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    Architektur | Themen | Heft 11/2013

    Meditation in Weiß: John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Text und Fotos: Jakob Schoof

    Vom überbordenden Barock bis zum eher spröden Charme der Nachkriegszeit hat das Interieur der Augsburger Moritzkirche bereits viele Überformungen erlebt. Nun hat der britische Minimalist John Pawson ein weiteres Kapitel ihrer Baugeschichte aufgeschlagen.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Blick Richtung Apsis

    Auf den ersten Blick scheint Weiß in der katholischen Kirche die Trendfarbe des Frühjahrs zu sein: Weiß für Weglassen, für Bescheidenheit, für die Konzentration auf das Wesentliche. Der neue Papst Franziskus bevorzugt puristisches Weiß als Ausdruck einer neuen Haltung als Kirchenführer. Und eines der vielleicht außergewöhnlichsten Kirchenbauprojekte des neuen Jahres erstrahlt ebenfalls in blendendem Weiß: Ende April wurde die Augsburger Moritzkirche nach zweieinhalbjährigem Umbau durch John Pawson wiedereröffnet.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Eingangsfront der Augsburger Moritzkirche

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Blick von innen Richtung Orgel

    Ein weltbekannter Architekt errichtet (beziehungsweise saniert) einen Sakralbau in der deutschen Provinz – ein wenig erinnert die Geschichte der Moritzkirche an die Entstehung der Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor in Mechernich-Wachendorf in der Eifel. Die Augsburger Kirchengemeinde war 2007 auf Pawson zugetreten und hatte ihm buchstäblich „Carte blanche“ für den Umbau gegeben. Was sie in etwa erwarten würde, wussten die Gemeindevorstände bereits, nachdem sie vor Baubeginn eine Reise nach Novy Dvur in Tschechien unternommen hatten. Dort hat Pawson 2004 ein Trappistenkloster für eine aus Frankreich übergesiedelte Gruppe von Mönchen fertiggestellt – gleichfalls fast ganz in Weiß, schmucklos und detailfrei, doch mit einzigartiger Atmosphäre dank einer meisterhaften Lichtregie.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Gewölbe

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Gewölbe

    In Augsburg indes errichtete Pawson keinen Neubau, sondern wagte einen radikalen Eingriff in einen bestehenden Kirchenbau mit 1000-jähriger Geschichte. Die Moritzkirche entstand zuerst ab 1019 als romanische Basilika und wurde ab 1299 im Stil der Gotik neu errichtet. 1714 folgte eine grundlegende Umgestaltung im Barockstil durch den Füssener Baumeister Johann Jakob Herkommer. Die Bombennacht vom 24. zum 25. Februar 1944 überlebten nur die Außenmauern der Kirche intakt, doch erneut gewann die Kirchengemeinde einen führenden Baumeister ihrer Zeit für den Wiederaufbau: Dominikus Böhm gab dem Kircheninneren in den Nachkriegsjahren eine reduzierte Ästhetik, die bereits leise Anklänge an das zeigt, was Pawson später schuf.
     
    In den darauffolgenden Jahrzehnten überlagerten jedoch immer neue Umbauten den ausdrucksstarken Böhm-Bau, so dass sich die Kirchengemeinde 2007 zu einem ungewöhnlichen Schritt entschloss: Die Augsburger Künstlerin Juliane Stiegele erhielt den Auftrag, im Rahmen einer temporären Kunstinstallation (Titel: „void“) „alle im Kirchenraum sichtbaren Einbauten, Einfügungen und Möblierungen, die nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung der Liturgie vonnöten sind“ zugunsten eines „visuellen Fastens“ zu entfernen oder zu verdecken.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Moritzkirche 2007 vor dem Umbau, Foto: Gemeinde Moritzkirche Augsburg

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Gewölbe des Hauptschiffs nach dem Umbau

    Dergestalt auf den Geschmack gekommen, entschloss man sich im Anschluss, das „Fasten“ auf Dauer auszudehnen und beauftragte John Pawson mit dem Umbau der Kirche. Der ehemalige Barockbau lässt sich an den Raum- und Fensterformen sowie den geschnitzten Apostelfiguren in den Seitenschiffen noch erahnen. Doch die Atmosphäre ist eine völlig andere: „Dieses Weiß ist auch eine Herausforderung. Die Moritzkirche ist kein Wohnzimmer, sie ist keine gemütliche Kirche“, sagt Dekan Helmut Haug, der seitens der Gemeinde für den Umbau verantwortlich zeichnete.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Altarraum mit Chorgestühl

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Hauptaltar

    Hinzu kommen nur wenige andere Farbtöne an der Grenze zur Farblosigkeit. Der Boden ist mit hellbeigem portugiesischem Kalkstein belegt; aus dem gleichen Material besteht auch der viereinhalb Tonnen schwere, monolithische Altarblock. Kirchen- und Chorgestühl sowie die Einfassung der Orgel über dem Eingang sind aus dunkel gebeiztem Holz gefertigt. Selbst der spärliche Skulpturenschmuck zeigt bis auf wenige Ausnahmen – etwa den segnenden „Christus Salvator“ des Barockbildhauers Georg Petel in der Chorapsis – keine farbige Fassung.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Nördliches Seitenschiff mit Apostelfiguren

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Kapelle mit Kruzifix

    Fast weiß sind auch die fein geäderten, auf Glas auflaminierten Onyxscheiben, die Pawson den hohen Chorfenstern vorblenden ließ. Sie wirken als homogene Lichtflächen; nur ganz schemenhaft sind hinter dem transluzenten Stein noch die Sprossen der äußeren Verglasung zu erkennen.

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Hauptschiff mit Kirchengestühl

    Kirchengestühl

    Wenn es draußen allmählich dunkel wird, geht in der Moritzkirche ein zweites Mal die Sonne auf. In der Chorapsis, zu Füßen der Pfeiler im Hauptschiff sowie in den Kalotten der zweischaligen, von Dominikus Böhm übernommenen Kuppeln sind verdeckte LED-Leuchten angebracht, die den Kirchenraum mit einem leicht gelblichen Licht erfüllen. 

    John Pawson saniert die Moritzkirche in Augsburg

    Taufkapelle

    Bleibt noch die Frage: Wie klingt nun ein derart leergeräumter Kirchenraum? Die Besucher des Eröffnungskonzerts am 28. April 2013 konnten sich hiervon einen Eindruck verschaffen: Für das gesprochene Wort ist die Akustik desaströs (die Kirchenbaumeister vergangener Jahrhunderte wussten, weshalb sie ihre Kanzeln mit Schalldeckeln versahen), für Choralgesänge hingegen schlichtweg gigantisch.

    PDF-Download zum Projekt


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