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Sanierung oder Neubau? Die Diskussion geht weiter

Als „revolutionär “ bezeichnet nicht nur Angela Merkel, sondern auch die „Plattform Nachwuchsarchitekten“ das neue Energiekonzept der Bundesregierung. Letzteres jedoch ist ironisch gemeint: In ihrer jüngsten Stellungnahme kritisiert die Berliner Vereinigung vor allem den noch immer stiefmütterlichen Umgang mit der Altbausubstanz in Deutschland.

Die schwarz-gelbe Regierung in Berlin nimmt stillschweigend Abschied vom gesellschaftlichen Konsens, dass die Sanierung von Altbauten Vorrang haben müsse vor Abriss und Neubau. Das zumindest behauptet die Plattform Nachwuchsarchitekten in ihrer Stellungnahme. Darin heißt es: „ Die unselige Abwrackprämie hat ihren Weg ins ‚revolutionäre’ Energiekonzept der Bundesregierung gefunden, das gerade am 28.9.2010 im Bundeskabinett verabschiedet wurde. Abwracken heißt darin jetzt ‚Ersatz-Neubau’ schaffen und soll den Abriss von Gebäuden in Zukunft förderfähig machen! Man glaubt nicht richtig zu lesen, bei solchem Wahnsinn. Wir kennen diese verlogene Terminologie schon vom Abriss des Palastes der Republik, den man als ‚selektiven Rückbau’ bezeichnete und der am Ende doppelt so viel kostete wie veranschlagt. Wem bitte nutzen Abrisse intakter Konstruktionen, außer der Beton- und Asbestlobby? Welch ein Rückschlag für die nachhaltige Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden, die gerade mühsam ihren Weg ins Bundesbauministerium gefunden hat.“

Es ist indes nicht nur die „Beton- und Asbestlobby“, die derzeit die Trommel rührt für das Konzept „Abriss und Ersatzneubau“. In einer Pressemitteilung des Ziegelherstellers Unipor heißt es: „ Der demografische und soziokulturelle Wandel der Gesellschaft hat auch Folgen für den Wohnungsmarkt. Verschiedene Institute erwarten in diesem Kontext bis 2025 einen Neubaubedarf von knapp 400.000 Wohnungen pro Jahr, um Deutschland mittelfristig mit bezahlbarem, qualitativ angemessenem Wohnraum zu versorgen. Derzeit befindet sich der Wohnungsneubau in Deutschland jedoch mit rund 151.500 Fertigstellungen auf einem historischen Tiefstand. Zurückzuführen ist dieser Mißstand unter anderem auf politische Rahmenbedingungen: Denn die staatlichen Förder- und Steuerinstrumente orientieren sich nicht an der Altersstruktur des Wohnungsbestandes, an der demographischen Entwicklung der Bevölkerung oder an den sich verändernden Wohnbedürfnissen. Zudem behindert die auf die energetische Sanierung fokussierte staatliche Förderung zunehmend auch den in bautechnischer, wohnungswirtschaftlicher und ökonomischer Hinsicht sinnvollen Abriss und Ersatzneubau.“

Zur Begründung weist Unipor vor allem auf den Wohnungsmangel in deutschen Ballungsräumen hin und beruft sich dabei auf (in der Pressemitteilung nicht näher genannte) Studien des Eduard-Pestel-Institutes und der LBS Research: „Als ‚defizitär’ bewerten die Experten des Eduard-Pestel-Institutes die gegenwärtige Wohnungsmarktsituation. So fehlen in städtischen Zentren wie Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München derzeit zwischen 80.000 und 90.000 Wohnungen. Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem die politischen Rahmenbedingungen, die Wohnungsbau-Investitionen zunehmend unrentabel machen. Gleichzeitig werden bundesweit steigende Haushaltszahlen erwartet – auch in Kleinstädten und auf dem Land. Bedarfsorientierter, altersgerechter Wohnraum wird zur Herausforderung des Wohnungsmarktes der Zukunft. „Vor diesem Hintergrund ist zusätzlicher Neubau dringend nötig, um in Stadt und Land den Wohnraumbedarf der Bevölkerung zu befriedigen“, fordert [der stellvertretende Unipor-Vorsitzende] Kunibert Gerij. Eine Einschätzung, die auch von den LBS Research-Experten bestätigt wird: Ihnen zufolge muss die Umwidmung bestehender Gebäude und der Abriss nicht mehr marktgerechter Wohneinheiten zunehmen und durch entsprechenden Neubau kompensiert werden. Nur so könne der Wohnraummangel, den die Menschen in den Ballungsräumen bereits heute zu spüren bekommen, abgewendet werden.“

Von „unrentablen Wohnungsbau-Investitionen“ kann jedoch in den Ballungsräumen kaum die Rede sein. Es müsste eher „unerschwinglich“ heißen. Der angebotene innerstädtische Wohnraum ist für immer größere Teile der Bevölkerung unbezahlbar. Die Städte haben jedoch erkannt, dass zusätzliche Wohnungsangebote unabdingbar sind – kommen allerdings oftmals nicht mit der Umwidmung entsprechender Innenstadtflächen „hinterher“ oder sind – wie im Fall Stuttgarts – durch topografische Zwänge eingeengt. Die Folge: Für Investoren lohnt sich nur noch der Bau hochpreisiger Objekte.

Zu guter Letzt führt die Mitteilung auch noch das Argument ins Feld, das bei dieser Art von Diskussionen meist zu hören ist: Arbeitsplätze. „ Die Fehleinschätzung ‚Deutschland ist gebaut’ hat erhebliche Auswirkungen auf die Bau- und Immobilienwirtschaft. An der gesamten deutschen Bruttoinlandsproduktivität hat sie noch einen Anteil von circa 21 Prozent. Zudem ist die Zahl der Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe von 1,4 Millionen in 1995 auf derzeit rund 0,7 Millionen zurückgegangen. Der massive Verlust von Arbeitsplätzen summiert sich durch Insolvenzen vieler kleinerer, mittelständischer Unternehmen. Der ehemalige Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee hat noch 2006 festgestellt, dass Bauinvestitionen in Höhe von einer Milliarde Euro 25.000 Arbeitsplätze schaffen beziehungsweise sichern.“

Auch dieses Argument ist zu hinterfragen: Um Arbeitsplätze zu schaffen, ist es nicht zwingend erforderlich, dass Neues gebaut wird. Auch Sanierungsprojekte schaffen Arbeitsplätze – wenn sie denn im nennenswerten Umfang durchgeführt werden. Dass davon die Ziegelindustrie selten profitiert, dürfte klar sein. Ebenso klar sein muss aber auch: Wo in Zukunft Arbeitsplätze entstehen, richtet sich nicht zuletzt nach den ökologischen und sozialen Präferenzen, die eine Gesellschaft setzt. Und einen Paradigmenwechsel nur deshalb abzulehnen, weil er in etablierten Industriesektoren Arbeitsplätze verschwinden lässt (dafür aber womöglich anderswo ungleich mehr schafft), wäre sicher verfehlt.

Wie heißt es dazu doch in der Verlautbarung der „Plattform Nachwuchsarchitekten“: „ Was können wir aus der Misere machen? Öffentliche und private Bauherren fachkompetent überzeugen, überzeugen, überzeugen, dass es sich lohnt in den Gebäudebestand zu investieren, statt immer den Neubau auf der grünen Wiese im Blick zu haben: aus ökologischen, aus wirtschaftlichen und aus sozialen Gründen! Das wäre eine Revolution.“

Zur Stellungnahme der Plattform Nachwuchsarchitekten
Zur Presseveröffentlichung von Unipor zum Thema „Abriss und Ersatzneubau“

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