Ein Dorf auf dem Dach
Kinderspital in Zürich von Herzog & de Meuron
Die Tür steht immer offen: Zwei holzgefüllte Stahlbetonrahmen betonen den Eingang. Sie lassen sich nicht bewegen. © Maris Mezulis
„Das neue Haus soll funktionieren wie eine hochmoderne Klinik, aber es soll nicht so aussehen“, war die Prämisse der Eleonorenstiftung für den Bau des neuen Kinderspitals im Zürcher Gesundheitscluster Lengg. Das Planungsteam von Herzog & de Meuron trennte die Forschungsinfrastruktur vom Klinikbetrieb und schuf zwei völlig unterschiedliche Baukörper: Einen zylindrischen Forschungsturm und ein flaches, weitläufiges Akutspital. Mit einer filigranen Holzfassade schmiegt es sich in die Parklandschaft in der 250 Obstbäume neu gepflanzt wurden. Mit viel Holz und Naturnähe ist es ganz auf Heilung ausgerichtet.


Forschungs- und Klinikbetrieb sind voneinander getrennt. Rechts erhebt sich der weiße, zylindrische Forschungsturm, links schmiegt sich das Akutspital in seine grüne Umgebung. © Maris Mezulis
Menschlicher Maßstab
Mit nur drei oberirdischen Geschossen bleibt das Gebäude im menschlichen Maßstab. Nord- und Südfassade wölben sich in einer konkaven Linie dynamisch nach innen. Mit der Fassade aus Douglasie könnte man den Stahlskelettbau auf den ersten Blick für einen Holzbau halten. Auf jeder Ebene setzen die Planenden das Holz anders ein: Im Erdgeschoss gliedern Stahlbetonscheiben die zurückgesetzte Lochfassade mit einer Boden-Deckelschalung in unregelmäßigem Abstand. Im Obergeschoss wechselt das Achsraster in einen gleichmäßigeren Rhythmus. Eine hölzerne Schicht mit Brise-Soleil schützt die Büros hinter der Pfosten-Riegelfassade vor Einblicken. Die Bettenstation auf dem Dachgeschoss ist in Holztafelbauweise errichtet. Mit unterschiedlich geneigten Pultdächern auf den Zimmern wirkt sie wie ein kleines Dorf.


Die Funktion der Räume ist an der Fassade ablesbar. Behandlungsräume im Erdgeschoss, Büroräume im ersten Obergeschoss und die Patientenzimmer im Dachgeschoss. © Michael Schmidt
Spielerische Kunst
Der Weg ins Spital führt durch zwei riesige Flügel einer immer offenstehenden Tür über eine niedrige Passage in den runden Innenhof. Zwischen hochgewachsenen Akazien und Findlingen, die beim Aushub des felsigen Untergrunds zum Vorschein kamen, führt ein geschwungener Weg zum Haupteingang. Abstrakte Marmorskulpturen, die an die Ohren von Kaninchen erinnern, laden die Kinder zum Klettern ein. Das Werk der Künstlerin Claudia Comte ist eines von fünf Kunstwerken, die das Haus spielerisch beleben. Raphael Heftis „Sternenbohnen" taucht die Wendeltreppe in Neonlicht, Roman Signers rote Kanus scheinen in einem Innenhof in die Tiefe zu stürzen, Haegue Yangs Glöckchenvorhang klingt im Raum der Stille – und James Turrells „Skyspace Sustenance" öffnet sich als frei zugänglicher Lichtraum bei trockenem Wetter zum Himmel.


Rote Kanus scheinen in die Tiefe zu stürzen. © Michael Schmidt
Licht und Grün
Im Inneren organisieren Herzog & de Meuron die Räume entlang eines 200 m langen Boulevards. Den Weg weist das Material: Der Boden aus Gussestrich und eine Deckenuntersicht aus Holzlamellen kennzeichnen die öffentlichen Bereiche. In den „Nebenstraßen“ markiert ein Wechsel zu weißen Metalldecken und grauem Linoleum den Eintritt in die halbprivaten Zonen. Insgesamt 16 Innenhöfe brechen den weiten Grundriss auf und durchdringen das Spital mit Licht und Grün. Sie sind gefasst von unterschiedlich gestalteten Fassaden. So entsteht eine Kleinteiligkeit, die an die Hinterhöfe einer Stadt erinnert.


Unterschiedlich gestaltete Innenhöfe bringen Licht und Grün ins Haus. © Michael Schmidt


© Maris Mezulis
Zuhause auf Zeit
Im Dachgeschoss wohnen die Kinder und Jugendliche, die länger im Spital bleiben müssen, im 114 Zimmern, die wie kleine Hütten entlang der Fassade angeordnet sind. Von hier aus können sie durch große Verglasungen weit blicken: Ins Grüne, zum See, oder zum Hubschrauberlandeplatz der benachbarten Klinik. Die Sitzbank kann zum Bett umfunktioniert werden und erlaubt den Eltern bei ihrem Kind zu übernachten. Die Bullaugen zur Belüftung können die Kinder selbst öffnen. So können sie Wind und Geräusche aus der Welt außerhalb des Spitals unmittelbar erleben. Holzverschalte Decken, Eichenparkett und moderne Möbel aus Mehrschichtplatten schaffen eine Umgebung, die sie den Klinikalltag ein wenig vergessen lässt.
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Architektur: Herzog & de Meuron
Bauherr: Kinderspital Zürich/ University Children`s Hospital Zurich
Standort: Lenggstrasse, Zürich (CH)
Tragwerksplanung: ZPF Ingenieure, Basel (CH)
Landschaftsarchitektur: August + Mergrith Künzel Landschaftsarchitekten, Binningen (CH); Andreas Geser Landschaftsarchitekten
TGA-Planung: Gruner, Basel (CH)
Fassade: Pirmin Jung Ingenieure, Rain (CH); Buri Mueller Partner, Burgdorf (CH)


















