Ablesbare Zeitschichten
Sanierung und Erweiterung Meeresmuseum Stralsund von Reichel Schlaier
Der Bestand des Meeresmuseums wurde mit drei neuen Baukörpern ergänzt. © Brigida González
Mit der behutsamen Transformation des Stammhauses des Deutsches Meeresmuseum im Katharinenkloster haben Reichel Schlaier Architekten eine komplexe Aufgabe zwischen Denkmalpflege, funktionaler Erneuerung und zeitgemäßer Museumsarchitektur umgesetzt. Ziel des 2017 gewonnenen Wettbewerbs war es, die über Jahrhunderte gewachsene Anlage in Stralsund räumlich zu klären und für zukünftige Anforderungen zu ertüchtigen.


Die Kupferhülle des neuen Großaquariums fügt sich mit reduzierter Formensprache in das Ensemble ein. © Brigida González
Differenzierter Eingriff
Das ehemalige Dominikanerkloster aus dem frühen 14. Jahrhundert war durch zahlreiche Umbauten und Nutzungswechsel überformt. Anstatt einen radikalen Rückbau vorzunehmen, verfolgte das Planungsteam eine differenzierte Strategie: Historisch weniger relevante Ergänzungen wurden entfernt, wertvolle Eingriffe – etwa das Stabtragwerk aus DDR-Zeit im Kirchenschiff – blieben erhalten. So konnte die ursprüngliche Klosterstruktur wieder stärker hervortreten. Freigelegte Bereiche wie der „Lange Gang“ oder der Westhof machen die historischen Raumbezüge erneut erfahrbar. Archäologische Funde, darunter Fundamente einer Vorgängerkirche und mittelalterliche Keller, wurden in das Ausstellungskonzept integriert.


Klostermauern mit neuem Großaquarium, © Brigida González
Alt und Neu im Dialog
Leitidee des Entwurfs ist die eindeutige Ablesbarkeit der Zeitschichten gemäß der Charta von Venedig. Die neuen Baukörper treten nicht historisierend auf, sondern fügen sich mit reduzierter Formensprache in das Ensemble ein. Eine Kupferhülle in handwerklicher Leistendeckung verleiht den Ergänzungen eine ruhige Präsenz und nimmt Bezug auf die Dachlandschaft der Stralsunder Backsteinkirchen. Verglaste Fugen verbinden Bestand und Neubau und eröffnen gezielte Einblicke in die gotische Substanz. Besonders deutlich wird dies am Westhof, wo eine transparente Verbindung den Blick auf die Giebelseite des Kirchenschiffs freigibt.


Der kleine Westhof wurde vollständig überbaut und dient nun als zentraler Erschließungsraum. © Brigida González
Neu geordnete Besucherführung
Ein zentrales Ziel war die Verbesserung der Orientierung. Neuer Haupteingang ist das umgenutzte Forum am Nordhof mit Kasse und Information. Von hier führt der Rundgang über den geöffneten Westhof in die Katharinenhalle, die nun wieder über ihr historisches Portal betreten wird. Ein Brückenbau führt zum neuen Großaquarium. Das 80 m² große Becken ist von drei Ebenen einsehbar und bildet einen wichtigen Anziehungspunkt. Der Rundgang endet bei den Meeresschildkröten und führt über den „Langen Gang“ zurück zum Ausgangspunkt. Barrierefreiheit wurde trotz unterschiedlicher Höhenniveaus weitgehend über geneigte Böden und Stege gelöst, wodurch die Zahl notwendiger Aufzüge gering blieb.


Der Bodenbelag im Westhof besteht aus historischen Granitsteinen. © Brigida González


Der Weg durch den „Langen Gang“ führt über einen Steg oberhalb des ursprünglichen Bodenniveaus. © Brigida González
Nachhaltigkeit im Denkmal
Der Umgang mit dem Bestand ist zugleich Teil des Energiekonzepts. Wo möglich, wurden Bauteile erhalten oder wiederverwendet – von Granitpflaster im Westhof bis zu Fenstern, Geländern und Holzbauteilen. Neue Gebäudehüllen entstanden überwiegend in Holzbauweise. Technisch setzt das Museum auf Effizienzsteigerung bei minimalem Eingriff: Luft-Wasser-Wärmepumpen mit Wärmerückgewinnung, LED-Beleuchtung sowie optimierte Pumpentechnik für die Aquarien senken den Energiebedarf deutlich. Mit der Maßnahme wurde das traditionsreiche Haus unter der Dachmarke des Deutschen Meeresmuseums – zu der auch das 2008 errichtete Ozeaneum von Behnisch Architekten gehört – funktional neu aufgestellt und zugleich als vielschichtiges historisches Ensemble geschärft.
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Architektur: Reichel Schlaier Architekten
Bauherr: Deutsches Meeresmuseum Stralsund
Standort: Bielkenhagen 10, 18439 Stralsund (DE)














