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Axel Springer, OMA, Headquarter

Axel Springer-Campus von OMA: Trendsetter oder Anachronismus?

Journalismus ist Quatschen auf dem Flur, lautet das berühmte Zitat von Henri Nannen. Damit die Reporter in der neuen Nachrichtenzentrale des Axel Springer-Konzerns noch mehr quatschen und sich austauschen können, hat OMA die Wände gleich ganz weggelassen – das ganze Haus wird zum Flur. In Zeiten von Corona ist das problematisch und provoziert die Frage, ob sich diese Form der offenen Bürokonzepte überlebt hat oder ob sie das Überleben der Firmen gerade in Corona-Zeiten sichert.

Gute Architektur kann auf unterschiedlichen Ebenen gelesen werden und mannigfaltige  Bilder und Assoziationen hervorrufen. Zumindest diese Kriterien erfüllt der Neubau von Rem Koolhaas und Chris van Duijn. Die Konzentration der unterschiedlichsten Medien und Standorte der Axel Springer-Gruppe in ein gemeinsames Gebäude soll bewirken, was die Aufgabe eines jeden Headquarters ist: Synergieeffekte schaffen, kurze Wege, Identifikation der eigenen Mitarbeiter mit der Marke und Außenwirkung als zukunftsfähiges Unternehmen. Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist es wichtig sich als unverzichtbarer Partner für Werbebotschaften auf allen Kanälen zu empfehlen.

Das Büro als Arbeitsplatz neu erfinden wollten Rem Koolhaas und Chris van Duijn, als sie in ihrem Wettbewerbsentwurf 2013 eine Tallandschaft aus gestaffelten Plattformen vorgeschlagen haben. Unter der Decke des darüberliegenden Geschosses sollten eher konventionelle Arbeitsplätze für konzentriertes Arbeiten angeboten werden, während auf den Terrassen unterschiedlichste Typologien an Möblierung zu den unterschiedlichsten Formen der Zusammenarbeit animieren. Das Konzept war schon seinerzeit nicht neu, Google und Co. hatten bereits mit ihren kunterbunten Playgrounds mit Hängematten, Tischfußball und Kuschelecke die klassischen Typologien von Zellenbüro, Kombibüro und Großraum gehörig aufgemischt. Die Springer-Version des New Work fällt dagegen fast sachlich aus.
Das "Tal der Reporter", durchschneidet den rechteckigen Gebäudeblock in der Diagonalen und fokussiert durch verglaste Fassaden das Springer-Hochhaus – die BMW-Welt in München mit Schlitz im Dach für den Blick auf den Vierzylinder lässt grüßen. Das Konzept konnte den Bauherrn und die Jury unter Vorsitz von Friedrich von Borries überzeugen und sich letztlich gegen die Entwürfe von Bjarke Ingels und Ole Scheren durchsetzen.

In der Realisierung wirkt diese große Geste mitten im Kontext des Stadtteils Kreuzberg fragwürdig. Städtebaulich bleibt das Projekt auf sich selbst bezogen: Fuck the Context – wir, der Axel Spinger-Campus sind der Kontext. Korrekturen am Gebäudevolumen in der Überarbeitungsphase haben das Problem abgemildert, aber nicht gelöst. Die obersten Geschosse wurden nach Einsprüchen der Nachbarn nach hinten geneigt, das Gebäude programmatisch geöffnet mit einer verglasten Besucherbrücke, die quer über das Tal der Reporter spannt; außrdem gibt es nun eine öffentlich zugängliche Skybar.

Protagonist der Meinungsfreiheit
Das Haus will die eigene Geschichte des Axel Springer-Verlags als Protagonist der Meinungsfreiheit in Zeiten der sozialistischen Diktatur beschwören und ist gleichzeitig der Versuch, die dunklen Seiten seiner Geschichte abzuschütteln. 

13. August 1961. Fünf Monate nach Baubeginn des goldfarbenen Springer-Hochhauses  wird in unmittelbarer Nähe des Grundstücks der künftigen Axel Springer-Zentrale die Berliner Mauer errichtet. 22 Jahre lang trennt sie den meinungsfreien Westen vom Maulkorb des Warschauer Paktes, der den Konsum von Westfernsehen und die Westpresse mit drakonischen Strafen belegt. Das Springer-Hochhaus wird zum Symbol der Meinungsfreiheit und der Hoffnung auf eine Wiedervereinigung, deutlich sichtbar auch von Osten aus, von den Bürgern der DDR über die Mauer hinweg.

Im Westen hat die "Springer-Presse" vor allem in politisch linken Kreisen einen eher fragwürdigen Ruf: Rudi Dutschke hat sie wegen ihrer Hetzkampagnen gegen die Studentenbewegung der 68er-Jahre direkt für das Attentat auf ihn verantwortlich gemacht. Ihm zum Gedenken wurde unter starker Beteiligung des Konkurrenzblatts der Bild-Zeitung, der linken Taz, die Kochstraße 2008 in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Als Straßenschilder prallen nun die Namen Rudi Dutschke und Axel Springer genau an dieser Ecke für ewig senkrecht aufeinander.

Medienhäuser weltweit: elegant und kühn
Akontextuell und bedeutungsbeladen ist er also, der Neubau von OMA, aber ist er auch schön?  Seit jeher haben Verlagshäuser besonderen Wert darauf gelegt, die Aktualität und stilistisch perfekte Aufarbeitung ihrer Inhalte mit herausragender, für ihre Zeit avantgardistischer Architektur zu visualisieren. Legendär ist der 1922 ausgeschriebene internationale Wettbewerb für den Wolkenkratzer des Chicago Tribune, bei dem 260 Büros aus aller Welt teilnehmen, unter anderem die größten Namen der Moderne wie Walter Gropius und Adolf Loos. "The most beautiful and eyecatching building in the world" lautete das Briefing. Mit dem Stuttgarter Tagblatt-Turm ist 1927 in der Innenstadt ein vertikales Pendant in der Bauhaus-Moderne der Weißenhofsiedlung entstanden. Seit 1932 verstrahlt das elegante Art Déco-Gebäude des Daily Express von Ellis und Clark in der Londoner Fleet Street mit seinen gerundeten schwarzen Glasfassaden zeitlose Dynamik und Eleganz. Die New York Times bekam von Renzo Piano einen 52-geschossigen Skyscraper mit einer transluzenten Fassade aus Keramikröhren – ein Nadelstreifenanzug der Seriosität. Für dieses Jahr ist die Fertigstellung der neuen Zentrale von Le Monde im Zentrum von Paris terminiert, eine Brücke mit Pixelfassade als Referenz an die Digitalisierung in elegantem Schwung  zwischen Lesern und Verlag, so die Absicht der Architekten von Snøhetta.

Nicht schön, aber einzigartig
Wo steht in diesem Kontext der Axel Springer-Neubau? Noch gibt es keinen Spitznamen der Berliner Schnauze. Soll der kantig fast aggressive Ausdruck des düsteren Gebäudes an die Bulldogge des Satiremagazins Simplizissimus aus den 1920er-Jahren erinnern? Unter die neuen Wahrzeichen Berlins wird der Bau wohl nicht eingereiht werden.  Verglichen mit dem Hype um den Neubau der Niederländischen Botschaft in Berlin von OMA im Jahr 2000 war das Medien-Echo bisher sehr leise. Eines haben Rem Koolhaas und Chris van Duijn geschafft: Sie haben sich auch beim Axel Springer-Bau allen gängigen Typologien entzogen.

Nach der Trump-Ära hat ihr Schaufenster in den Newsroom eine neue Aktualität bekommen. Transparenz bei der Recherche, anstelle in Hinterzimmern ausgeklügelter Fake News. Bleibt zu hoffen, dass die 3500 Mitarbeiter ihre neue Arbeitswelt auch trotz Corona oder nach Corona auch in Anspruch nehmen und nicht über längere Zeit aus dem Homeoffice arbeiten.  Das Vorzeigeprojekt für Digitalisierung im Journalismus könnte so zum Dinosaurier der kommunikativen Arbeitswelten werden. Digitalisierung bleibt eine große Herausforderung für Medienhäuser, die der Konkurrenz von Twitter und Co. trotzen müssen. Roboter, die Textbausteine zu neuen Texten zusammensetzen sind bereits heute gängige Praxis der Nachrichtendienste. Sie brauchen weder Tageslicht noch Terrassen mit viel Luftraum – und erst recht keine Dachterrasse mit Skybar.

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