der Praxis entfernt, dass die Forderungen nach einfachen, eindeutigen und schlanken Verordnungen sowie planungssicheren Vorgaben für einen effizienten Wärmeschutz immer lauter werden. Architekten sehnen sich nach der Zeit zurück, als ihnen mit den maximalen U-Werten der Bauteile handelbare Kenngrößen zur Verfügung gestellt wurden, die sie ihren Bauherren auch vermitteln konnten. Zudem wächst die Angst, dass dem kollektiven Dämmrausch auch die vielen schönen Fassaden der Gründerzeit, aber auch vorbildliche Bauten der 1950er und 1960er Jahre zum Opfer fallen. Die tatsächlichen Sanierungspotenziale, insbesondere bei dem Altbaubestand aus der Zeit vor 1978, werden erheblich überschätzt, nicht zuletzt, weil sich die notwendigen Investitionen nicht in allen Regionen über die Mieteinnahmen refinanzieren lassen.

Hinkte die Regierung bis zur Jahrtausendwende mit den Verordnungen zur Energieeinsparung bei Neu- und Altbauten dem tatsächlich Machbaren ständig hinterher, so neigt sie jetzt dazu, mit überzogenen Forderungen und vor allem hoch komplizierten Nachweisverfahren die Einsicht der Planer und Investoren für die dringend notwendige Fokussierung auf energiesparende Gebäudekonzepte zu verspielen. Etwas mehr Fingerspitzengefühl und eine fachlich versierte Differenzierung bei den Anforderungen an Altbauten sowie klare und in den Planungs- und Bauprozess einbeziehbare Grenzwerte an den Wärmeschutz der Gebäudehülle von Neubauten wären wünschenswert.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 4/2011

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